Vom eigenen Bruder nach China verkauft

Als Folge der Ein-Kind-Politik kämpft das Reich der Mitte mit einem massiven Ungleichgewicht der Geschlechter. Weil Millionen Männer keine Frau finden, floriert der Menschenhandel.

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Als Kiab 16 Jahre alt wurde, reiste sie mit ihrem Bruder in den Norden Vietnams. Er hatte ihr ein Fest versprochen, doch tatsächlich wurde sie als Braut an eine chinesische Familie verkauft. Fast einen Monat verbrachte die Vietnamesin in China, bevor ihr die Flucht gelang. Sie wurde Opfer von Menschenhändlern, die Frauen aus armen Gebieten in Vietnam, Nordkorea, Laos, Kambodscha und Burma als Zwangsbräute oder Prostituierte nach China verschleppen.

Denn als Folge der Ein-Kind-Politik kämpft das riesige Land mit einem massiven Ungleichgewicht der Geschlechter: Weil chinesische Familien männlichen Nachwuchs bevorzugen, finden Millionen Männer keine Frau im eigenen Land. Dies befördert nach Angaben von Menschenrechtlern den Mädchenhandel.

Kiab konnte nach Vietnam zurückkehren und lebt inzwischen in einem Frauenhaus in der Grenzstadt Lao Cai. «In meinen Augen ist mein Bruder kein Mensch mehr - er verkaufte seine eigene Schwester nach China», sagt das Mädchen von der Volksgruppe der Hmong. «Ich hatte viel über Menschenhandel gehört, doch ich konnte mir nicht vorstellen, dass es mir selbst passiert.»

«Systematischer» Frauenhandel

Zurzeit leben ein dutzend Mädchen verschiedener ethnischer Minderheiten in dem 2010 eröffneten Haus. «Für diese Mädchen gibt es nichts zu Hause, nicht einmal genug zu essen», sagt Heimleiter Nguyen Tuong Long. Alle wurden angeblich von Verwandten, Freunden oder sogar Partnern verkauft. Da der Menschenschmuggel von kriminellen Banden organisiert wird, meist in abgelegenen Gemeinden, sind offizielle Zahlen wenig aussagekräftig.

Doch Menschenrechtsgruppen in Südostasien berichten von «systematischem» Frauenhandel nach China. «Das Problem ist von den chinesischen Behörden weitgehend unter den Teppich gekehrt worden», sagt Phil Robertson von der Menschenrechtsorganisation Human Rights Watch. Nach Angaben der Hilfsorganisation Blue Dragon Children's Foundation werden die Mädchen für bis zu 5000 Dollar (rund 3600 Euro) als Bräute oder in Bordelle verkauft. Viele mussten wahrscheinlich als Prostituierte arbeiten, geben aus Scham jedoch an, sie seien in Ehen gezwungen worden. 71 verschleppte Mädchen brachte die Organisation seit 2007 zurück.

Keine Rückkehr zur Familie

Die Grenze zwischen den kommunistischen Nachbarn Vietnam und China verläuft in einer gebirgigen, abgelegenen Region auf 1350 Kilometern Länge. «Vor allem Frauen aus isolierten Gebirgsgegenden werden über die Grenze geschmuggelt, weil wir von Informationen abgeschnitten sind», sagt die 18-jährige Lang von der Volksgruppe der Tay. Sie wurde von einem Freund an eine chinesische Familie verkauft. Im Norden Vietnams ist der Menschenhandel so ausgeprägt, dass ganze Gemeinden in Angst leben.

«Ich mache mir solche Sorgen, wie alle Mütter im Dorf, es ist schon einer Menge Mädchen passiert», sagt Phan Pa May von der Ethnie der Red Dzao. «Meine Tochter ist schon verheiratet, aber ich habe Angst um meine Enkelin. Wir fragen sie immer, wohin sie geht, warnen sie vor Telefongesprächen oder davor, irgend jemandem zu trauen.»

Auch die Regierung startete nach eigenen Angaben Aufklärungskampagnen. May Na von der Volksgruppe der Hmong war 13, als ihr Onkel sie zur Ehe mit einem Chinesen zwang. «Sie liessen mich alleine zu Hause und ich kletterte über die Mauer und lief weg», erzählt sie. «Ich irrte mehr als einen Tag herum, verlief mich, schlief auf der Strasse, weinte.» Da sie nur ihre Muttersprache Hmong beherrscht, dauerte es mehr als einen Monat, bis sie mithilfe der chinesischen Polizei nach Vietnam zurückkehrte. Obwohl ihr Onkel festgenommen wurde, will sie nicht zu ihrer Familie zurück. (ajk/AFP)

Erstellt: 03.07.2014, 20:02 Uhr

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