«Was halten Sie davon, dass ich ein Pädo bin?»

Joris wurde älter. Die Buben, die er attraktiv fand, wurden es nicht. Wie er der Versuchung widersteht, einem Kind wehzutun – und damit zum Täter zu werden.

Jeder Hundertste ist pädophil: Ein Mann in einer Therapiesitzung. Foto: iStock

Jeder Hundertste ist pädophil: Ein Mann in einer Therapiesitzung. Foto: iStock

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Joris Weingartner verschwindet im Treppenhaus des unauffälligen alten Hauses in Bahnhofsnähe. Sorgen, dass ihn dabei jemand beobachten könnte, macht er sich nicht. Denn Passanten würden wahrscheinlich annehmen, dass er die Drogerie im Parterre besucht oder die gemeinnützige Stiftung in den Stockwerken darüber. Für diese Diskretion ist Weingartner dankbar. Denn wo er wirklich hin will, darf keiner wissen.

Er steigt die Treppen hoch und läutet beim Forensischen Institut Ostschweiz, kurz Forio, wo ihm von einem freundlichen Mitarbeiter erst einmal ein Kaffee serviert wird, bevor ihn seine Therapeutin in ihr Büro bittet. Knarrende Dielen, Sisalteppiche, leises Gemurmel, das durch die Türen dringt, dazu das Gurgeln und Zischen der Kaffeemaschine – fast könnte man die Atmosphäre als gemütlich bezeichnen. Die Themen, die hinter den geschlossenen Türen besprochen werden, sind es definitiv nicht.

Die meisten kommen freiwillig in Therapie

Seit das Institut vor 15 Jahren eröffnete, sind hier rund 170 pädophile Männer in Therapie gewesen. Manche von ihnen sind verurteilte Sexualstraftäter, überwiesen vom Gericht oder der Staatsanwaltschaft. Vier von fünf kommen jedoch freiwillig und sind bisher nicht mit dem Gesetz in Konflikt geraten – so wie Joris Weingartner. Sie sind hier, weil sie mit einer sexuellen Präferenz zurechtkommen müssen, die gesellschaftlich geächtet ist. Weil sie verhindern wollen, einem Kind wehzutun und damit zum Täter zu werden. Für die meisten ist es der einzige Ort, an dem sie über ihre Veranlagung sprechen können.

Weingartner, ein noch junger Mann um die dreissig mit verwegener Fussballerfrisur und auffälligen Tattoos, opfert für ein Gespräch mit uns seine Therapiestunde. Er arbeite «in der Industrie», reise gern, treffe sich oft mit Freunden, möge Fernsehen und seine Playstation und führe ansonsten «ein ganz normales Leben». Mehr Details über sich möchte er erst einmal nicht preisgeben.

Keine andere menschliche Besonderheit ist stärker stigmatisiert als Pädophilie.

«Und? Was halten Sie davon, dass ich ein Pädo bin?», fragt er herausfordernd, um die Reporterin zu testen. Ist sie wirklich interessiert? Oder bloss eine der vielen, die ihre Meinung bereits gemacht haben? Dass er einem Interview zustimmt, ist keine Selbstverständlichkeit. Seit der Pädophilen-Volksinitiative von 2014, die es verurteilten Tätern verunmöglicht, jemals wieder mit Kindern zu arbeiten, habe sich kaum noch ein Pädophiler öffentlich geäussert, sagt Weingartners Therapeutin, die Rechtspsychologin und Gutachterin Monika Egli-Alge.

Keine andere menschliche Besonderheit ist stärker stigmatisiert als Pädophilie. Was Menschen über Pädophile denken, hat die deutsche Psychologin Sara Jahnke in einer internationalen Studie untersucht – mit erschreckendem Resultat: Ganze 14 Prozent der deutschsprachigen und 28 Prozent der englischsprachigen Befragten stimmten der Aussage zu, dass «Menschen mit Pädophilie besser tot sein sollten, selbst wenn sie nie Straftaten begangen hätten». Die Mehrheit wollte lieber einen Alkoholiker, sexuellen Sadisten oder Psychopathen zum Nachbarn haben als einen Pädophilen.

Er selbst wurde älter. Die Buben, die er attraktiv fand, wurden es nicht.

Verständnis können Pädophile ebenso wenig erwarten wie eine differenzierte Debatte über die Gefahr, die von ihnen ausgeht. Betroffene, die mit den Medien sprechen, riskieren, geoutet zu werden, was meist den Zusammenbruch ihres beruflichen und sozialen Lebens zur Folge hat. Joris Weingartner ist deshalb ein Pseudonym, nicht einmal die Reporterin kennt seinen richtigen Namen. Weingartner möchte während des gesamten Gesprächs seine Therapeutin dabeihaben, um sich sicherer zu fühlen. Immer wieder sucht er ihren Blick. Monika Egli-Alge nickt ihm ermutigend zu.

Mit zehn Jahren kam Weingartner in ein Heim und verliebte sich dort zum ersten Mal in einen Buben, «bloss wusste ich damals noch nicht, was das bedeutet. Ich dachte erst, ich sei vielleicht schwul». Er selbst wurde älter. Die Buben, die er attraktiv fand, wurden es nicht. Jung müssten sie sein, etwa acht bis dreizehn Jahre alt, schlank, zierlich, blond, «hübsch natürlich». Weingartner zuzuhören, wie er von den verbotenen Objekten seiner Begierde schwärmt, ist befremdend. Auch ihm selbst fällt es schwer, auszusprechen, was nicht sein darf.

«Die grössere Gefahr für Kinder geht von den Nichtpädophilen aus. Und nicht von den Pädophilen.»Monika Egli-Alge, Therapeutin

Doch ausgesucht hat er sich seine sexuelle Orientierung nicht. Pädophilie ist angeboren, genauso wie Homo-, Bi- oder Heterosexualität, darin ist sich die Wissenschaft mittlerweile einig. Etwa jeder hundertste erwachsene Mann ist pädophil, das sind in der Schweiz rund 30'000 Betroffene; Ehemänner, Nachbarn, Kollegen, Verwandte, Freunde, die ihre Neigung aus Angst vor sozialer Isolation meist strikte geheim halten.

«Jeder Pädo wird als Kinderschänder betrachtet. Und jeder Kinderschänder als Pädo», sagt Weingartner voller Bitterkeit, «aber so einfach ist es nicht.» Die Statistik gibt ihm recht. Dass Weingartner bisher kein Delikt begangen hat, ist eher die Regel als die Ausnahme. Je nach Studie werden etwa 25 bis 40 Prozent der Pädophilen straffällig. Fachleute unterscheiden dabei zwischen «Hands on», also sexuellen Handlungen mit Kindern. Und «Hands off», dem Konsum von Kinderpornografie. Die Mehrheit lässt sich niemals etwas zuschulden kommen.

Umgekehrt werden etwa 50 bis 70 Prozent der «Hands on»-Delikte von nichtpädophilen Tätern begangen. «Das sind die sogenannten Ersatztäter», erklärt Monika Egli-Alge. Sie vergreifen sich an einem Kind, weil es gerade verfügbar ist, weil sie aufgrund der physischen Überlegenheit Macht über das Kind ausüben können, weil sie ihm aus Rache, Eifersucht oder Sadismus wehtun wollen. «Die grössere Gefahr für Kinder geht also von den Nichtpädophilen aus. Und nicht von den Pädophilen», sagt die Therapeutin. Bekannt seien diese Fakten schon lange, doch frustrierenderweise würden sie von der öffentlichen Wahrnehmung ignoriert. «Auch ich selbst hatte früher Vorurteile – mangels besseren Wissens.» 84 Prozent der sexuellen Übergriffe an Kindern passierten im familiären Umfeld. Das, so die Therapeutin, sei die eigentliche Hiobsbotschaft.

Wo er schon mal in Therapie war, gestand er auch gleich seine Pädophilie.

Monika Egli-Alge, eine herzliche 60-Jährige mit zupackender Ausstrahlung und markantem Rheintaler Dialekt, ist eine gefragte Expertin für Pädophilie und Kindesmissbrauch. Sie hat zwei erwachsene Söhne, von denen einer als Therapeut im Forio mitarbeitet. Als Egli-Alge im Jahr 2006 ein Behandlungskonzept der Berliner Universitätsklinik Charité übernahm, verfolgte sie damit einen radikal neuen Ansatz: Nicht nur die übergriffigen Pädophilen wollte sie behandeln, sondern auch alle anderen, «damit die gar nicht erst übergriffig werden». In manchen anderen Ländern wäre dies rechtlich unmöglich, weil Therapeuten, denen Betroffene ihre Neigung offenbaren, dazu verpflichtet sind, die Strafverfolgungsbehörden zu informieren. «Doch das ständige Verheimlichen ihrer Bedürfnisse schafft bei den Betroffenen ein Klima der Isolation, das Delikte erst recht begünstigt», sagt Egli-Alge.

Mittlerweile hat ihr Institut 26 Mitarbeiter an drei Standorten. Ihre Klienten kommen aus allen Altersgruppen, Gesellschaftsschichten und Bildungsniveaus. Sie sind verheiratet, geschieden, ledig, verwitwet, mit Kindern oder ohne, berufstätig, arbeitslos oder in Ausbildung. «Den typischen Pädophilen gibt es nicht», sagt Egli-Alge. Manche wollen anonym bleiben. Sie werden unter einem Decknamen behandelt und bezahlen die Therapie in bar, damit auch nicht die Krankenkasse von ihrer Veranlagung erfährt. Einer der ersten Klienten im Jahr 2006 war Joris Weingartner.

Der damals noch Minderjährige landete eher zufällig beim Forio. In der Lehre hatte es Probleme gegeben, die eine therapeutische Intervention notwendig machten. Ins Detail möchte Weingartner lieber nicht gehen, weil er befürchten müsste, sonst erkannt zu werden. «Ich habe mich aggressiv verhalten», sagt er bloss. Und wo er schon mal in Therapie war, gestand er auch gleich seine Pädophilie.

Viele sehen keinen Lebenssinn mehr

Eher untypisch ist es, dass er so früh über seine Neigung Bescheid wusste – und sie freimütig offenbarte. Für die meisten Betroffenen sei es «ein ganz schlimmer Schicksalsschlag», zu begreifen, dass sie pädophil sind, sagt Monika Egli-Alge. «Da bricht alles zusammen. Viele machen schwere depressive Episoden durch, manche müssen sich sogar hospitalisieren lassen, weil sie keinen Sinn mehr darin erkennen können, weiterzuleben.» Weingartner jedoch reagierte nicht mit Selbsthass wie so viele andere. Er war bloss völlig ratlos, wie er mit seiner Veranlagung umgehen sollte.

Ein Kind zu missbrauchen, kam für ihn nicht in Frage, denn er hatte im Heim selbst Missbrauch erlebt. Niemals möchte er einem Buben antun, was ihm damals widerfahren ist, «ich weiss zu gut, wie schlimm das für mich war». Auch Kinderpornografie – Monika Egli-Alge benutzt lieber den Ausdruck «Missbrauchsabbildungen», um keinen Zweifel aufkommen zu lassen, worum es sich wirklich handelt – habe er nie konsumiert, «das ist doch genauso schrecklich». Weingartner schluckt. Wenn ein Missbrauchsfall durch die Medien gehe, beschäftige ihn das über alle Massen, sagt er. Etwa der Fall Rupperswil, wo der Täter nicht nur vier Menschen ermordete, sondern sich auch am 13-jährigen Sohn der Opfer-Familie verging, «da wollte ich jedes Detail wissen. Ich wollte verstehen, warum es so weit gekommen war. Ob man es hätte verhindern können».

War Sex für ihn gelaufen? Konnte er sich ein Leben lang unter Kontrolle haben?

Weingartner wünschte, er könnte die Opfer solcher Verbrechen beschützen, jedes einzelne. Am liebsten würde er die Kriminalpolizei beraten und «denen erzählen, wie die Pädos ticken. Ich weiss doch, wie die vorgehen, ich kenne jeden Trick!». Dass er selbst diese Tricks anwenden könnte, um sich einen Buben gefügig zu machen, schliesst er kategorisch aus.

Als er mit der Therapie begann, musste er sich existenziellen Fragen stellen: War Sex für ihn gelaufen? Wie sollte er damit leben, niemandem von seiner Veranlagung erzählen zu dürfen? Konnte er sich sicher sein, nichts Verbotenes zu tun, sich ein Leben lang unter Kontrolle zu haben? «Oft hören wir von den Betroffenen, dass es für sie keinen anderen Ort gibt, wo sie über diese Dinge reden können», sagt Monika Egli-Alge.

«Man braucht einfach ein Ventil.»Joris Weingartner

Weingartner sei «kernpädophil», er steht ausschliesslich auf vorpubertäre Jungen. Das macht die Sache komplizierter. Bei der pädophilen Nebenströmung lasse sich «die Präferenzgruppe manchmal ein bisschen weiten». Ein solcher Mann, der beispielsweise auf pubertierende Jungen stehe, könne unter Umständen mit einem sehr zierlichen erwachsenen Mann mit unbehaarter Brust und zartgliedrigem Körperbau glücklich werden. Diese Möglichkeit bleibt Weingartner versagt.

Er lernte in der Therapie, dass es für ihn eine imaginäre Mauer gibt, die er niemals überschreiten darf. «Ich kann einem Buben Hoi sagen, die Hand geben, mit ihm reden, in seltenen Fällen gibt es vielleicht einmal eine Umarmung.» Mehr liegt einfach nicht drin. Wie jeder Forio-Patient bekam er von Monika Egli-Alge einen individuell auf ihn zugeschnittenen «Schutzplan», mit Massnahmen, die er selbst treffen kann, um riskante Situationen zu vermeiden: Ablenkung suchen, wenn der Drang zu stark wird, sich einem Buben zu nähern, Kindern generell ausweichen, einfach weggehen, wenn es gefährlich wird. «Vermeiden ist die sicherste Risikomanagement-Strategie», sagt Egli-Alge.

«Für viele Betroffene ist es ein grosser Fortschritt, zu realisieren, dass sie ihren Trieben nicht schutzlos ausgeliefert sind.»Monika Egli-Alge

Doch sie klappt nicht immer. Manche müssten auch Freunde einbinden, um unter Aufsicht zu sein, wenn sie die Gefahr spüren, etwas Illegales zu tun. «Sollte ich dich eines Tages anrufen und fragen, ob du mit mir Velo fahren kommst, wäre es gut, wenn du das einfach tust», könne man so einen Freund zum Beispiel bitten. Nicht immer müsse dieser Freund Bescheid wissen über das tatsächliche Problem. «Wenn sich jemand nicht outen kann, muss man eben Tarngeschichten zu Hilfe nehmen. Der Betroffene gibt vielleicht vor, vom Alkohol loskommen zu wollen oder vom Rauchen.»

Egli-Alge zeichnet den Schutzplan, der im Zentrum jeder Therapie steht, am Flipchart und auf A4-Bögen, gibt ihn in Kreditkartengrösse ab, auf laminiertem Karton oder als Piktogramm. Für viele Betroffene sei es ein grosser Fortschritt, zu realisieren, dass sie ihren Trieben nicht schutzlos ausgeliefert sind, sagt sie.

Medikamente, die seine Libido dämpfen, nimmt Joris Weingartner nicht. Ausserhalb der Gefängnisse werden sie selten eingesetzt. «Das Problem ist, dass Antiandrogene nur zwischen den Beinen wirken», sagt Monika Egli-Alge, «nicht aber dort, wo das wichtigste Geschlechtsorgan des Menschen sitzt: zwischen den Ohren.» Die Betroffenen könnten dann die Erektion nicht mehr halten, es gebe kaum noch orgasmusauslösende Energie, «doch die Fantasien sind ja immer noch da. Das wird als sehr unangenehm empfunden». Manche bekämen Sehnenscheidenentzündungen, weil sie so verzweifelt versuchten, zu masturbieren, «ein sehr heikles Thema».

«Wenn man sich helfen lässt, so wie ich, dann schafft man es, kein Täter zu werden.»Joris Weingartner

Denn, wie es Joris Weingartner ausdrückt: «Man braucht einfach ein Ventil.» Irgendwohin muss sich das verbotene Begehren entladen können, das nicht mit einem Kind ausgelebt werden darf. Die Frage, ob er manchmal ins Freibad gehe, zum Buben-Gucken, empfindet er als beleidigend. «Ich bin doch kein Klischee-Pädo!», empört er sich. Aber zum Glück gebe es die Selbstbefriedigung, und in der Fantasie sei gar nichts verboten. Weingartner lächelt verlegen.

Viele ihrer Klienten hätten hohe moralische Ansprüche an sich selbst, sagt Monika Egli-Alge, «manche empfinden es schon als Betrug, sich beim Sex mit der Partnerin einer Fantasie mit einem Kind hinzugeben». Sie erzählt von einem Klienten, der seinem Patenkind ein leidenschaftlicher Götti war, «ein super Götti, so einen würde sich jeder wünschen!». Doch als das Mädchen in sein Präferenzalter kam, brach er die Beziehung ohne Erklärung ab. «Nicht, weil er Angst hatte, dem Mädchen etwas anzutun, sondern weil er es mit seiner eigenen Moral nicht vereinbaren konnte, dass sein Patenkind nun zur für ihn sexuell attraktiven Gruppe gehörte.» Bis heute habe niemand verstanden, was mit ihm los sei, «durch sein Verhalten ist er out, in der gesamten Familie. Dabei war das Schlimmste, was er je riskiert hatte, ein Blick in einen Versandhauskatalog, in dem es einige Bilder von Kindern in Unterwäsche gibt».

Egli-Alge wünscht sich, dass Pädophilie, «dieser Schicksalsschlag, den sich niemand ausgesucht hat», nicht mehr gleichgesetzt werde mit kriminellem Verhalten. Dass Betroffene sich outen könnten, zuhause in der Familie, im Freundeskreis, am Arbeitsplatz. «Dass sie trotzdem Mensch bleiben könnten. Und nicht Bestie, Monster, Kinderschänder.» Joris Weingartner hat seine Eltern bereits mit 17 Jahren eingeweiht, im Beisein seiner Therapeutin. Das hätte er sich auch sparen können. Mutter und Vater schweigen das Thema seither eisern tot.

Was bleibt von der Liebe, wenn jede Annäherung an das geliebte Objekt gefährlich ist?

«Wenn man sich helfen lässt, so wie ich, dann schafft man es, kein Täter zu werden», sagt Weingartner. Doch er verhehlt auch nicht, dass es Tage gebe, an denen er sich fühlt wie ein Verdurstender, vor dem ein Glas Wasser steht, «und ich weiss, ich darf es nicht trinken. Ich darf einfach nicht». Die Versuchungen lauern überall.

Kann seine Therapeutin garantieren, dass er nicht trotzdem eines Tages schwach wird? Monika Egli-Alge denkt lange nach. «Ich traue ihm», sagt sie schliesslich, «doch das ist nur ein Gefühl, und Gefühle können einen auch täuschen. Absolute Sicherheit gibt es nie.» Weingartner habe keine «kognitiven Verzerrungen» wie andere, die sich einreden, «sie würden das Kind in die wunderbare Welt der Sexualität einführen». Zudem habe er ein gutes Gefühl dafür, wann er Hilfe braucht, und nehme dann stets einige Therapiesitzungen in Anspruch. Das spreche sehr dafür, dass er sich im Griff hat. Doch was, wenn sich seine Lebensumstände ändern? Bei einem Jobverlust, einer Krankheit oder Lebenskrise müsste man das Risiko ganz neu beurteilen – «da lege ich für gar niemanden die Hand ins Feuer».

Missbräuche verhindern

Einer von hundert ist pädophil, auch in ihrer Familie, ihrer Wohngegend, unter ihren Berufskollegen, Freunden und Bekannten. Nachdenklich macht diese Tatsache Monika Egli-Alge noch immer. Doch ihren Schrecken hat sie zumindest teilweise verloren, «weil ich nun weiss, dass es Möglichkeiten gibt, erfolgreich damit umzugehen und Missbräuche zu verhindern».

Was bleibt von der Liebe, wenn jede Annäherung an das geliebte Objekt gefährlich ist? Hatte Weingartner bisher überhaupt so etwas wie ein schönstes Liebeserlebnis, von dem er uns erzählen kann, oder zehrt er ausschliesslich von seiner Fantasie? Weingartner muss nicht lange überlegen. Als er seine kostbarste Erinnerung Revue passieren lässt, leuchtet sein weiches Jungengesicht vor kaum unterdrückter Freude: «Einmal sagte mir ein Bub, der mir zuvor von seinen Problemen erzählt hatte, ich sei der liebste Mensch der Welt.»

Ein nettes Wort von einem Kind – für Joris Weingartner ist das schon die Sternstunde seines Lebens.

Das Forensische Institut Ostschweiz (Forio) hat Filialen in Frauenfeld, Zug und Zürich, forio.ch

Erstellt: 30.01.2019, 14:25 Uhr

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