Vorteil Bild

Darf der «Tages-Anzeiger» Federer am Boden zeigen? Noch dazu auf der Frontseite? Ja – sofern er ein aussergewöhnlich gutes Foto wählt.

Niederlage im Bild: Roger Federer (7. Juli). Ausriss: TA

Niederlage im Bild: Roger Federer (7. Juli). Ausriss: TA

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Fünf Sätze, knapp vier Stunden Tennis auf höchstem Niveau, 366 Punkte, eine unglaubliche Rückkehr in einem bereits verloren geglaubten Wimbledon-­Final. Und am Schluss doch die Niederlage. Sechs Punkte nur haben Novak Djokovic und Roger Federer getrennt. Das alles wird auf der Front des «Tages-Anzeigers» vom Montag auf ein Bild reduziert: Roger Federer am Boden. Resigniert, hilflos, enttäuscht, traurig, ja, vielleicht sogar verzweifelt.

Fünf Gegentore, keine Chance, eine deutliche Niederlage gegen Frankreich. Eine Lektion Fussball auf Französisch, auf der Front des «Tages-Anzeigers» reduziert auf ein Bild: Torhüter Diego Benaglio am Boden. Resigniert, hilflos, ausgeliefert.

Beide Bilder haben dem TA wütende Kommentare der Leserinnen und Leser eingetragen. Sportler am Boden zu zeigen, so der Tenor, sei unwürdig. Die Bilder liessen den nötigen Respekt vermissen und seien typisch für die Presse: Stets werde das Negative gesucht – und gezeigt.

Bis ein Bild in der Zeitung tatsächlich gedruckt wird, muss es mehrere Hürden nehmen. Der Fotograf entscheidet sich, das Bild in seine Auswahl aufzunehmen; die Bild­agentur entscheidet sich, das Bild ihren Kunden anzubieten; die Bildredaktion entscheidet sich, das Bild in die engere Auswahl zu nehmen. Gemeinsam mit Layout, Tagesleitung und Frontredaktor werden die verschiedenen Bilder gegeneinander abgewogen. Das «beste», das passende Bild wird schliesslich ausgewählt. Häme für den Unter­legenen würde in dieser Diskussion niemals als Argument akzeptiert.

Nur die Essenz bleibt

Klar: Rückblickend ist das gewählte nicht immer das beste Bild. Manchmal ist es sogar das falsche. Bei den kritisierten Bildern jedoch war die Wahl die richtige – auch rückblickend. Das beweisen just die Kommentare. Die Bilder sind so stark, dass Leser darauf reagieren. Dass die Reaktionen auf die Bilder und die Botschaft zielen, die sie transportieren, zeichnet deren Qualität aus. Das macht gute Fotografie letztlich aus. Sie löst Emotionen aus, bleibt im Gedächtnis hängen. Fotografien werden zu Ikonen – etwas, was Video und Film nicht gelingt. Vorteil Bild.

Für die Zeitung stellt sich die Frage: Zeigen wir Menschen im Moment ihrer Niederlage? Im Sport, in der Politik, im Alltag? Halten wir es aus, Über­bringer schlechter Nachrichten zu sein? Wäre die Antwort Nein, hiesse das: Wir publizieren keine Fotografie oder zeigen immer die Sieger – und verweigern uns auf diese Weise einem Teil der Realität.

Wer das Drama um Federers Finalniederlage am Fernseher miterlebt hat, möchte am nächsten Tag nicht nochmals an die schmerzliche Niederlage erinnert werden. Doch genau das ist die Aufgabe der Zeitung: am Tag danach über Ereignisse – manchmal eben auch Niederlagen – zu berichten. Dem gewählten Frontbild gelingt es, einen Moment, den Bruchteil einer Sekunde festzuhalten, der dieses Spiel präzise reflektiert: Das ist die Essenz (aus vier Stunden!), die zurückbleibt. Das Bild transportiert genau das Gefühl, das nach dem Spiel überwogen hat. Ohnmacht, der Niederlage nichts mehr entgegen­setzen zu können.

Koni Nordmann ist Bildchef des «Tages-Anzeigers».

Erstellt: 09.07.2014, 22:45 Uhr

Sitzen geblieben: Diego Benaglio («Tages-Anzeiger»-Frontseite vom 21. Juni, für grössere Ansicht klicken).

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