Warum wir Campingzelte kaufen, die wir nie brauchen

90 Prozent unseres Lebens verbringen wir hinter Glas, Stahl und Beton. Das fördert die Sehnsucht nach der Natur.

So sehen wir uns gerne, aber sind doch meistens drinnen: Camping im Nationalpark in Texas.

So sehen wir uns gerne, aber sind doch meistens drinnen: Camping im Nationalpark in Texas. Bild: AP Foto

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Es regnet an diesem Tag. Das ist betrüblich für die ambitionierte und persönliche Outdoor-Bilanz. Aber immerhin: Von der Haustür bis zum Briefkasten und zurück, um früh am Morgen den Tagi zu holen – selbst im Spurt kommen da noch elf wichtige Sekunden zusammen. Die werden penibel notiert. Man hat schliesslich nichts zu verschenken. Nicht heute, da man einer kürzlich veröffentlichten Studie («The Indoor Generation») des dänischen Bauprodukte-Herstellers Velux die regennasse Stirn bieten will. Man lässt sich doch von den Dänen nicht als Stubenhocker enttarnen.

Der französische Philosoph und Mathematiker Blaise Pascal meinte im 17. Jahrhundert: «Alles Unheil kommt von der einzigen Ursache, dass die Menschen nicht in Ruhe in ihrer Kammer sitzen können.» Bei Velux sieht man das völlig anders. Dort glaubt man, dass das Unheil der Gegenwart in Form von schadstoffbelasteten und krankmachenden Innenräumen in eben jener Kammer des Schreckens zu suchen ist, die den meisten Menschen als tröstliches Zuhause und Ausdruck des Cocooning gilt: Mein Heim ist meine Burg.

Unbewusste Indoor-Existenz

Das Heil aber, so Velux, sei eher draussen als drinnen zu vermuten. Abgesehen natürlich vom naheliegenden Kauf dänischer Fenster und Lüftungssysteme. Zunächst aber müsse man sich klarmachen, dass es erstmals eine «Indoor Generation» gibt. Also «eine wachsende Zahl von Menschen, die im Vergleich zu früheren Generationen den weitaus grössten Teil ihrer Zeit in geschlossenen Räumen verbringen – aktuell 90 Prozent ihres Lebens».

Das grosse «Draussen» ist ein gesellschaftlicher Megatrend der Soziologie, auch bekannt als «Neo-Nature».

Durchgeführt wurde die Untersuchung mit 16'000 Beteiligten in 14 Ländern. Die britischen Meinungsforscher von You Gov kamen ausserdem zu dem bemerkenswerten Ergebnis, dass sich eine grosse Mehrheit (77 Prozent) ihrer realen Indoor-Existenz «nicht bewusst ist». Kein Wunder: Sie widerspricht ja auch eklatant der omnipräsenten Outdoor-Kultur.

Die hat neben dem Fitness-Bike, der Innenstadt-Strandbar, dem «Waldbaden» (das neue Yoga) und den von Bienen und Bäumen dominierten Verlagsprogrammen auch den neuen Wanderhype und die boomende Outdoor-Industrie samt atmungsaktiver Textilien und «Präzisionsschrittmesser für unwegsames Gelände» hervorgebracht. Das grosse «Draussen» ist ein gesellschaftlicher Megatrend der Soziologie, auch bekannt als «Neo-Nature». Plus Urban Gardening. Plus Canyoning. Plus Geocaching. Plus Glamping. Plus Baumhausferien. Ist das gefühlte grüne Freizeitleben am Ende nur die bizarre Lebenslüge einer in der platonischen Ideenhöhle eingesperrten, sinnesverirrten Gegenwart?


Video: Generation Indoor

9 von 10 Minuten drinnen: Das hat Folgen auf unsere Gesundheit. Video: YouTube / The VELUX Group


Ist man also ein bleichgesichtiger, hausstaubgeplagter und zu Asthma neigender Drinnen-Mensch, der nur glaubt, dauernd unter freiem Himmel die Natur zu umarmen und im Wald zu baden? Blättert man sich auf dem Sofa, das von sich behauptet, eine «Wohnlandschaft» zu sein, durch die Landlust-Reportagen über die «Salzwiesen der Nordseeküste» und meint dann, die Lektüre ersetze schon die halbe Reise? Erfährt man, tief im Lounge Chair versunken, aus der Zeitschrift Walden («Abenteuer vor der Haustür») alles darüber, wo man in Deutschland noch nach Gold suchen kann, nämlich an der Schwarza im Thüringer Wald, während man dem Gold dann doch eher im Juwelo-TV begegnet? Ist man also wirklich so viel drinnen und so wenig draussen vor der Tür?

«Knackarsch statt Bleifuss»

Das will man jetzt genauer wissen. So fährt man trotz des Regens mit dem Fahrrad ins Büro: 18 Minuten und 23 Sekunden. Am Wegesrand ein Plakat, das für mehr Fahrradwege in der Stadt plädiert («Knackarsch statt Bleifuss»). Na bitte, das ist ja wohl alternativlos. Und zudem Freiluftkultur pur. Dann, es bleibt trocken am Nachmittag, wenn auch graugruselig, überredet man die Kollegin zu einem Espresso draussen. Das sind wieder zehn Minuten und 48 Sekunden. Wird alles notiert. Zurück in meine Burg mit dem Fahrrad. Umweg über den Supermarkt. Und abends, es tröpfelt wieder, setzt man sich aus reinem Trotz noch ein wenig auf die nasse Bank beim Gartenschuppen. Die Bilanz dieses Tages: 59 Minuten und sieben Sekunden. Man war fast eine ganze Stunde draussen. Im Freien. Ein Kind der Natur.

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An einem sonnigen Tag liesse sich diese ostentative Naturverbundenheit natürlich glatt verdoppeln. Da würde man noch einen einstündigen Spaziergang im nah gelegenen Wäldchen drauflegen. Man ist doch nicht umsonst «ins Grüne» gezogen. Aber selbst unter sonnigeren Bedingungen wäre man somit immer noch ein geradezu mustergültiges Exemplar der Generation Indoor. Man unterbietet sogar die 2,4 Stunden, die man der Velux-Studie zufolge draussen sein müsste, um lediglich auf 90 Prozent Schadstoffbelastung drinnen zu kommen. Aber locker.

Wären da nicht die «Gesundheitsrisiken der heutigen Indoor-Generation», von denen die Studie spricht, könnte man sagen: na und? Und würde den Ankauf einer antidepressiv wirkenden Tageslichtlampe per Onlinehandel erwägen.

Das Drinnen als Glücksversprechen ist ein existenzielles Gut – woran man sich in Zeiten neuer Wohnungsnot erinnern darf.

Aber tatsächlich kann die Raumluft fünfmal stärker als die Aussenluft mit Schadstoffen belastet sein. Es klingt irre: Aber die von Dieselschwaden geschwängerten Innenstädte können gegen die toxische Atmosphäre von so manchem Kinderzimmer am Stadtrand, die sich auch infolge der deutschen Energieeinsparbauwut aus zu wenig natürlicher und bewusster Lüftung und zu viel Plastikspielzeug, Reinigungshysterie und bisweilen fragwürdigen Baustoffen speist, fast schon als Luftkurorte gelten.

Vor dem Hintergrund der Kulturgeschichte des Bauens und Wohnens ist diese Entwicklung gespenstisch. Das Behausen gilt seit der vitruvianischen Urhütte über die ersten Siedlungsformen bis zu den Megacitys unserer Tage schon immer als Schutzfunktion. Das Dach ist nicht allein ein Bauteil, sondern auch eine Metapher der Geborgenheit. «Draussen vor der Tür» heisst ein Drama von Wolfgang Borchert. Gemeint ist die Erinnerung an den Krieg, an Hunger, Kälte und Tod. Drinnen aber wohnt die Sehnsucht. Es ist das Heim, das uns zur Heimat wird. Und es ist die Stadt, die frei macht, während draussen Unterwerfung oder Gesetzlosigkeit lauern. Das Drinnen als Glücksversprechen ist ein existenzielles Gut – woran man sich in Zeiten neuer Wohnungsnot erinnern darf.

Wie hat sich die Gesellschaft in diesem Drinnen eingerichtet? Im Schlafzimmer wacht man auf. Im Lift geht es nach dem Frühstück in die Tiefgarage. Von dort fährt man im Auto ins Büro. Besiedelt werden Büro- und Konferenzräume. Und wieder eine Tiefgarage. Nach dem Büro geht es zum Workout ins Fitness-Studio. Wo es eine Tiefgarage gibt. Danach kommt endlich das Essen von Foodora («wir liefern, du geniesst») oder das von Lieferando («bequem zu Hause oder im Büro geniessen»).

Natur in Form abgesägter Birkenstämme

Wenn man Glück hat, begegnet man der Natur – denn der Garten wird vom smarten Mähroboter beherrscht – zur Schlafenszeit. Im wunderbaren Zirbenholzbett, dessen lebensverlängerndes Material, das den Blutdruck senkt, ausschliesslich in vollmondbelichteten Winternächten geschlagen wurde.

Es ist logisch, dass in diesem Leben die Zeltbranche boomt. Nicht weil wir das Modell «Waterfall 5 Deluxe» wirklich oft benutzen wollen, sondern, weil es sich gelegentlich gut anfühlt, so etwas Naturschönes und Abenteuerliches zu besitzen. Es ist, als würde sich die Gesellschaft, je weiter sie sich entfernt von allem, was kein Dach und keine Klimaanlage ist, ein immer grünlicheres und rousseauhaft verklärteres Substitut von Freizeit-Natur schaffen. Das Alltägliche einer zuvor naturnahen Lebens- und Arbeitsweise wurde in einer Drinnenwelt zum Draussenevent transformiert.


Video: Die besten Outdoor-Apps

Sieben Apps gegen das Stubenhocken: Für Wanderer, Sportler, Entdecker und Geniesser. Video: Matthias Schüssler


So wie aus dem echten Feuer das HD-Kaminfeuer für PC und TV wurde. Nicht die Natur ist ein Megatrend in einer vorgeblich ökologischen Gesellschaft. Sondern das Greenwashing, die eher gefühlte denn wahre Naturnähe. Die Wand im Fitnessstudio besteht daher aus künstlichem Moos. Und in der alternativen Burger-Braterei setzt man sich in einen Wald aus abgesägten Birkenstämmen. Die Natur ist nicht mehr ein Antagonismus der Zivilisation, sondern deren artifizieller Höhepunkt. Im Jahr 1960 wollte Richard Buckminster Fuller 50 Blocks in Manhattan unter eine klimakontrollierte Hülle stecken. Einige Jahre später erfand ein Münchner Architekt, Günther L. Eckert, ein Habitat für die ganze Weltbevölkerung. Milliarden Menschen sollten in einer einzigen gewaltigen Röhre leben, die sich um die ganze Erde herumgeschlungen hätte. Wie es scheint, sind solche Utopien auf beinahe banale Weise schon fast wahr geworden.

90 Prozent unseres Lebens verbringen wir hinter Glas, Stahl und Beton. Nachdenklich geworden bittet man den Sohn Tags darauf zu einem Abendspaziergang zum Wäldchen hinter dem Haus. «Nö, lass mal», sagt der. Wieso nicht? «Kein Wlan.» Ach so, klar. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 19.07.2018, 15:41 Uhr

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