Was fiept denn da?

Das neueste Slow-TV-Projekt kommt aus der Schweiz. Einmal mehr stehen Tiere im Mittelpunkt - ziemlich seltsame diesmal.

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Zuerst hört man ein fiependes Gackern. Dann macht man mit der Zeit auch das kleine graue Bartgeierjunge aus. Mit ausgestreckten Flügeln liegt es in der Mitte des Nests, bewacht von seinen schwarz-weissen Eltern. Oder ist ihr Federhaupt doch eine Art Rostbraun? Ansonsten ist alles grau oder schwarz-weiss. Nichts, woran das Auge hängen bliebe. Wenn man dann einen grünen Zweig am Boden ausmachen kann, kommt schon fast so etwas wie Euphorie auf.

Zu sehen ist die kleine Bartgeierfamilie aus dem Tierpark Goldau. Dank einer Kamera im Nest kann seit der Schwangerschaft von Mascha täglich von 7 bis 19 Uhr direkt ins Zuhause der Jungfamilie geblickt werden. Big Brother für Vögel quasi. Und über 110'000 Menschen haben das schon gemacht: live auf der Webseite der «Schweizer Familie».

Die Geschlechterrollen bei Vögeln

Einer der Bartgeier sitzt während Stunden neben dem grauen Jungen. Mal putzt er sich das Gefieder. Dann watschelt er träge um das Kleine herum. Ab und zu pirscht sich auch der zweite Vogel heran. Für eine Weile stehen die beiden herum und scheinen auf etwas zu warten. Auf was bloss? Der Fantasie sind keine Grenzen gesetzt. Doch bevor etwas passiert, entschwindet der zweite Vogel wieder.

Spannung kommt dann doch nicht auf. Eher geht es um die Faszination der kleinen Veränderungen. Will man doch nicht ganz auf Spannung verzichten, bleibt die Frage nach dem Geschlecht der Vögel. Wer ist hier das Weibchen? Denn selbst der Experte sieht das von blossem Auge nicht. Und anscheinend ist Hans eifriger an der Aufzucht beteiligt als Partnerin Mascha. Ob Bartgeier eine traditionelle Rollenverteilung haben?

Slow TV aus dem Norden

Die Anfänge des Slow TV sind im hohen Norden zu finden. Vor fünf Jahren rüstete die norwegische Fernsehanstalt NRK einen Zug mit mehreren hoch technischen Fernsehkameras aus und zeigte zur besten Sendezeit an einem Freitagabend in Echtzeit die Fahrt von Oslo nach Bergen. Die ganzen sieben Stunden und vier Minuten. «Bergensbanen – minutt for minutt» nannten sie das. Oder «Sakte-TV», langsames Fernsehen. Wer lange genug dabei zusieht, wie sich die Lokomotive durch die verschneite und mondbeschienene Landschaft schlängelt, fällt in eine Art meditativen Zustand.

Was nach einem Flop klingt, wurde zu einem Grosserfolg mit mehr als 30 Prozent Marktanteil. Deshalb haben die Norweger das Konzept gleich mehrmals aufgenommen. Es fand eine «Nationale Feuerholz-Nacht» statt, während derer Holz gehackt und dann in Brand gesteckt wurde. Es folgte eine «Nationale Strick-Nacht», vom Schaf zum fertigen Pullover. Für die «Piip-Show» wurden Vogelhäuschen wie Wohnzimmer eingerichtet. Während 14 Stunden konnte man dann den gefiederten Freunden bei der Aufzucht des Nachwuchses in eleganter Umgebung zusehen.

Das längste Ereignis zog sich über 134 Stunden hin und war eine Postschifffahrt von Bergen nach Kirkenes. Die Norweger waren so begeistert von diesem Ereignis, dass sie sich entlang der Route in witzigen Verkleidungen aufstellten. Manche hielten sogar Schilder mit Heiratsanträgen in die Kamera.

Die Bartgeier von Goldau

Nun hat das Slow TV also auch die Schweiz erreicht. Letztes Jahr versuchte sich SRF an diesem Format und sendete während eines Tages live aus dem Nationalpark. Und seit Februar beobachtet die Schweiz die Bartgeier. Hans Frey, der Greifvogelexperte, geht davon aus, dass sich die Kleinfamilie der Zuschauer bewusst ist. Was diese davon halten, wurde bis anhin allerdings noch nicht verlautet.

Wenn einen keine Spannung bei der Stange hält, dann ist es wohl die Faszination, live dabei zu sein. Keine einzige Minute zu verpassen. Wer das doch tut, kann am nächsten Tag die ganzen 12 Stunden auf Youtube nochmals ansehen. Was die hochkomplexen Qualitätsserien verunmöglichen, fordert Slow TV geradezu heraus, dass die Sendung eher im Hintergrund läuft und man auch mal den Raum verlassen kann. Verpassen tut man eh nichts.

Der norwegische Erfinder Thomas Hellum ist davon überzeugt, dass das Format Slow TV in allen Ländern funktioniert. Das Thema der Sendungen müsse allerdings tief in der Kultur des Landes verwurzelt sein, um möglichst viele Menschen zu erreichen. Während die Norweger auf Feuer, Züge und Schiffe setzen, scheint es den Schweizern die Natur angetan zu haben. Ob es sich bei den Zuschauern vornehmlich um entnaturalisierte Städter handelt, die bis zum nächsten Schwingfest die Zeit totschlagen, ist leider nicht bekannt.

Erstellt: 01.04.2015, 10:14 Uhr

Livestream

Hier können Sie den Bartgeiern zusehen.

schweizerfamilie.ch/bartgeier.html

Slow TV auf Nordisch

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