Warum Männer Frauen schlagen

«Der Läufer» zeigt die Perspektive eines gewalttätigen Mannes, der in seinem Rollenbild feststeckt. Der Zürcher Männerberater sieht im Film Parallelen zu seiner Arbeit.

In «Der Läufer» rennt Jonas (Max Hubacher) nachts durch die Stadt, rennt seine Läufe, rennt weg. Aber er entkommt nicht. Foto: Filmcoopi

In «Der Läufer» rennt Jonas (Max Hubacher) nachts durch die Stadt, rennt seine Läufe, rennt weg. Aber er entkommt nicht. Foto: Filmcoopi

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STOP. Der Fussabtreter vor der Tür des Mannebüros verlangt von den Männern aufzuhören. Wer herkommt, zur Männerberatungsstelle an der Hohlstrasse in Zürich, ist verunsichert, überfordert, sucht Rat. Er hat sich vielleicht im Streit schon einmal vorgestellt, seine Partnerin zu schlagen. Wahrscheinlich hat er es bereits getan. Mehrere Male, wie es mancher dem Männerberater Martin Bachmann erzählt. Oder er hat Mühe mit seiner Sexualität, dem Leben.

Bachmann, freundliche Augen hinter einer grossen Brille und 17 Jahre Erfahrung, bittet hinein. Im vergangenen Jahr haben 520 Männer das Büro aufgesucht, drei Räume, eine kleine Küche – ein Zufluchtsort.

Bachmann will sich den Schweizer Spielfilm «Der Läufer» ansehen, der morgen ins Kino kommt. Der Film basiert auf der wahren Geschichte von ­Mischa Ebner, der 2002 in Bern nachts junge Frauen überfallen und eine tödlich verletzt hat. Ist das, was im Film gezeigt wird, ein extremer Einzelfall? Oder sind darin männliche Verhaltensmuster zu erkennen?

«Der Läufer» erscheint zu einer Zeit, in der man in der Schweiz über Männer redet, die gewalttätig werden. Zu Hause, aber auch draussen, in aller Öffentlichkeit. Vorfälle wie jene in Genf oder an der Street Parade im August, als Männergruppen auf der Strasse Frauen spitalreif geschlagen haben, machen sichtbar: Die Gewalt ist da, und sie ist ein Problem. 2017 wurden gemäss Bundesamt für Statistik 81 Prozent der registrierten Gewaltstraftaten von Männern verübt. 2016 waren Frauen in 73 Prozent aller erfassten Fälle von häuslicher Gewalt die Geschädigten.

«Wenn Sie das Problem unbedingt bezeichnen wollen, dann ist es ein Männerproblem», sagte SP-Bundesrätin ­Simonetta Sommaruga, als der Nationalrat in der Herbstsession über eine gesetzliche Verschärfung gegen häusliche Gewalt debattierte. Die SVP hatte mit zahlreichen Fragen an die Bundesrätin versucht, die Diskussion zu einer über kriminelle Ausländer zu machen. Vergebens. Der Nationalrat stimmte dem Gesetzesentwurf zu, der die Opfer besser schützen will.

Er schweigt, schweigt, schweigt

Die Verschärfung ist eine von vielen Bestrebungen, gegen Männergewalt vorzugehen. Verschiedene kürzlich eingereichte Vorstösse der SP zeigen, womit sich das Parlament und auch die Gesellschaft befassen soll: «Gewalt gegen Frauen. Jetzt entschieden handeln!», «Zunahme von Gewalt gegen Frauen im öffentlichen Raum?», «Männergewalt bekämpfen heisst Männlichkeitsbilder verändern».

Diese Männlichkeitsbilder, die stereotypen Vorstellungen von Mannsein, haben laut Martin Bachmann viel damit zu tun, wie manche Männer sich in Konfliktsituationen verhalten. Wie sie mit Stress umgehen, mit Emotionen, einem möglichen Gesichtsverlust – wie sie sozialisiert wurden. «Es ist noch immer so, dass viele Männer denken, sie müssten funktionieren», sagt Bachmann. Funktionieren heisst: Leistung bringen, die Kontrolle haben.

Bachmann sitzt am Konferenztisch, ein Block liegt für Notizen bereit. Während der neunzig Filmminuten füllt er Seite um Seite, immer wieder ruft er «Arme Sau!», aber auch «Gefährliche arme Sau!». Mehrmals stoppt er den Film, um die Fiktion mit seiner Erfahrung als Männerberater zu verknüpfen.

In einer ersten Szene rennen die Hauptfigur Jonas und sein Bruder durch die Bergwelt. Es sind idyllische Bilder, die beiden bleiben atemlos stehen, ihr Brustkorb hebt und senkt sich, während sie einander voller Zuneigung anschauen. Aber sie bleiben stumm.

In einer zweiten Szene raufen sich die Brüder, wieder keuchen sie, blicken sich wütend an. Und bleiben stumm.

In einer dritten Szene stürzt eine junge Frau auf dem Trottoir. Als Jonas ihr helfen will, beschimpft sie ihn, rappelt sich auf und geht weiter. Er bleibt verdutzt stehen, rennt dann los und entreisst ihr die Tasche. Stumm.

Martin Bachmann, Männerberater beim Mannebüro Zürich. Foto: Pixelregen.ch

«Jonas könnte in diesem Moment etwas sagen, reklamieren, sich erklären. Stattdessen entscheidet er sich für eine andere Stressregulation», sagt Bachmann. Gegen die Ohnmacht, die Jonas wohl empfindet, weil seine Hilfe so brüsk ausgeschlagen wird, kennt er offenbar nur ein Mittel: Stärke demonstrieren. Macht spielen lassen und der Frau etwas wegnehmen. Als Mann muss er die Kontrolle zurückgewinnen. Über die Situation und sich selbst. Er habe aus «Reflex» gehandelt, sagt Jonas später im Film.

Es gibt viele Variationen der immer gleichen Bewältigungsstrategie; Bachmann kennt sie bestens von seiner Arbeit. Das männliche Hilfesuchen funktioniere anders als das weibliche. Frauen bereden ihre Probleme, viele Männer machen sie mit sich selbst aus. Sie flüchten sich wie Jonas oft in sportliche Aktivität, um sich zu spüren. «Das ist eigentlich eine gute Strategie», sagt Bachmann. Sei man in Bewegung, komme man mit den eigenen Gefühlen ­wieder in Kontakt. Zudem sei Jonas «schwingungsfähig»: Er ist empathisch, spürt, dass er etwas Falsches getan hat.

Und eigentlich ist er ja ein guter Kerl: macht seine Lehre als Koch, feiert sportliche Erfolge, ist zärtlich mit seiner Freundin, sucht für sie beide eine Wohnung. Alles normal. Eigentlich.

Vielleicht eine gute Botschaft

Bachmann stoppt den Film bei mehreren Szenen, in denen ein Problem besprochen werden müsste, spürbar etwas ungeklärt ist. Die Freundin entdeckt die gestohlene Tasche und denkt, dass Jonas sie betrügt. Er schafft es nicht, zu sagen, weshalb er die Handtasche besitzt. Er beschwichtigt, streitet ab, lügt.

Lieber rennt Jonas nachts durch die Stadt, rennt seine Läufe, rennt weg. Aber entkommen kann er nicht. Er erwacht aus Albträumen, schreit in die Dunkelheit. «Davon erzählen viele Männer», sagt Bachmann. Dass alles im Körper würgt. Dass sie denken: Ich halte das nicht mehr aus! Aber die Hürde, sich jemandem anzuvertrauen und zu lernen, wie man diese Ohnmacht besser aushält, bleibe hoch.

Jonas stiehlt weiter Handtaschen, wird brutaler. Spätestens jetzt wäre es Zeit, innezuhalten und sich zu fragen: Was stimmt nicht mit mir? «Es gibt viele Männer, die machen lieber Lämpen, als eine Schwäche zuzugeben», sagt Bachmann. Lieber aktiv bleiben und etwas, irgendetwas tun, als das eigene Scheitern preiszugeben. Es ist der Moment, in dem Jonas die nächste Frau überfällt. Oder ein anderer seine Freundin ohrfeigt. Beides verschafft kurzfristig eine vermeintliche Entlastung. Weil ihn solches Verhalten scheinbar erleichtert, wiederholt es der gewalttätige Mann. Hat er erst einmal dieses Muster entwickelt, kann ein Gewöhnungseffekt entstehen – und die Gewalt wird härter.

«Ich sage den Männern, dass sie dort drüben, im Raum des anderen, nichts verloren haben», sagt Bachmann. Er umkreist mit dem Kugelschreiber einen Mann, den er auf dem Blatt skizziert hat – bei sich bleiben, schauen, dass man sich etwas Gutes tut, ohne jemanden zu verletzen.

Im Mannebüro lernen die Männer, sich ihren Mustern zu stellen. «Sie müssen verstehen, dass ihnen das Männersystem, in dem sie sich befinden, Gewalt als Lösung anbietet», sagt Bachmann. Wenn er mit ihnen rekonstruiert, wie es zu ihren Gewaltausbrüchen kam, würden viele sagen, dass sie ein paar Minuten davor noch gedacht hätten: Ich will ihr eine reinhauen. Und wenig später hauen sie ihr eine rein. «Die Gewalt passiert nicht immer so sehr im Affekt.»

Das ist vielleicht die gute Botschaft von «Der Läufer»: Gewalttätiges Verhalten ist änderbar. Obwohl der Film einen «krassen Einzelfall» erzählt und die Hauptperson eine wohl «pathologische Diagnose» hat, zeigt er laut Bachmann auf, was sich ändern muss. «Wenn Männer sagen, sie wollten nie wieder wütend werden, sage ich: Vergesst es.» Ohne Konflikte zu leben, sei unmöglich. Ohne Gewalt zu leben, nicht.

Update: Das Mannebüro ist nicht mehr die einzige Beratungsstelle für Männer im Kanton Zürich, wie es in einer älteren Version des Textes geheissen hatte. Weitere Anlaufstationen sind die Fachberatung häusliche Gewalt, Gewaltberatung Zürich und Konflikt.Gewalt.

(Redaktion Tamedia)

Erstellt: 02.10.2018, 23:24 Uhr

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