Was die Weinsteinisierung mit Männern macht

Die weiblichen Klagen gegen belästigendes Männerverhalten sind berechtigt. Trotzdem können sie nerven.

Trotz Regen viel Beteiligung: Women's March am 18. März 2017 in Zürich. Bild: Doris Fanconi

Trotz Regen viel Beteiligung: Women's March am 18. März 2017 in Zürich. Bild: Doris Fanconi

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Wer wollte, wer könnte, wer wagte noch zu widersprechen? Welcher Mann, der noch alle Tassen im Schrank hat – was auch immer Tassen in einem Schrank über die mentale Gesundheit aussagen –, wer würde sich noch mit einem Typen wie Harvey Weinstein solidarisieren?

Niemand wird bestreiten, dass sexuelle Gewalt gegen Frauen alltäglich ausgeübt wird, ob subtil oder brutal, und nicht nur alltäglich, sondern selbstverständlich. Kein Tassen-im-Schrank-­Habender wird Weinsteins Rechtfertigung akzeptieren, wonach die Sechziger- und Siebzigerjahre halt permissive Jahrzehnte waren, als ob sexuelle Belästigung als Ausdruck von Offenheit zu werten ist. Gibt es noch jemanden in Hollywood, der sich nicht in aller Deutlichkeit von Harvey Weinstein distanziert?

Ja. Diese Männer gibt es. Entweder sie tun es so spektakulär unreflektiert wie Woody Allen, der bis heute weitherum beliebte, liberale Regisseur, der seine eigene Adoptivtochter heiratete und dem ein – bis heute unbewiesener – Missbrauch an seiner Stieftochter vorgeworfen wird. Allen sprach in einer ersten Reaktion von einer Hexerjagd gegen Weinstein, die er traurig finde. Später versuchte er zu relativieren. Andere bedingen sich für ihre Reaktion Zeit aus wie der Regisseur Quentin Tarantino. Wieder andere reagieren auf Anfragen kleinmütig oder gar nicht, wie das mehrere amerikanische Schauspieler getan haben.

Donaldisierung, Weinsteinisierung

Das alles ist beunruhigend und bezeichnend. Und es empört viele Frauen und Männer, nicht zum ersten und mit Garantie nicht zum letzten Mal. Innert dreier Tage haben sich weit über eine Million Leute dem Hashtag #metoo angeschlossen. Und davon erzählt, was sie an sexueller Gewalt erlebt haben oder erdulden mussten. Die massierte Reaktion bestätigt die Erfahrung der ­kanadischen Autorin Kelly Oxford vor einem Jahr. Sie hatte, als die auf Video festgehaltenen Ver­gewaltigungsfantasien von Donald Trump publik wurden, den Hashtag #notokay lanciert. Und innert weniger Tage über zehn Millionen Kommentare registriert. Trump war überall, jetzt ist es auch das liberale Hollywood. Auf die Donaldisierung ist die Weinsteinisierung gefolgt.

Was dann und dort passiert ist, verbleicht in Erinnerung an das Grauen über das, was sich im Dezember 2012 in der indischen Provinz Delhi ereignete. Eine 23-jährige Frau war von sechs Männern in einem Bus vergewaltigt und mit einer Eisenstange ermordet worden. Die Tat löste landesweite Proteste und weltweite Schock­reaktionen aus. Dennoch können jene Frauen auf Männergewalt immer noch am wenigsten reagieren, die am meisten davon erdulden müssen. Die Zwangsheirat und Frauensklavenhandel erdulden, systematische Vergewaltigungen im Krieg und in den Städten erfahren, Genitalverstümmelungen, Ausbeutung an Leib und Seele. Seit Jahrtausenden bis heute. Und überall auf der Welt. Also ist auch Indien überall.

Kritisiert, angeklagt, bekämpft

Das ist schrecklich. Das muss gesagt werden. Kritisiert, angeklagt, bekämpft. Trotzdem verdriesst die um sich schlagende Empörung: «Solche Sachen passieren überall.» «Männer wie Weinstein gibt es an jeder Ecke.» «Die meisten Männer sind bekennend sexsüchtig.»

Erstens irritiert an solchen Sammelklagen die Pauschalisierung. Wenn Weinstein und Trump und die indischen Vergewaltiger überall sind, dann nivellieren sich die Unterschiede zwischen den sich wehrenden und unterdrückten Frauen, zwischen Klassen, Kulturen und Traditionen, und es nivelliert sich der Unterschied zwischen Anmache und Attacke. Diese Nivellierung entwertet auch den Kampf der Frauen. Wenn es in den letzten hundert Jahren keinerlei Verbesserung der Verhältnisse gegeben hat, dann hätte die Frauenbewegung nichts bewirkt.

Diese Art von Klagen kommen einem zweitens ungerecht vor, weil sie jedes männliche Verhalten auf einem Kontinuum der Gewalt­bereitschaft eintragen. Wenn jeder Mann ein potenzieller Vergewaltiger ist, stellt er immer eine potenzielle oder reale Drohung dar. Drittens gibt es viele Frauen, die sich als selbstverständliche Feministinnen verstehen, denen dieser Klagesound aber trotzdem auf die Nerven geht.

Das eigene Verhalten

Ausserdem geht einem viertens der humorlose Verzichtston auf die Nerven, der solche Debatten oft versäuert. Dass eine missbrauchte Frau doch das Lustige an ihrem Leiden sehen und jetzt nicht so tun sollte – natürlich ist nicht das gemeint. Aber die Verbissenheit, die einem beim Diskutieren über das ganze Thema immer wieder entgegenfletscht, muss trotzdem nicht sein.

Der Vorwurf der Humorlosigkeit, sagen manche Feministinnen, sei ein klassisch chauvinistischer Abwertungstrick. Aber Humor lässt sich auch als rhetorische Freude, als Ausdruck von Selbstbewusstsein und Selbstironie interpretieren, von Coolness. Der deutsche Hashtag #aufschrei klang schrill, der amerikanische Hashtag #notokay souverän.

Okay, und jetzt fünftens: Was ist denn mit einem selber? Wie steht es um mein eigenes Verhalten als Mann jenseits von Hollywood, Washington und Delhi? Habe ich nicht auch schon verrutscht geguckt, ein unkorrektes Kompliment formuliert, mich auch einmal völlig daneben verhalten und mich dann bodentief dafür entschuldigt? Und wurde diese Entschuldigung angenommen? Ja, ja, ja, ja. Und ja.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 18.10.2017, 19:55 Uhr

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