Hintergrund

Von wegen weniger Lust

Neueste Erkenntnisse zeigen, dass der weibliche Sexualtrieb weitaus stärker ist als lange vermutet. Und: Monogamie langweilt Frauen mehr als Männer.

Auch Frauen können Sex einfordern: Ausschnitt aus dem Film «Mickey Blue Eyes» mit Hugh Grant und Jeanne Tripplehorn.

Auch Frauen können Sex einfordern: Ausschnitt aus dem Film «Mickey Blue Eyes» mit Hugh Grant und Jeanne Tripplehorn. Bild: Keystone

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Die Meinungen sind ja schnell gemacht, wenn es um die Geschlechter geht. Und wenn es um Sex geht, erst recht. Egal, wie aufgeschlossen sich eine Gesellschaft gibt – die Ansicht, dass Männer triebgesteuerter seien als Frauen, einen grösseren sexuellen Appetit hätten, mehr Abwechslung im horizontalen Bereich bräuchten, hält sich hartnäckig.

Als geläufigste und anerkannte Erklärung für dieses geschlechterspezifische Verhalten musste die «parental investment theory» herhalten: Weil Männer unerschöpfliche Mengen an Samen haben, Frauen aber nur eine beschränkte Anzahl Eier, weil Männer die Folgen des Sex nicht so viel kostet wie die Frauen und sie sich weder dem Risiko einer Schwangerschaft noch dem einer Geburt aussetzen müssen, möchten Männer mit so vielen Partnerinnen wie möglich schlafen, während Frauen sich den besten Genträger aussuchen, der dann für sie und ihre Nachkommen sorgen soll. Kurz: Es liege in der Biologie, dass Männer zur Promiskuität neigten und Frauen zur Monogamie.

Der Körper sagt etwas anderes

Die Sexualwissenschaft vermutet seit Jahren, dass diese Ansicht nicht stimmt. In seinem Buch «What Do Women Want?» fasst der «New York Times Magazine»-Autor Daniel Bergner die neuesten Erkenntnisse zusammen, und David Buss, Professor an der Universität Austin und einer der führenden Sexualtheoretiker, bringt es darin auf den Punkt: «Das, was gesellschaftlich gewünscht ist, hat wenig mit den wirklichen Bedürfnissen der Frauen zu tun.» Womit er auch sagt: Die weibliche Lust ist eng mit Moralvorstellungen verknüpft – was eine anständige und ehrbare Frau ist, definiert sich über ihr Sexualleben, und das sollte auf keinen Fall ausschweifend sein.

Die Sexualwissenschaft, erst im späten 19. Jahrhundert als Disziplin entstanden, war schon immer männerdominiert. Bis heute sind in der wichtigsten Vereinigung von Fachleuten, der International Academy of Sex Research, nicht mal ein Drittel aller Mitglieder weiblich. Und abgesehen von einem kurzen Aufflackern in den 70er-Jahren interessierte die weibliche Lust bis in die späten 90er-Jahre schlicht nicht. Das hat Folgen bis heute: Das Verlangen der Frauen wurde entweder verteufelt, problematisiert, oder man sprach ihnen ein Begehren des tieferen Testosteronspiegels wegen ganz ab. Letztere Theorie stimmt nicht: Bei den Rhesusaffen etwa ist das Weibchen sexuell dominant. Dabei ist sein Testosterongehalt tiefer als derjenige des Männchens – und dieser Hormonunterschied ist vergleichbar mit jenem bei Menschen.

Es gibt weitere Affenarten (und zahlreiche weitere Tiere), bei denen ebenfalls die Weibchen fordernd auftreten und bestimmen, wann und mit wem sie sich paaren. Mittlerweile ist sogar unbestritten, dass Tiere Lust empfinden: Weibliche Ratten beispielsweise verlängern absichtlich den Koitus, und es bereitet ihnen offenkundig Lust, wenn man sie an neuralgischen Stellen streichelt. Neu sind diese Erkenntnisse nicht, bereits in den 40er- und 50er-Jahren berichteten Forscher von solchen Beobachtungen; sie wurden ignoriert, weil sie den gängigen Rollenbildern widersprachen.

Mit Experimenten bestätigt

Nicht nur Erkenntnisse über unsere nächsten Verwandten legen den Verdacht nahe, dass die bisherigen Annahmen falsch gewesen sein könnten – zahlreiche Experimente weisen ebenfalls darauf hin. Zum Beispiel dasjenige, bei dem Frauen und Männern Filme von schwulen, lesbischen und heterosexuellen Paaren sowie Affen beim Sex gezeigt worden waren. Gemessen wurde bei beiden Geschlechtern die sexuelle Erregung, danach wurden die Probanden dazu befragt. Bei den Männern waren die Resultate wenig überraschend: Sie reagierten auf das, was man erwartet hatte (küssende Frauen liessen schwule Männer kalt), und ihre Aussagen stimmten mit der körperlichen Erregung überein. Bei den Frauen hingegen manifestierte sich in allen Fällen Erregung, selbst bei schwulem Sex und bei kopulierenden Affen. Befragt dazu, behaupteten sie aber das Gegenteil. Was bedeutet das? Dass bei Frauen der Körper zwar reagiert, ihr Kopf das aber nicht als Lust empfindet? Oder liegt die Vermutung näher, dass Frauen aufgrund ihrer kulturellen Prägung die Wahrheit verschweigen, weil sie sich nicht schickt, sie nicht zu vereinbaren ist mit dem Bild der sexuell zurückhaltenden Frau?

In weiteren Studien stellte sich heraus, dass die zweite Annahme zutraf: Je anonymer Frauen nach der Anzahl ihrer Sexualpartner befragt wurden, desto höher fiel diese aus. Schliesst man sie gar an einen vermeintlichen Lügendetektor an, haben sie im Durchschnitt mehr Liebhaber vorzuweisen als Männer Liebhaberinnen.

Die Tablette zur Triebsteuerung

Es ist also davon auszugehen, dass die körperlichen Reaktionen der Frauen verlässlicher waren als ihre mündlichen Angaben. Das würde bedeuten, dass Frauen wesentlich stärker auf visuelle Reize reagierten, als man das lange behauptet hatte. Zeigt man nämlich Frauen Bilder von gut aussehenden Männern, ist die Bereitschaft, mit ihnen Sex zu haben, genauso gross wie bei Männern im umgekehrten Fall, und, noch auffallender: Frauen finden fremde Männer eindeutig attraktiver als solche, die sie gut oder flüchtig kennen.

Das heisst: Es stimmt nicht, dass Frauen als Voraussetzung für Sex emotionale Nähe und Geborgenheit brauchen, Frauen reizt das Neue, das Unbekannte genauso wie Männer. Was wiederum die Frage aufwirft: Kann es angesichts dieser Resultate wirklich stimmen, dass Frauen von Natur aus zur Monogamie neigen? Auch da kamen die Forscherinnen und Forscher unabhängig voneinander zu übereinstimmenden Ergebnissen: Obschon es üblich ist, dass nach längerer Zeit in einer Partnerschaft die Lust aufeinander schwindet, ist dies bei Frauen deutlich schneller und stärker der Fall als bei Männern. Bergner schreibt: «Sexuell gesehen sind die Frauen für die Monogamie offenbar weniger geeignet als die Männer.»

Testosteron-These nicht haltbar

Gerade in langjährigen Beziehungen ist das ein Problem. Die Frauen lieben ihre Partner (und ihre Partnerinnen, lesbische Frauen sind genauso davon betroffen), sind glücklich mit ihnen, haben aber keine Lust mehr auf Sex, obschon sie sich diesen wünschen. Weshalb dem so ist, weiss man nicht, bis jetzt konnte keine Studie überzeugende oder eindeutige Resultate liefern. (Man weiss nur eines mit Sicherheit: Die Lust lässt sich wesentlich länger erhalten, wenn Paare nicht zusammenwohnen.)

Dass sexuelles Desinteresse bei Frauen häufiger auftritt als bei Männern, wurde lange mit dem tieferen Testosteronspiegel begründet; diese These ist nicht haltbar, das weiss man mittlerweile. Als an Medikamenten zur Steigerung der weiblichen Lust getüftelt wurde, erwies sich ein Testosterongel als Flop. Momentan prüft die amerikanische Heilmittelzulassungsbehörde FDA zwei neue Produkte, Lybrido und Lybridos, die gute Chancen haben, 2016 auf den Markt zu kommen (von einem weiblichen Viagra zu sprechen, wäre indes irreführend, denn die Tablette wirkt nicht im Genitalbereich, sondern im Gehirn).

Daniel Bergner ist überzeugt, dass Lybrido und Lybridos eine ähnliche Wirkung auf die Selbstbestimmung der Frauen haben könnte wie damals die Pille. Und es gibt nicht wenige, denen diese Vorstellung gar nicht gefällt. Männliche Forscher befürchteten nicht etwa, Frauen könnten mit dem Medikament gefügig gemacht werden, sondern dessen Wirkung könnte zu stark sein.

Dass die weibliche Sexualität sich auch 2013 genau in dem Rahmen bewegen soll, den man ihr zugesteht, verwundert Bergner nicht. In einem Interview sagte er unlängst, man müsse sich tatsächlich fragen, was es für den Umgang der Geschlechter bedeute, wenn Frauen den stärksten Trieb überhaupt künftig eigenhändig mit einer Tablette steuern könnten. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 22.06.2013, 15:26 Uhr

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