Bern

Was ehemalige Verdingkinder heute in ihren Akten finden

Immer mehr ehemalige Verdingkinder und andere Opfer fürsorgerischer Zwangsmassnahmen wollen ihrer Geschichte auf den Grund gehen. Manchmal finden sie nicht ganz, was sie erhofften, wie das Beispiel von David Gogniat zeigt.

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Die meisten Gesuche beginnen mit dem gleichen Satz: «Ich will endlich wissen, was damals passiert ist.» Mit diesen Worten melden sich ehemalige Verdingkinder, Zwangssterilisierte und Opfer fürsorgerischer Zwangsmassnahmen beim Berner Stadtarchiv. Sie wollen endlich wissen, weshalb man sie vor Jahrzehnten aus ihren Familien weggeholt hat, wissen, wo ihre verlorene Schwester hingekommen ist, wissen, wer ihre richtige Mutter ist. Auf ein Gesuch hin erhalten sie Einsicht in die Akten, welche die Behörden 1920 bis 1981 von ihnen erstellt haben.

Mehr wissen wollte auch David Gogniat, 1939 als ältester von vier Kindern in der Stadt Bern geboren, die Mutter eine geschiedene Putzfrau. Die Kinder sammelten Schnecken und verkauften sie ans Dählhölzli, um das Familienbudget aufzupolieren. Eine gute Kindheit sei das gewesen, trotz der Armut, erzählt Gogniat. Seine Mutter hätte die vier Kinder garantiert durchgebracht, ist er überzeugt. Doch als er zehn war, kam er eines Tages von der Schule nach Hause, und die Geschwister waren verschwunden, niemand wusste wohin. Bald darauf wollten sie auch ihn holen. Die Mutter wehrte sich, schmiss die beiden Polizisten die Treppe hinunter. Also kamen sie am nächsten Tag zu dritt. Und brachten den kleinen David nach Feutersoey zu Pflegeeltern.

Die Suche in mehr als einem Laufkilometer Akten

Gerade der Moment, in dem sie von ihrer Familie weggeholt wurden, ist vielen ehemaligen Verdingkindern sehr präsent geblieben. «Einige haben bis heute Mühe mit der Polizei oder mit Uniformen, weil sie dies damit verbinden», erzählt Ester Meier, Leiterin des Amts für Erwachsenen- und Kindesschutz der Stadt Bern (EKS). Immer wieder taucht ein schwarzer Wagen in diesen Erzählungen auf. In diesem wurden die Kinder von zu Hause weggefahren. Es sind vor allem ehemalige Verdingkinder, die heute Akteneinsicht verlangen.

Die meisten sind zwischen 60 und 80 Jahre alt. Wenn sie sich beim Stadtarchiv melden, sucht Archivarin Yvonne Pfäffli in über einem Laufkilometer Akten der damaligen Fürsorge- und Vormundschaftsbehörde nach entsprechenden Berichten. Rund sechs Stunden Arbeit bereitet das pro Fall. Danach können die Betroffenen im Stadtarchiv oder beim EKS die Unterlagen durchsehen. EKS-Leiterin Ester Meier weiss, dass es viel Fingerspitzengefühl braucht, um Leute bei der Einsicht ihrer Akten zu begleiten. Viele von ihnen wollen erzählen, endlich ihre Geschichte bei jener Behörde deponieren, die ihnen damals Unrecht getan hat.

Auch David Gogniat wurde von Ester Meier betreut. Seine Geschichte ist geprägt von Gewalt. Seine drei Geschwister lebten auch in Feutersoey, alle in unterschiedlichen Familien. Die jüngere Schwester und der Bruder hatten es recht gut getroffen. Doch die ältere Schwester musste neben der Schule viel arbeiten und konnte sich nur ab und zu in einem Hühnerstall aufwärmen. David Gogniat wurde bei einem Bauernehepaar einquartiert. «Der Bauer war angeblich halb invalide und war nicht derjenige, der die Arbeit suchte», sagt Gogniat heute. Der Junge schlief in einer ungeheizten Kammer unter dem Dach, musste vor der Schule den Stall besorgen, nach der Schule weiterarbeiten. Sein Pflegevater schlug ihn ständig. Wenn sich Gogniat wehren wollte, drohten ihm die Pflegeeltern damit, ihn in eine Anstalt zu stecken. «Das ganze Dorf wusste es und schaute zu, denn mein Pflegevater war ein angesehener Mann.»

Für viele Betroffenen sind die Berichte schockierend

Wenn ehemalige Verdingkinder ihre Akten einsehen, ist das oft ein schwieriger Moment für sie. Sie lesen dort etwa über sich oder ihre Eltern, sie seien «frech und ungezogen», «liederlich» oder «arbeitsscheu» gewesen. «Für viele ist das ein Schock. Manche brechen in Tränen aus und können sich nur schwer fangen. Sie beteuern immer wieder, dass das nicht stimme», hat Ester Meier die Erfahrung gemacht. Umso wichtiger sei es, die Leute bei der Akteneinsicht zu begleiten. «Von jeder Geschichte gibt es unterschiedliche Wahrheiten», sagt Meier. Die Betroffenen erhalten die Gelegenheit, ihre eigene Sicht festzuhalten, die dann den Akten beigelegt wird. Das Ziel der Behörde sei damals nicht gewesen, das Leiden festzuhalten, erklärt Meier. Sondern die materiellen Realitäten der Betroffenen. Häufig geht es in den Akten um Geld. Arztberichte sind darunter, Berichte von Besuchen vor Ort.

Einmal im Jahr erhielt David Gogniat in Feutersoey Besuch von einer Mitarbeiterin der Vormundschaftsbehörde der Stadt Bern. Weil seine Pflegeeltern kein Telefon hatten, hängte der Nachbar jeweils ein weisses Leintuch über die Laube, wenn sie sich angemeldet hatte. Wenn die Frau kam, musste Gogniat nicht arbeiten. Er durfte mit den Pflegeeltern und dem Besuch am Tisch sitzen und das Zvieri geniessen – was normalerweise nie vorkam. Er wurde in anständige Kleider gesteckt und in ein Zimmer im Bauernhaus, das als sein eigenes ausgegeben wurde. Er konnte der Frau nicht erzählen, wie sein Leben wirklich war – denn die Pflegeeltern waren stets dabei. David Gogniat schwieg.

«Man wollte ihnen das Glück aufzwingen»

«Heute sind die kantonalen Qualitätsvorschriften für Pflegeplätze und Heime sehr streng. Die Beistände hören den Kindern bei ihren Besuchen gut zu, man versucht, eventuelle Missstände aufzudecken», sagt Ester Meier. Gerade anhand der Geschichte von Verdingkindern versucht sie, ihre Mitarbeitenden immer wieder für die schwierige Situation von Kindern, die fremdplatziert sind, zu sensibilisieren, um ähnliche Katastrophen zu verhindern. Immer vor Augen, was vielleicht im Jahr 2050 über die Arbeit der heutigen Beistände erzählt wird.

Die Absicht der Behörde sei damals eine gute gewesen: Man habe die Kinder aus der Armut retten wollen, sei davon ausgegangen, dass die Eltern selber schuld an dieser Armut seien. «Man wollte ihnen das Glück aufzwingen. Und vergass dabei völlig, sie darüber zu informieren, was eigentlich mit ihnen geschieht.» Heute arbeitet das EKS nach der Devise, die Familien mit freiwilligen Hilfeleistungen zu unterstützen. Eine staatliche Massnahme soll möglichst verhindert werden. Erst wenn der Schutz des Kindes nicht mehr gewährleistet ist, wird es fremdplatziert. «Unsere Arbeit ist immer ein Abwägen. Vielleicht reagieren wir heute manchmal auch zu spät», sagt Meier.

David Gogniat wollte nach der Schule nur noch eines: weg aus Feutersoey, weg von seinen Pflegeeltern. Er wollte eigentlich Automechaniker lernen, doch dafür, so hiess es bei der damaligen städtischen Vormundschaftsbehörde, habe man kein Geld. Er entschied sich für die Landwirtschaft, kam zu einem Lehrmeister in Genf, bei dem er es gut hatte. Und doch wurde er im Laufe seines Lebens immer wieder von Menschen enttäuscht. Er heiratete 1966 und beschloss, sich selbstständig zu machen. Kaufte sich einen Lastwagen und fuhr damit anfangs in den Irak, später während 30 Jahren durch ganz Europa. Nach Feutersoey ist er selten zurückgekehrt.

Viele wählten den Weg in die Selbstständigkeit

«Viele Verdingkinder wollten aus dem Kreislauf ausbrechen, von niemandem mehr abhängig, niemandem mehr ausgeliefert sein», weiss Stadtarchivar Roland Gerber. Sie suchten den Weg in die Selbstständigkeit. Gerade in den Siebzigerjahren sei der Beruf als Lastwagenchauffeur für Männer dazu eine willkommene Gelegenheit gewesen. Sie fuhren als ihr eigener Chef zu günstigen Tarifen in Länder, in die sonst niemand fahren wollte – in den Nahen Osten zum Beispiel. Viel war es nicht, das David Gogniat bei Ester Meier in seinen Akten fand. Ein paar Berichte vom Jugendamt und von der Kinderkrippe, bei der sich die Mutter ab und zu beschwert hatte. Und Briefe, welche die Mutter an die Behörden und an Politiker geschrieben hatte. «Sie hat gekämpft wie eine Löwin, um uns zurückzubekommen», sagt Gogniat. Neu war ihm das allerdings nicht: Bereits als er nach dem Tod der Mutter ihre Wohnung räumte, fand er Korrespondenzen. In alter deutscher Schrift und zum Teil nur schwer lesbar. Aber: «Man merkt den Briefen an, wie sehr sie das Ganze mitgenommen hat.»

Ein Schicksal, das fürs Leben prägt

«Manchmal ist leider nicht mehr viel vorhanden. In solchen Fällen sind die Leute oft enttäuscht», sagt Stadtarchivar Roland Gerber. Und doch ist das Archiv nirgends im Kanton so umfassend wie in der Stadt Bern. Wenn nur noch wenige Unterlagen da sind oder – noch schlimmer – gar keine, stelle sich bei den Gesuchstellenden oft die Frage: Ist wirklich nichts mehr da oder wollen sie es mir nur nicht zeigen?

Gerber versteht diese Skepsis, denn die Betroffenen haben viel Negatives mit Behörden erlebt. Er betont: «Wir sind verpflichtet dazu, jene Dokumente, die wir finden, den Betroffenen zu zeigen.» Und so schmerzhaft es manchmal sei, die Akten einzusehen: Viele könnten dadurch vielleicht doch noch ein Stück weit mit diesen dunklen Seiten ihrer Lebensgeschichte abschliessen. Auch, wenn eine solche Jugend einen ein Leben lang präge.

David Gogniat war über Jahre hinweg ständig mit dem Lastwagen unterwegs. Er sorgte dafür, dass Geld im Haus war, dass seine Kinder und seine Frau es materiell so gut wie möglich hatten. Versuchte, seine Mutter von ihrem religiösen Wahn wegzubringen, dem sie seit diesen schlimmen Erlebnissen verfallen war. Holte sie auf eigene Verantwortung aus der Waldau, nachdem sie nach einem Brand in ihrem Haus einen Zusammenbruch erlitten hatte.

Liebe zu geben, bereitete dem Sohn, Ehemann und Familienvater aber Mühe – was ihn selber belastete. «Ich bin vielleicht manchmal sehr hart. Aber leider habe ich nie gelernt, anders zu sein», sagt er. Einmal hat er trotzdem fast geweint. Als er den Film «Der Verdingbub» schaute. Er will, dass endlich alle wissen, dass damals grosses Unrecht geschah. Ihm und vielen anderen. (Berner Zeitung)

Erstellt: 04.08.2014, 11:06 Uhr

«Viele Tränen stecken in diesen Dokumenten»

In der Stadt Bern gibt es so viele Dossiers von Opfern fürsorgerischer Zwangsmassnahmen wie nirgends im Kanton. Nun werden 5000 Dossiers für die Forschung aufbereitet.

Bis zu 30'000 Personendossiers aus den Jahren 1920 bis 1960, erstellt von der damaligen städtischen sozialen Fürsorge, lagern im Berner Stadtarchiv. Es ist der grösste Aktenbestand aus dieser Zeit im ganzen Kanton Bern. In diesen Unterlagen befinden sich auch Dokumente zu den Schicksalen von ehemaligen Verdingkindern und Fremdplatzierten. Die Berichte darin, oft nüchtern formuliert und auf Finanzielles ausgerichtet, zeigen einen Aspekt dieses dunklen Kapitels der Schweiz auf. «Unglaublich viele Tränen stecken in diesen Dokumenten», sagt Stadtarchivar Roland Gerber.

Seit 200 Jahren eine professionelle Verwaltung

Dass diese Unterlagen überhaupt noch existieren, ist ein Ausnahmefall: Gemäss heutiger Gesetzgebung dürfen im Kanton Bern Sozialhilfeakten, 15 Jahre nachdem die Leistungen eingestellt wurden, vernichtet werden, falls das Archiv sie nicht als aufbewahrungswürdig einstuft. In Bern gibt es seit 200 Jahren eine professionelle Verwaltung mit Archiv. In kleineren Gemeinden hat die Archivierung meist aus Kapazitäts- und Zeitgründen nicht den gleichen Stellenwert. In anderen Städten wie Zürich und St.Gallen sind die Fürsorgebestände aber ebenfalls gross.

Zudem ist es ein Glücksfall, dass die Unterlagen in den 1990er-Jahren nicht wie geplant vernichtet wurden. «Der damalige Fürsorgedirektor und spätere Stadtpräsident Klaus Baumgartner realisierte, dass dieses Material wertvoll ist», sagt Stadtarchivar Gerber. Deshalb wurde es vollständig aufbewahrt. Aus den Jahren 1960 bis 1981, in denen ebenfalls Leute von fürsorgerischen Zwangsmassnahmen betroffen waren, ist immerhin noch eine Auswahl der Akten vorhanden.

Dieses reichhaltige Archiv kommt heute den Betroffenen zugute, die ihre Unterlagen einsehen dürfen (siehe Haupttext). Während vor 2013 nur vereinzelte Anfragen im Stadtarchiv eintrudelten und letztes Jahr zwanzig, sind es dieses Jahr schon über dreissig. «Je mehr die Medien über diese Thematik berichten und je mehr Opfer mit ihrer Geschichte an die Öffentlichkeit gehen, umso mehr getrauen sich andere Betroffene, ihrem Schicksal nachzugehen», hat Gerber festgestellt.

Die alten Dossiers werden für die Forschung aufbereitet

Aber auch für die Forschung ist der Aktenbestand von Bedeutung. Allerdings kann er im Originalzustand nicht dafür genutzt werden: Ohne System und in Bananenschachteln wurde er lange Jahre in einer Arrestzelle in der Nägeligasse gelagert, weil sonst nirgends Platz war. Nun befinden sich die Unterlagen in Regalen im Keller des Stadtarchivs an der Helvetiastrasse – aber noch immer ohne klares System und ohne elektronische Erfassung. Zurzeit ist deshalb eine Fachfrau für Information und Dokumentation damit beschäftigt, Akten nach dem Zufallsprinzip auszuwählen, zu ordnen, elektronisch zu erfassen und so zu konservieren, dass sie auch die nächsten Jahrzehnte überleben werden. So sind dann Forschungen etwa zu Alkoholismus, zu Gewalt und zu administrativen Zwangsmassnahmen allgemein möglich.

Rund 28'000 Franken hat der Gemeinderat für das Aufbereiten von 5000 Dossiers bereits genehmigt. Damit und mit Mitteln aus dem ordentlichen Archivbudget werden der Lohn der Fachfrau und das Verpackungsmaterial bezahlt. Bis im Sommer 2015 sollen die Unterlagen für die Forschung bereit sein.

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