Porträt

«Wann genau verliert ein Mensch den Boden unter den Füssen?»

Jürg Rother erlebte das Zuger Attentat von 2001 hautnah. Der reformierte Pfarrer betreute von Anfang an Betroffene und Angehörige von Opfern. Jetzt erzählt er, wie er dabei selber an seine Grenzen stiess.

Erste Hilfe: Jürg Rother, reformierter Pfarrer von Oberägeri, war beim Zuger Attentat 2001 als Vizepräsident des Care-Teams Zentralschweiz im Einsatz.

Erste Hilfe: Jürg Rother, reformierter Pfarrer von Oberägeri, war beim Zuger Attentat 2001 als Vizepräsident des Care-Teams Zentralschweiz im Einsatz. Bild: Nina Merli

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Im Kantonsspital Zug ging die Meldung um 10:45 ein, an jenem 27. September vor zehn Jahren, als der Amokschütze Friedrich «Fritz» Leibacher das Zuger Parlamentsgebäude stürmte und 14 Menschen niederschoss, bevor er sich selber richtete. Nicht viel später erreichte auch den reformierten Pfarrer aus Oberägeri Jürg Rother ein Anruf. Als Vizepräsident des Care-Teams Zentralschweiz wurde er zur Betreuung von Verletzten und Angehörigen der Opfer aufgeboten.

Rother traf auf eine Gruppe von Leuten, die noch nicht offiziell wussten, wo ihre Angehörigen waren, ob sie überhaupt noch lebten. «Diese Unsicherheit über das Geschehene und der Stress, weil man etwas in Erfahrung bringen will und keine verbindlichen Auskünfte bekommt, sind mir von jenem Tag am stärksten in Erinnerung geblieben», sagt Rother. Ihm selber sei erst später am Tag bewusst geworden, «was das überhaupt für eine Tragödie war», denn er sei ja direkt ins Spital und nicht zuerst ins Ratsgebäude gefahren, die Informationen seien also auch zu ihm erst später durchgesickert.

«Als Helfer muss man sich abgrenzen können»

Rother hat die Überlebenden und die Angehörigen der Opfer während mehreren Wochen, manche sogar während Monaten betreut. Er hat sie alle persönlich gekannt, viele davon seit Jahren. Das habe wahrscheinlich geholfen und die Arbeit etwas erleichtert. Natürlich habe es auch solche gehabt, die keine Hilfe in Anspruch nehmen wollten. «Das ist auch in Ordnung, man darf, wenn man sich für ein Engagement in einem Care-Team entscheidet, nicht den Anspruch haben, jemandem unbedingt helfen zu wollen.» Wer mit einer Abweisung nicht umgehen könne, müsse sich schnell davon verabschieden. Es sei wichtig, eine nötige Distanz zur Situation einhalten zu können. Dies kann man nur mit mentaler Stärke. Es sei eine «reine Kopfsache». Wenn man eine unabgegrenzte Persönlichkeit habe, so sei das heikel: «Als Helfer muss man sich abgrenzen können.»

Wer als professioneller Hilfeleister im Einsatz ist, muss über viel Fingerspitzengefühl verfügen und im richtigen Moment die richtigen Worte finden. Gerade als Pfarrer dürfe man nicht nur religiösen Trost und schnell ein paar fromme Sprüche klopfen. «Das ist mir zu billig». Man müsse die Leute ernst nehmen, gerade in so einer Situation, denn man sei sich unheimlich nahe, es seien sehr emotionale und intime Momente. «Man muss hochsensibel sein». Rother hat eine Zeit lang im Strafvollzug gearbeitet und hat sich dort stark mit Opfer-Täter-Situationen auseinandergesetzt und auch während seiner Tätigkeit als Seelsorger konnte er Erfahrungen sammeln. Trotzdem zieht ein Drama wie das Zuger Attentat aber nicht spurlos an ihm vorbei. Etwa nach drei Monaten intensivster Hilfeleistung musste sich Rother selber eine Auszeit nehmen «und einfach mal zwei Wochen Pause machen».

Er habe plötzlich Symptome bei sich festgestellt, vor denen er bei anderen gewarnt und zur Vorsicht geboten hatte. Wenn man abends beim Zähneputzen merke, «das und das und das stimmt nicht», dann seien das Hinweise, dass man sich überlastet hat. Und wenn man als Helfender in einen traumatischen Stress komme, dann könne man auch nicht mehr helfen. Trotzdem hat Rother diese Auszeit so lange es ging hinausgeschoben, denn das Zuger Attentat sei schon eine sehr aussergewöhnliche Situation gewesen und es sei für die Betroffenen wichtig gewesen, dass einige stabile Menschen für sie da waren. «Das war ein wichtiges Signal für die Angehörigen», sagt Rother. Abschied nehmen und mit seinem Schmerz klarkommen sei am Anfang zentral gewesen. Natürlich seien bei den Betroffenen auch Gefühle wie Wut aufgekommen und die Frage «was ist das für ein Gott, der so etwas zulässt» sei auch gefallen, aber Rother habe niemanden erlebt, der vor dem Attentat sehr religiös war und danach nicht mehr – oder umgekehrt. Kirchliche Trauer- und Abschiedsrituale hätten den Menschen am Anfang geholfen, das Geschehene überhaupt zu realisieren.

Eine Normalität gibt es nicht mehr

In einer zweiten Phase sei dann vor allem der Wiedereinstieg in den Alltag Thema gewesen. Wobei es nach einer «solchen Tat eine Normalität, oder was der Durschnitt als normal bezeichnet, nicht mehr gibt». Sondern die «neue Realität mit diesem Ereignis». Aufgabe des Care-Teams sei es gewesen, den Menschen zu helfen, sich in dieser neuen Realität zurechtzufinden und wieder Kompetenz über das Ereignis zu erhalten. Trifft das Umgekehrte ein, so spricht man von posttraumatischen Störungen. «Und das will man verhindern». Mit zahlreichen, langen Gesprächen versucht man einzuordnen, was wichtig ist, zu bestimmen, was «zu meinem Leben gehört» und sich im klaren zu sein: «ich bin am Leben und mein Leben geht weiter.» Dabei dürfe man das Drama nicht schönreden, das bringe nichts. Das Weltbild der Betroffenen sei im ersten Moment massiv erschüttert und man müsse anerkennen, «das ist etwas absolut Dramatisches», sich gleichzeitig aber auch bewusst werden: «es ist vorbei». Die Gegenwart sei zwar geprägt, aber die Zukunft könne auch eine andere sein. Wichtig sei auch gewesen, den Angehörigen zu zeigen, dass sie sich glückliche Momente eingestehen dürfen und nicht verpflichtet seien, ein Leben lang zu trauern und unglücklich zu sein.

Vor zwei Jahren wurde das Care-Team Zentralschweiz aufgelöst, neu formiert und in die Zivilschutz Organisation des Kantons eingegliedert. Rother hat diesen Wechsel genutzt, um aus dem Projekt auszusteigen. Zwar habe er sich bereit erklärt, in einer Notsituation einzuspringen oder Rat zu geben. Sein Ausstieg sei auch eine Frage der Kräfte gewesen, für ihn sei klar gewesen: «jetzt ist es genug».

Das Attentat hat Rother vorsichtiger gemacht, sensibler. Er habe sich auch Gedanken über den Attentäter gemacht, sich überlegt, wann genau «ist der Punkt erreicht, an dem ein Mensch den Boden unter den Füssen verliert» und zu so einer Tat schreite. Diesen Punkt, diesen halben Meter, bevor ein Mensch «durchtickt» zu erkennen, und wie man intervenieren könne, damit so etwas nicht passiert, sind Überlegungen, die Rother immer noch sehr beschäftigen.

Erstellt: 27.09.2011, 10:05 Uhr

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Am 27. September 2001 drang der Attentäter Friedrich «Fritz» Leibacher während einer Sitzung des Kantonsrates in das Parlamentsgebäude des Kantons Zug. Dabei erschoss er innert weniger Minuten 14 Menschen und nahm sich am Ende selbst das Leben. Mehrere Menschen wurden teilweise lebensgefährlich verletzt.
Dieser Anschlag war der erste dieser Art in der Schweiz und hatte zur Folge, dass in zahlreichen Parlamenten Sicherheitsmassnahmen verschärft oder überhaupt erst vorgenommen wurden.
Viele Kantone und Gemeinden haben zudem als Präventionsmassnahme Listen von Personen eingerichtet, die als Querulanten – so wie Leibacher selbst – aufgefallen sind.

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