Warum so gestresst?

Das Gefühl, zu viel zu tun zu haben, gehört heute zum Dasein vieler Menschen. Daran sind nicht nur die Umstände schuld – sondern auch wir selber. Stress wird zu einer Art Statussymbol.

Statt von Termin zu Termin zu hetzen, könnte man vielleicht... mal blau machen? Foto: Rupert Oberhäuser (Imago)

Statt von Termin zu Termin zu hetzen, könnte man vielleicht... mal blau machen? Foto: Rupert Oberhäuser (Imago)

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Einatmen, ausatmen. Mehr hilft nicht, und mehr gibt es erst mal auch nicht zu wissen über Stressbekämpfung. Einatmen, ausatmen. Tief in die Lunge, bis zum Bauch runter. Wer jetzt daran denkt, wie viele Mails zu beantworten sind, wer die Kinder abholt und ob genug zu essen im Kühlschrank ist, hat keinen Stress, sondern vor allem zu viel zu tun. Da man auf die Nahrung und die Kinder nicht verzichten kann, zumindest nicht dauerhaft, bleibt nur: Smartphone ausmachen, nicht über jedes Stöckchen springen, das einem hingehalten wird. Das stresst natürlich auch, dieses Gefühl, nicht zu performen. Nicht total belastbar zu wirken. Deswegen sagen die wenigsten «Ich kann nicht mehr», sondern «Ich bin im Stress».

Gemäss der Schweizerischen Gesundheitsbefragung 2017 steht jeder fünfte Erwerbstätige unter Dauerstress, und fast jeder zweite fühlt sich manchmal gestresst im Job. In der mitteleuropäischen Bürowelt hat der Stress bei vielen die Tapferkeitsmedaille aus weniger friedlichen Zeiten ersetzt. Grossraum macht Stress, der scharfe Ton in Meetings sowieso, permanent unter Beobachtung zu stehen, sich geprüft zu fühlen. Alles irre strapaziös.

Small-Talk-Topos

Wer keinen Stress hat, wirkt verdächtig, zumindest dort, wo das protestantische Arbeitsethos in jedem Stelleninserat mitgeflüstert wird («belastbar, engagiert, flexibel»). Und dies gern in Betrieben, in denen sich die Arbeitsleistung nicht in Stückzahlen messen lässt. Werbeleute, Journalisten und Börsenmakler sind häufig betroffen. Stress ist ein Small-Talk-Topos, ähnlich wie das Wetter. «Stress and the City» oder «Müdigkeitsgesellschaft» heissen die klügeren Bücher zum Thema. Sie beklagen die hohe Verdichtung von Eindrücken und Beanspruchung im Alltag, natürlich auch durch die Digitalisierung. Stress ist heute ein Schlagwort für vieles, was in der Gesellschaft schiefläuft. Nur aus wissenschaftlicher Sicht gibt es ihn eher selten.

«Menschen sind darauf eingestellt, hohe Belastungen auszuhalten», sagt der deutsche Psychologieprofessor Frank Jacobi. «Das ist im Prinzip das normale Leben.» In einer grossen Studie hat Frank Jacobi gemeinsam mit zwei Kollegen festgestellt, dass es einen zahlenbasierten Beleg für den Anstieg psychischer Arbeitserkrankungen nicht gibt; nachzulesen im 2018 erschienenen Buch «Das überforderte Subjekt». Früher seien mehr Leiden übersehen worden, sagt Jacobi. Heute werden Depressionserkrankungen, auch die stressbedingten, in immer feineren Abstufungen definiert und diagnostiziert, einerseits weil die Ärzte sensibler geworden sind, andererseits weil der gesellschaftliche Diskurs zu einer vermehrten «Psychologisierung» tendiert, wie Jacobi es ausdrückt. «Ich habe eine Liste zu verschiedenen Burn-out-Definitionen zusammengestellt, da kamen hundert Symptome zusammen.»

Stress haben und hatten Menschen immer – nur die Gründe ändern sich.

Jacobi und seine Kollegen sind, stark vereinfacht, zum Schluss gekommen: Stress haben und hatten Menschen immer – nur die Gründe ändern sich. «Denken Sie nur an die Neurasthenie, die Nervenschwäche. Sie wurde zu Beginn des 20. Jahrhunderts häufig diagnostiziert. In den 80er-Jahren machten sich die Leute dann Sorgen wegen des Waldsterbens und eines möglichen Atomkriegs, heute ist es der Klimawandel.»

Unter Druck wegen Persönlichkeitsentwicklung

Seit Mitte des 19. Jahrhunderts hat sich die Arbeitszeit in der Schweiz stetig reduziert. Auch in den letzten Jahren: Zwischen 2011 und 2017 hat sie sich bei Vollzeitangestellten von durchschnittlich 41 Stunden und 28 Minuten pro Woche auf 41 Stunden und 7 Minuten verringert. Gleichzeitig steigt die Anzahl der jährlichen Ferienwochen konstant. Mag sein, dass dafür die Verdichtung innerhalb der Arbeitszeit grösser ist, aber die reine Belastung ist gesunken. «Es gibt heute andere Arten von Belastung», sagt Jacobi. Und sie ändern sich ständig. Man muss beispielsweise in modernen Arbeitswelten mehr als früher und sehr intensiv kommunizieren, das liegt nicht jedem. Ein Schreiner, der mit Holz und nicht mit Menschen arbeiten will, muss mit Kunden sprechen, mit dem Steueramt, im schlimmsten Fall noch einen Instagram-Account betreiben, um Werbung für seine Tische zu machen.

Ein Problem wird es, wenn es zu chronischen Überlastungen kommt. Dann laufen die Hormone aus dem Ruder, der Cortisollevel im Blut steigt, die Erholungsfähigkeit schwindet, bis es zu einer Erschöpfung kommt, die der Mensch nicht mehr ausgleichen kann. In unserem Alltag allerdings muss dafür sehr viel zusammenkommen. Kinder allein grossziehen und gleichzeitig irgendwie die Miete zusammenbekommen müssen. Aus Spargründen gefeuert werden und einen dementen Elternteil betreuen. Solche Dinge. Allerdings klagen diese Betroffenen selten über Stress, sie können oft nur gurgeln, während sie versuchen, die Nase über Wasser zu halten.

Das ewige Herumnesteln an der eigenen unerfüllten Bio­grafie macht viele Jungbleibenwollende in den gentrifizierten Grossstadtmilieus wahnsinnig. Sich in allen Facetten seiner Persönlichkeit zu verwirklichen – Kinder und Karriere, Lohner­höhung und Weltreise –, das kann schon unter Druck setzen. Die daraus entstehende Frustration und das Gefühl, immer hinter dem Zug herzuhetzen, sind sehr echte Emotionen. Gefühle sind ja ohnehin immer so gross, wie sie sich für den anfühlen, der sie hat. Sie bedeuten aber nicht unbedingt, psychisch krank zu sein.

Neigung zum Drama

Auch in der Freizeit hat niemand mehr frei. Wer nicht die Kinder im Feierabendstau zum Geigenunterricht bringt, muss selber zum Sport, mindestens aber zum Yoga, um runterzukommen. Und wer verreist, macht «Aktivferien». Also nicht nichts tun, sondern die Zeit nutzen, um gesund und fit zu werden. Auf Berge rennen oder einen Schlafkurs machen, um nachts nicht wach zu liegen, vor lauter Stress. Wie sehr dieser zum Lifestyle geworden ist, zeigen auch die Dutzenden Ratgeber und Seminare. Es gibt sogar Unterscheidungen zwischen gutem und schlechtem Stress, Eustress und Distress genannt. Als Eustress gilt, wenn man etwa eine riesige Hochzeit organisiert, alle Freunde einlädt und hinterher ferienreif ist vor lauter Feierei. Nur: Das kann man keinem jungen Italiener erklären, der zwei Jobs machen muss, um die Familie durchzubringen.

Auch wenn es sicher einen Fortschritt darstellt, dass die psychische Gesundheit heute mehr in den Blick genommen wird, sollte man nicht vergessen, dass der Mensch zum Dramatisieren neigt, die heutigen Kommuni­kationsmöglichkeiten bieten dafür genug Stoff. Amokläufe und Naturkatastrophen überall, in der eigenen Tasche, auf dem Smartphone. Die Stress-Behauptung wird heute als Schild genutzt, einerseits um sich vor Inanspruchnahme und weiterer Beschleunigung zu schützen. Andererseits um Selbstbezogenheit und Selbstausbeutung zu verteidigen. Für Arbeitnehmer mit Karriereambitionen sei allerdings gesagt, dass Stress anzuzeigen nie dazu führt, dass man mehr wertgeschätzt wird. Das Einzige, was ein Chef hört, wenn man sagt, «Ich bin so im Stress», ist: «Ich kann nicht mehr.» Wer also weiter Karriere machen möchte, sollte eher versuchen, sich zu entspannen. Einatmen, ausatmen.

Und bevor man mit zwei oder drei Smartphones bewehrt ins «Change Management»-Seminar eilt, sollte man sich klarmachen, dass man keinen Stress hat, sondern ihn sich machen lässt oder sogar selber macht. Vielleicht einfach, weil man nicht mag, was man tut.

(Redaktion Tamedia)

Erstellt: 15.05.2019, 17:44 Uhr

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