Wann sind Paare alt genug, um Kinder zu adoptieren?

Der Ständerat diskutiert einen Vorstoss, der das Mindestalter für Adoptionseltern senken will. Im Moment gilt noch: Wer ein Kind adoptieren will, muss 35 Jahre alt sein – oder fünf Jahre verheiratet.

Ein Paar mit seinem Adoptivkind: Schweizer Paaren bleibt für Adoptionen nur ein kleines Zeitfenster.

Ein Paar mit seinem Adoptivkind: Schweizer Paaren bleibt für Adoptionen nur ein kleines Zeitfenster. Bild: Keystone

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Seit fünf Jahren wünschen sich Anna Thoma und Nico Freudiger, die in Wirklichkeit anders heissen, ein Kind. Doch es will einfach nicht klappen. Sie haben Temperatur gemessen, es mit Hormonyoga versucht und mithilfe einer chinesischen Ärztin. Alles vergebens. Auch die Insemination, die künstliche Übertragung seines Samens in ihren Genitaltrakt, blieb erfolglos. Medizinisch weitergehen möchte das Paar nicht. Bereits die für die Insemination nötige Hormonbehandlung hat Anna Thoma zugesetzt. Sie haben sich entschieden, ein Kind zu adoptieren.

Das Ehepaar hat Glück. Nur weil die beiden über 35 Jahre alt sind, dürfen sie sich um eine Adoption bewerben. Sonst sähe es schlecht aus: Zwar sind sie seit elf Jahren ein Paar, doch erst seit einem Jahr verheiratet. Wären sie jünger als 35, müssten sie bereits seit fünf Jahren verheiratet sein, um die Adoptionsbedingungen zu erfüllen. So will es das Schweizer Gesetz. «Zehn Jahre Konkubinat sind nichts wert», sagt Freudiger. «Ein paar Jahre Ehe hingegen schon. In der heutigen Zeit ist das schon einigermassen erstaunlich.»

Adoptionsvoraussetzungen generell lockern

Gleicher Ansicht ist der Nationalrat, der im Sommer 2009 eine Motion der grünen Zürcher Nationalrätin Katharina Prelicz-Huber durchgewinkt hat. Sie will die Adoption ab dem zurückgelegten 30. Lebensjahr ermöglichen. Heute kommt die Motion in den Ständerat, und es ist davon auszugehen, dass auch dieser dem Begehren zustimmen wird. Die zuständige Kommission fürs Rechtsfragen (RK) jedenfalls befürwortet die Motion und schlägt gar vor, die Adoptionsvoraussetzungen generell zu lockern – in Anlehnung an das Ausland, wo weniger strenge Regeln gelten (siehe Box). Gesenkt werden sollen das Mindestalter und die vorgeschriebene Ehedauer. Ausserdem sollen die gemeinsamen Jahre im Konkubinat angerechnet werden können.

In Zukunft könnten dann auch Monique Müller und Moritz Hürlimann (Namen ebenfalls geändert) ein Kind adoptieren. Heute noch nicht: Sie ist 38, er ist 28, seit sieben Jahren leben sie im Konkubinat. Die Adoption bleibt ihnen verwehrt – nicht nur, weil sie unverheiratet sind. Auch wenn sie heiraten würden, müssten sie fünf Jahre mit der Adoption zuwarten, da der Mann noch nicht 35 ist. Bis die nötigen Ehejahre verstrichen sind, ist die Frau 43 – zu alt für den Adoptionsprozess, der im Normalfall rund drei Jahre dauert. «Die Faustregel lautet, dass der Altersunterschied zwischen dem Kind und den neuen Eltern nicht mehr als 40 Jahre betragen soll», sagt Rolf Widmer, Geschäftsführer der Schweizerischen Fachstelle für Adoption. Man wolle den Kindern keine Eltern zumuten, die «schon bald als Grosseltern durchgehen». Das erklärte Ziel sei, dass die Eltern ihre Adoptivkinder in die Selbstständigkeit begleiteten, bevor sie das Pensionsalter erreichten.

Wenig Kinder – viele Eltern

Ein kleines Zeitfenster also. Zwar könne sich das betroffene Paar in fünf Jahren um eine Adoption im Ausland bewerben, wo im Gegensatz zur Schweiz auch ältere Kinder vermittelt würden, sagt Widmer. «Doch die beiden hätten wohl Mühe, ein Land zu finden, das sie als Eltern auswählt.» Vielerorts kenne man Altersobergrenzen, dazu komme, dass die Zahl der Adoptionen in den letzten 30 Jahren generell deutlich gesunken sei. Der wichtigste Grund sei das sogenannte Haager Adoptionsübereinkommen. Es besagt, dass ein Kind erst zur internationalen Adoption freigegeben werden darf, wenn im eigenen Land alle Massnahmen zu einer Platzierung ausgelotet sind. Ein weiterer Grund ist laut Widmer die wirtschaftliche Entwicklung in den Herkunftsländern: Immer mehr Menschen aus der neuen Mittelschicht adoptieren Kinder.

Auch Anna Thoma und Nico Freudiger, die mitten im Adoptionsprozess stecken, wissen, dass die Nachfrage grösser ist als das Angebot. Eine Lockerung der Adoptionsvoraussetzungen würde dazu führen, dass die «Konkurrenz» um die wenigen Kinder zunimmt. Dennoch sagt Nico Freudiger: «Grundsätzlich sollte jeder, der fähig ist, sich um ein Kind zu kümmern, die Möglichkeit dazu haben. Egal, wie alt er ist.» Er sieht auch, dass adoptionswillige Eltern bei «der Verknappung der Ressource Kind» in Versuchung kommen, sich diese mit viel Geld im Ausland zu besorgen: «Stichwort Kinderhandel.» Von Anfang an war für die beiden deshalb klar, dass sie nur in der Schweiz adoptieren wollen. Ihre Chance, sagen sie, liege bei rund 50 Prozent. Pro Jahr werden um die 20 in der Schweiz geborene Kinder zur Adoption freigegeben. Insgesamt kam es 2009 zu 512 Adoptionen, 241 davon durch den Stiefvater.

Reife ist keine Frage des Alters

Rolf Widmer von der Schweizerischen Fachstelle für Adoption befürwortet eine Senkung der Altersgrenze: «Ich wäre sehr froh, wenn man diese Offenheit hätte. Auch mit 30 kann man belastbar sein. Vielleicht sogar noch mehr als mit 40.» Je länger Eltern auf ein Kind warteten, desto höher sei der Druck, der auf dem Paar laste, so Widmer. Das könne dazu führen, dass das Paar sein endlich adoptiertes Kind «überbetreue».

Auch Christine Luchsinger, stellvertretende Chefin des Zürcher Amtes für Jugend und Berufsberatung, weiss von adoptionswilligen Paaren, die bei der kantonalen Adoptionsbehörde ihre Mühe mit den geltenden Bedingungen bekunden. Sie sieht eine «Kluft zwischen den gesellschaftlichen Realitäten, etwa dem Trend zum Konkubinat, und dem Gesetz». Mit der jetzigen Regelung sei das Zeitfenster, das zukünftigen Eltern für eine Adoption zur Verfügung stehe, «sehr eng». Ob eine Lockerung der Adoptionsvoraussetzungen sinnvoll wäre, will Luchsinger indes nicht beantworten. Es sei an der Politik, zu entscheiden, ob und in welcher Form sie die gesellschaftlichen Entwicklungen anerkennen wolle.

Erstellt: 10.03.2011, 16:00 Uhr

In der Schweiz gelten strengere Regeln als im Ausland

Adoptionswillige Paare müssen in der Schweiz folgende Voraussetzungen erfüllen: Entweder sie sind seit mehr als fünf Jahren verheiratet oder, bei kürzerer Ehedauer, mindestens 35 Jahre alt. Auch Einzelpersonen über 35 können adoptieren. In der Praxis bevorzugen Vermittlungsstellen allerdings Paare. Ein Kind aus dem Ausland können Einzelpersonen nur schwer oder gar nicht adoptieren. Erlaubt ist in der Schweiz zudem die Stiefkindadoption: Eine Person darf das Kind ihres Ehegatten adoptieren, wenn die beiden mindestens fünf Jahre verheiratet sind. Gleichgeschlechtlichen Paaren bleibt die gemeinsame Adoption eines Kindes wie auch die Adoption des Kindes des Partners hingegen gesetzlich verwehrt.

Die in der Schweiz vorgeschriebene Altersuntergrenze von 35 Jahren ist im Vergleich zum Ausland hoch. In England etwa liegt das Mindestalter bei 21, in Deutschland und Spanien bei 25 Jahren. (Deutschland kennt dafür eine faktische Obergrenze von 35 Jahren.) Frankreich erlaubt eine Adoption ab 28 Jahren.

Auch die hierzulande vorgeschriebene Ehedauer von fünf Jahren ist im Vergleich zum restlichen Europa restriktiv: In Frankreich etwa müssen Ehepaare nur zwei Jahre verheiratet sein, um vor dem Erreichen des Mindestalters adoptieren zu können. In England dürfen auch unverheiratete und gleichgeschlechtliche Paare adoptieren.

Viele Adoptionsvermittlungsstellen in der Schweiz ziehen eine obere Altersgrenze. Für ein in der Schweiz geborenes Kind etwa gilt die Faustregel, dass der Altersunterschied zu den neuen Eltern nicht mehr als 40 Jahre betragen soll. Auch viele Herkunftsländer der Kinder kennen obere Alterslimiten.

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