Warum die Dänen so glücklich sind

Gemäss Umfragen sind die Dänen die glücklichsten Menschen der Welt – und das trotz hohen Steuern.

Wer Däne ist, kann zufrieden sein: Soziale Gerechtigkeit hat bei den Nordeuropäern eine hohe Bedeutung.

Wer Däne ist, kann zufrieden sein: Soziale Gerechtigkeit hat bei den Nordeuropäern eine hohe Bedeutung.

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Mitglieder des dänischen Königshauses bringen ihre Kinder schon mal mit dem Rad in die städtische Kindertagesstätte, und Ministerpräsidentin Helle Thorning-Schmidt muss im Winter den Schnee vor ihrer Haustür selbst wegräumen: Privilegien gibt es nur wenige in Dänemark, soziale Gerechtigkeit hat für viele Bewohner einen grossen Wert. Dem trägt die Politik Rechnung: Anders als in anderen Industriestaaten ist die Mittelschicht nach wie vor gross: 42 Prozent der 4,6 Millionen erwerbstätigen Dänen haben ein Jahreseinkommen zwischen 200'000 und 400'000 Kronen (etwa 27'000 und 54'000 Euro).

Die hohe Steuerlast tragen die meisten gerne. «Wir haben nicht jeden Tag Steaks auf dem Tisch, aber es geht uns gut», sagt Lotte Geleff. Die Situation, in der sich die 51-Jährige befindet, würde Menschen in anderen Ländern schlaflose Nächte bereiten: Sie ist seit etwa einem Jahr arbeitslos, hat keine nennenswerte Ausbildung, ihr Mann steht kurz vor der Rente.

In Dänemark demgegenüber kann sich Geleff darauf verlassen, dass sie zwei Jahre lang ein Arbeitslosengeld in Höhe von 10'500 Kronen (etwa 1400 Euro) erhält, dazu Schulungen und Fördermassnahmen, um einen neuen Job zu finden. Medizinische Behandlungen sind für sie kostenlos. Die Sozialleistungen umfassen ausserdem kostenlose Bildung für alle, staatlich finanzierte Kinderbetreuung und Mietbeihilfen für Rentner.

Ausgeglichene Einkommensverteilung

Nach einer OECD-Statistik ist Dänemark mit seinen 5,6 Millionen Einwohnern eines der Länder mit der am stärksten ausgeglichenen Einkommensverteilung der 34 Mitgliedstaaten - nur Slowenien schneidet noch besser ab. Nur 2,6 Prozent haben ein jährliches Einkommen über 500'000 Kronen (rund 67'000 Euro); den OECD-Zahlen zufolge bekommen die 20 Prozent der Dänen mit dem höchsten Einkommen im Durchschnitt viermal so viel wie die 20 Prozent mit dem niedrigsten Einkommen - in den USA zum Beispiel ist es achtmal so viel.

Aus der Sicht von Torben Andersen, Wirtschaftsprofessor an der Universität von Aarhus, hat die Situation viel mit der politischen Kultur im Land und dem Umgang der Parteien miteinander zu tun. «Es gibt nicht die heftigen Konflikte und die starken politischen Kräfte und Meinungen, wie man sie derzeit zum Beispiel in den USA findet», sagt er.

So konnten sich Regierung und Gewerkschaften in Dänemark zum Beispiel auf eine Aufweichung der Kündigungsgesetze einigen. Betriebe können demnach in Krisenzeiten Entlassungen vornehmen, im Gegenzug verpflichtete sich die Regierung, Arbeitslose zu schulen und weiterzubilden, damit sie möglichst schnell eine neue Arbeitsstelle finden. Dies schliesst an den hohen Wert von Bildung in Dänemark an. Studenten beispielsweise bekommen dort eine monatliche Unterstützung von bis zu 5839 Kronen (knapp 800 Euro), je nachdem, ob sie bei ihren Eltern oder allein wohnen.

Die hohen Steuern und Abgaben - zwischen 30 und 51,5 Prozent - werden von einem Grossteil der Bevölkerung mitgetragen. Nach Ansicht der Amerikanerin Kay Xander Mellish, die seit 13 Jahren in Dänemark lebt, hat das mit dem Wissen damit zu tun, dass jeder auch in den Genuss der Sozialleistungen kommen kann. Sie selbst beispielsweise erhielt ein Jahr Land Elterngeld und profitiert von der staatlichen Kinderbetreuung. «In den USA zahlen Gutverdienende in die Sozialkassen ein und wissen, dass sie nie etwas davon haben werden», sagt sie. «Hier bekomme ich für meine Beiträge etwas zurück.»

Strengere Einwanderungsgesetze

Die hohen Sozialleistungen haben aber auch dazu geführt, dass Einwanderung von vielen kritisch gesehen wird. Zahlreiche Immigranten, insbesondere schlecht qualifizierte, so wird argumentiert, zahlten nichts in die Sozialkassen ein, profitierten aber davon. Unter dem Einfluss der rechtspopulistischen Dänischen Volkspartei wurden deshalb die Einwanderungsgesetze verschärft.

Auch andere Einschnitte gibt es: So wird Arbeitslosengeld höchstens zwei Jahre lang ausgezahlt und nicht mehr vier Jahre, wie es früher war. Es gehe darum, wettbewerbsfähig zu bleiben, sagt Regierungschefin Thorning-Schmidt. «Wir müssen Entscheidungen treffen, um sicherzustellen, dass unser Modell nachhaltig ist und den Wohlstand bewahrt», erklärte sie in einer E-Mail an die Nachrichtenagentur Associated Press.

Der Chefvolkswirt der Danske Bank, Steen Bocian, spricht von einem Zielkonflikt: «Wahrscheinlich wäre ein grösseres Wachstum in Dänemark möglich, das mit mehr grösseren Einkommensunterschieden einhergehen würde», sagt er. «Aber es ist eine politische Frage, ob man das weiterverfolgen will.»

Erstellt: 08.07.2014, 14:06 Uhr

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