Was ist falsch an Querdenkern?

Psychoanalytiker Peter Schneider beantwortet Fragen zur Philosophie des Alltagslebens.

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Mit Ihrer Bemerkung, die Sie kürzlich über «Querdenker» gemacht haben («Ganz schlimm sind übrigens auch ‹Querdenker›, die meistens keinen geraden Gedanken hinkriegen und deshalb aus der Not ihrer schiefen Logik eine Tugend machen»), bin ich nicht einverstanden. Diese bezieht sich aus meiner Sicht eher auf «Querschläger». Ich habe zum Begriff eine völlig andere, positive Beziehung.
O. D.

Lieber Herr D.

Diese positive Beziehung will ich Ihnen auch gar nicht vermiesen. Man kann den Begriff des Querdenkers sehr unterschiedlich füllen, und mir liegt es fern, in dieser Sache eine Definitionshoheit zu beanspruchen. Ich kann Ihnen aber zu erklären versuchen, was mich zu diesem harschen Urteil – auch wenn es nur so nebenbei geäussert war – bewogen hat. Wie brauchbar das Querdenker-­Etikett jemals gewesen sein mag, in den 80er-Jahren wurde es inflationär. «Im scharfen Tonfall des bedrohten, angegriffenen Aussenseiters, sogar Ketzers längst Mehrheitsfähiges und Binsenweises herauszuposaunen, das ist wahre Querdenkerei», schrieb Wiglaf Droste seinerzeit. Und trifft damit genau den Nerv, auf den einem die Querdenker seither gehen, exakt auf den wunden Punkt.

Nehmen wir als Beispiel einmal mehr den guten alten Hans Küng, die Mutter allen Querdenkens. «Sein Leben lang hat er sich als unbequemer Querdenker in der Kirche eingemischt», schrieb der «Blick» im letzten Jahr zu dessen 85. Geburtstag. (Wahrscheinlich gibt es für die Kombination «unbequem» und «Querdenker» in Word schon ein Tastaturkürzel, um diesen Textbaustein zu erzeugen.) Welche Leistung! Ein ganzes Leben lang den Papst kritisieren! Andere schaffen das in 10 Minuten und machen nicht ein Hundertstel so viel Bohei drumherum. Wenn einer Bestseller schreibt, sei ihm das gegönnt; aber so zu tun, als seien das gefährliche Werke der Untergrundliteratur: Das ist doch voll peinlich! Das geht ja gar nicht! Doch, das geht leider.

Und Hans Küng ist ja nicht der Einzige: Die Fraktion der Reformkatholiken ist gut besetzt mit solchen amtl. zertifizierten Querdenkern. Aber im Grunde genommen sind sie harmlos, und man mag ihnen die Bewunderung der angegrauten Kirchentags-Damen mit Pagenkopf und lila Schal gönnen. (Sag ich jetzt mal so und ziehe die Bemerkung auch gleich wieder zurück: nur keine Pagenkopf-graue-Haare-Debatte!)

Schlimmer sind die Wut-Querdenker und Endlich-einmal-Sager-wie-es-wirklich-ist wie Thilo Sarrazin (auf Herrenreiter-Niveau) und dem zum Geiferer gegen Genderwahn, Schwulenbevorzugung, Muslime und linke Politik avancierten Katzenkrimi-Schriftsteller Akif Pirincci (auf Mob-Niveau). Arg sind auch Kabarettisten, deren Thesenwitze nur wenig komisch sind, die aber hartnäckig meinen, man lache bloss deshalb nicht, weil man sich wegen des herrschenden Political-Correctness-Terrors nicht traue. Kurz: Des Querdenkers intellektuelle Selbstüberschätzung ist sein Ketzer-Himmelreich. (Was aber wirklich wahr ist: Frauen haben Angst vor so schönen Männern wie mir.)

Erstellt: 09.12.2014, 18:02 Uhr

Peter Schneider

Der Psychoanalytiker beantwortet Fragen zur Philosophie des Alltagslebens. Senden Sie Ihre Fragen an gesellschaft@tages-anzeiger.ch

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