Von Bhagwan ins Gefängnis ins Baselbiet

Sheela Birnstiels Geschichte klingt wie einem Film entlehnt: Sie war Chefin der Bhagwan-Sekte und erlebte turbulente Jahre, die im Gefängnis endeten. Heute leitet sie zwei Behindertenheime in der Schweiz.

Mit Herz und Hingabe: Sheela Birnstiel war einst Geliebte und Vertraute von Guru Bhagwan, heute führt sie im Oberbaselbiet zwei Behindertenheime.

Mit Herz und Hingabe: Sheela Birnstiel war einst Geliebte und Vertraute von Guru Bhagwan, heute führt sie im Oberbaselbiet zwei Behindertenheime. Bild: Szene aus «Guru Bhagwan, his Secretary & his Bodyguard

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Als Sheela Birnstiel 1997 kurz nach der Neueröffnung ihres heute in der Kritik stehenden Heimes Matrusaden erstmals vor die versammelte Gemeinde Maisprach trat, sorgte sie gleich für Empörung. Sie äusserte sich abschätzig über die damalige Pflegepraxis: Es brauche kein ausgebildetes Personal, verkündete sie. «Man muss nur mit dem Herzen und Hingabe pflegen, das kann jeder lernen.»

Die Skepsis bei ihrer Ankunft im Bauerndorf war gross: Sie, die ehemalige Geliebte und rechte Hand des verstorbenen indischen Sektengurus Bhagwan, eine warme, herzliche Frau mit sprühendem Charme und voll von Spiritualität. Und da, die nüchternen, bodenständigen Maispracher, die eher an den Duft von Stumpen als an den von Räucherstäbchen gewohnt waren.

Im orangefarbenen Wahn

Die heute 63-Jährige suchte im Oberbaselbiet nach der Heirat mit einem Schweizer Sektenmitglied einen Neuanfang. Nach turbulenten Jahren in der Bhagwan-Sekte, die sie auf dem Höhenpunkt ihrer Macht mit eiserner Hand führte, und nach dreieinhalb Jahren im Gefängnis. Von der Sektenführerin zur Leiterin zweier Behindertenheime – das ist die wundersame Wandlung der Sheela Birnstiel.

Mit zarten einundzwanzig Jahren wurde Birnstiel von ihrem Vater Shree Rajneesh, dem späteren Bhagwan, vorgestellt. Sie habe ihn «von Anfang an geliebt», sagt sie heute. Der Philosophiedozent begeisterte mit seinen Predigten gegen die prüde Sexualmoral nicht nur die angehende Philosophiestudentin, sondern auch die 68er-Bewegung aus dem Westen.

Im orangefarbenen Wahn

Nach ihrem Philosophie- und Psychologiestudium in den USA kehrte Birnstiel 1972 verheiratet nach Indien zurück. Das Paar trat daraufhin der von Bhagwan gegründeten Sekte der «Neo-Sannyassins» bei, deren Anhänger orange oder rötliche Kleidung trugen. Die proklamierte freie Liebe traf den Zeitgeist, Tausende pilgerten nach Indien. Auch Birnstiel und ihr Ehemann zogen nach Poona in Bhagwans Ashram, eine Art Meditationszentrum, wo auch ein Teil der Sekte lebte.

Bald stieg sie zur engsten Vertrauten des Bhagwans auf, wurde seine persönliche Sekretärin und Geliebte. Die freizügige Sekte eckte jedoch bei der indischen Bevölkerung an, auch aus Platzgründen zog sie 1981 in eine sechs Millionen Dollar teure Ranch im US-Bundesstaat Oregon. Gleichzeitig übernahm Birnstiel die Führung der Sekte, Bhagwan zog sich für eine mehrjährige Schweigezeit zurück. Ma Anand Sheela, wie sie in der Sekte genannt wurde, war auf dem Höhepunkt ihrer Macht.

Jetzt zeigte sie ihren Unternehmergeist. Die Suche nach Spiritualität war ein florierendes Geschäft. Die sinnesdurstigen Hippies füllten Bhagwans Kassen. Die Sekte gründete ihren eigenen Verlag, eine Bank, Juweliergeschäfte, Spielhallen und hatte sogar ihre eigene Flugzeugflotte. Baghwan gönnte sich zudem den Luxus von über 90 Rolls-Royces.

Anschlag mit Salmonellen

Unter der Regie von Birnstiel wuchs die Kommune und mit ihr – wieder – der Ärger der Nachbarn. Als sich schliesslich die Sekte in die lokale Politik einmischte, spitzte sich die Situation zu. Die Anwohner der Ranch protestierten, die Sekte fühlte sich wiederum bedroht. Sheela Birnstiel verlieh der ehemaligen Spasskommune daraufhin totalitäre Strukturen: Sie liess das Gelände umzäunen, Wachtürme aufbauen und gründete eine private, mit Revolvern bewaffnete, 150 Mann starke Privatpolizei. Mit Abhöranlagen wurden die Sektenmitglieder kontrolliert.

Der Konflikt eskalierte: 1984 verübte die Sekte einen Salmonellen-Anschlag auf Salatbars: 750 Menschen erkrankten. Damit wollte Birnstiel die Anwohner von der anstehenden Bezirkswahl fernhalten, um das Gebiet unter ihre Kontrolle zu bringen. Sie flüchtete und wurde in Deutschland verhaftet. Wegen schwerer Körperverletzung und versuchten Mordes wurde sie nach einem aussergerichtlichen Vergleich zu viereinhalb Jahren Gefängnis verurteilt. Zudem wurde sie verdächtigt, sie habe 55 Millionen Dollar mitgehen lassen. Dies konnte ihr aber nie nachgewiesen werden. Noch heute beteuert Birnstiel, unschuldig im Gefängnis gewesen zu sein. Bhagwan distanzierte sich danach von seiner Verehrerin.

Begeisterung und Skepsis

Ihre Vergangenheit verunsichert und irritiert: Heute fragen sich die Maispracher und die Baselbieter Heimleiter: Wie viel Ma Anand Sheela steckt heute noch in Sheela Birnstiel? Mit der BaZ wollte sie darüber nicht sprechen. Es ist eine spezielle Art, wie sie die Behindertenpflege interpretiert. Mit viel Nähe und Herz, aber mit weniger Fachlichkeit. So wohnt sie selber im Heim Matrusaden, was heute für Leiter absolut unüblich ist. In einem System voller Richtlinien, Normen und Administration findet sich der Freigeist nun langsam zurecht, Kritik kann sie nicht nachvollziehen.

Noch immer ist Bhagwan in ihrer Nähe: Ein Bild von ihm hängt noch heute in ihrem Büro. Sheela Birnstiel polarisiert, auch in Maisprach. Einige zeigen sich begeistert von ihrer Herzlichkeit und ihrem Engagement. Diese verteidigen sie vehement. Andere zeigen sich skeptisch aufgrund ihrer Vergangenheit. Letztere haben den Eindruck, dass die Heimbewohner «öfters sich selber überlassen werden». (Basler Zeitung)

Erstellt: 23.02.2014, 18:14 Uhr

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Sheela Birnstiel vor einem ihrer beiden Behindertenheime. (Bild: Elena Monti)

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