Was soll der Hype um die Periode?

Sie inspiriert Kampagnen, Fernsehserien, Bücher und blutige Kunstwerke. Noch nie war die Menstruation so öffentlich.

Nein, keine Angst, das ist kein Blut. Dieser Tampon ist mit rotem Glitter verziert. Foto: Alamy

Nein, keine Angst, das ist kein Blut. Dieser Tampon ist mit rotem Glitter verziert. Foto: Alamy

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

So wie die Modeindustrie alle paar Zyklen bauchfreie T-Shirts wieder ausgräbt und Popbands immer wieder Abba oder Kraftwerk als Inspiration ent­decken, so hat auch das Geschlechterbewusstsein ein paar Evergreens auf Lager. Momentan angesagtes Thema von Frauen, die sich auf irgendeine Weise mit ihrer Weiblichkeit beschäftigen: die Menstruation. Dass Frauen während der Jahre ihrer Fruchtbarkeit bluten und dass dies etwas mit ihnen macht – darüber wollen viele von ihnen neuerdings auch in der Öffentlichkeit reden.

Man kann sich zwar leicht durchs Leben bewegen, ohne davon etwas mitzubekommen, nicht aber durch die Medien, die jede Blutspur gierig aufsaugen. Tamponwitze und Periodensex-Scherzchen gehören längst zum Inventar amerikanischer Fernsehserien. In der neuen Netflix-Serie «Glow» stellt zum Beispiel ein weibliches Wrestling-Team in der Umkleidekabine fest, dass sich nach einigen gemeinsamen Wochen ihre Zyklen synchronisiert haben. Die Szene dauert fast fünf Minuten. Der deutsche Verlag Gräfe und Unzer veröffentlichte im Frühjahr «Ebbe und Blut», ein kunstvoll gestaltetes, viel beachtetes Coffee-Table-Buch zum weiblichen Zyklus, in dem die Monatsblutung als «Elixier» beschrieben wird.

Vor allem online begegnet man an jeder Ecke dem, was Internet-Fachjargon-Sprecher wohl als Menstruations-Content bezeichnen würden. Wen der eigene Internetbrowser als weiblich (und als zu blöd für Werbeblocker) identifiziert hat, wird von allen möglichen Seiten mit Werbeanzeigen für Menstruationstassen (wiederverwertbar, nachhaltig, praktisch) und Menstruationsunterwäsche (Unterhosen zum Reinbluten) zugeballert, die von frauengeführten und frauenfreundlichen Unternehmen betrieben werden.

Die Schweiz besteuert Tampons höher als Viagra.

In den sozialen Medien, wo man immer etwas aufgeregter agiert als im analogen Leben, wurde 2017 als Jahr der #PeriodPositivity ausgerufen. Hashtags dienen der Selbstbeschreibung als #happytobleed (zu Deutsch frohzubluten) oder der Kategorisierung von sogenannter #MenstrualArt oder #PeriodArt: Das sind Kunstwerke, die sich entweder mit dem Thema der weiblichen Blutung beschäftigen oder aus ihrem Endprodukt hergestellt werden. Bleiche Blutblumen auf Bettlaken zum Beispiel – so viel Pathos muss offenbar sein.

Wenn Männer bluten würden

Warum aber spielt sich dieses Theater um die Menstruation gerade jetzt ab? Klar, das Thema fällt in die Kategorie «Irgendwas mit Emanzipation» und hat daher den Status erhöhter Wichtigkeit. Neu ist das Phänomen allerdings nicht: Bereits in den Siebzigerjahren machten Feministinnen auf die politische Dimension der Regelblutung aufmerksam.

Den bis heute lustigsten Text zu diesem Thema schrieb 1978 die amerikanische Journalistin Gloria Steinem. Sie stellte die Frage: Was wäre, wenn Männer menstruieren könnten? «Die Antwort ist klar – die Menstruation wäre ein beneidenswertes, maskulines Ereignis zum Angeben: Männer würden damit prahlen, wie viel und wie lange sie bluten. Jungen würden den Beginn der Menses, ­jenen lang ersehnten Männlichkeitsbeweis, mit ­Ritualen und Herrentags-Feiern markieren. (...) Militärführer, rechtskonservative Politiker und religiöse Fundamentalisten würden mit der Menstruation («Män(ner)-Struation») beweisen, dass nur Männer in der Armee dienen («Man muss Blut geben, um Blut nehmen zu können»), politische Ämter übernehmen («Können Frauen aggressiv genug sein ohne diesen standfesten Zyklus, der vom Mars regiert wird?») und als Priester («Frauen können für ihre Sünden kein Blut geben») oder Rabbiner («Ohne den monatlichen Abstoss ihrer Unreinheiten bleiben Frauen unsauber») dienen können.»

Ebenfalls in den Siebzigern entstanden erste Menstruationsmalereien, damals waren das drastische Aktionen, die alte Tabus aufbrechen sollten. Schliesslich hatte die Menstruation lange genug als Vorwand für die Marginalisierung der Frauen gedient – und zwar in allen Weltreligionen. Bei den Katholiken, den Hindus, im orthodoxen Judentum und im Islam kommen Frauen aufgrund ihres Geschlechts für höhere religiöse Ämter nicht in Betracht, was auf ihre mangelnde körperliche Reinheit zurückgeführt wird. Nach dem Alten Testament ist alles, was eine menstruierende Frau anfasst, sieben Tage lang unrein.

Und noch heute werden in manchen Regionen der Welt Frauen während der Periode zu Unberührbaren. In Nepal etwa verbannen fundamentalistische Hindus Frauen in dieser Zeit aus dem Haushalt, obwohl dieser «Brauch» offiziell seit 2005 verboten ist. Orthodoxe jüdische Männer berühren ihre Frauen mindestens sieben Tage im Monat nicht, die Frau muss erst ein rituelles Bad nehmen, um dem Mann auch nur die Hand geben zu dürfen.

Solche Periodenpanik hat auch im Westen eine lange Tradition: Der Begriff Hysterie kommt vom altgriechischen «Hysteria» (Gebärmutter), Frauen, die ihre Tage haben, gelten auch in Zeiten der Gleichberechtigung als unberechenbare Wesen. Doch von einem Tabu wie noch vor ein paar Jahrzehnten kann nicht mehr die Rede sein.

Verbreitet ist nicht so sehr Abscheu vor der Frau, sondern eine Kombination aus Desinteresse und Unwissen. Und das kann man, angesichts der elementaren Bedeutung dieses Vorgangs, schon als Defizit sehen. So schreiben die jungen Autorinnen von «Ebbe und Blut», sie hätten erst als 20-Jährige verstanden, dass ihre Periode auf den Eisprung zurückgeht. Sie ärgern sich über die gesellschaftliche Unfähigkeit, «Kindern nicht nur Smartwatches oder Postzustellung durch Drohnen zu erklären, sondern auch den Uterus, aus dem sie kamen».

Junge Frauen werden heute wohl kaum von ihrer ersten Periode überrascht, so wie das in unaufgeklärten Zeiten häufig der Fall war. Doch sie lernen noch immer, dass das Thema eines ist, das man nicht in jeder Situation anspricht, und dass die Probleme, die man damit bekommen kann – starke Schmerzen zum Beispiel – solche sind, die man am besten mit Medikamenten beseitigt.

Ein blutiges Trump-Porträt

Natürlich benutzt ein bestimmter Schlag Männer das Thema auch in halbwegs gleichberechtigten Gesellschaften, um Frauen zu diskreditieren. Vom Präsidenten der USA ist bekannt, was er von selbstbewussten Frauen hält, die nicht zu seinen Claqueuren gehören. Er erlaubte es sich, im Wahlkampf die kritischen Fragen einer Journalistin damit abzutun, man hätte doch förmlich gesehen, wie das «Blut aus ihrer Sonstwas» gelaufen sei. Der Aufschrei war gross, geschadet hat es ihm nicht. Als Reaktion schuf die Künstlerin Sarah Levy das grandioseste aller Menstruationskunstwerke: ein Porträt Donald Trumps, gemalt mit dem Blut ihrer Periode.

Trotzdem missversteht man die rote Welle, die derzeit durch die Diskurse schwappt, wenn man sie auf das Thema Schamabbau reduziert. Es geht hier um konkrete politische Themen – in Deutschland zum Beispiel wird diskutiert, warum Tampons und Binden wie Luxusgüter mit 19 Prozent Mehrwertsteuer belegt werden und nicht mit 7 Prozent wie Alltagsgegenstände. Auch die Schweiz verrechnet auf «Damenhygieneartikel» den Luxusansatz von 8 Prozent. Das sind 5,5 Prozent mehr als man für Vogelsand, Viagra und unzählige andere Dinge zahlt, die als Güter für den täglichen Bedarf gelten. Bei Tampons trifft das angeblich nicht zu.

Dann diese Menstruationstassen, die vielen so suspekt erscheinen, weil Becher voller Blut erst mal kein einladendes Bild abgeben: Doch sie sind wahre Nachhaltigkeitswunder, weil ein abwaschbarer Behälter aus weichem Silikon kiloweise Tamponmüll ersetzt. Und viele der Künstlerinnen wollen mit ihren aufsehen- wie ekelerregenden Werken auch auf sich selbst, vor allem aber auf das weltweite Problem der Menstruationsarmut aufmerksam machen. Frauen, die arm sind, haben oft keinen Zugang zu Hygieneartikeln. Das hat erniedrigende Folgen.

Instagram löschte das Bild einer blutigen Hose.

In Zeiten, in denen Bücher über die Aktivitäten des menschlichen Verdauungstraktes («Darm mit Charme») zu Dauerbestsellern werden, kann man selbst als hyperanalytische Feministin nicht mehr behaupten, dass körperliche Tabus existieren. Im Gegenteil, wir erleben in der Öffentlichkeit eher etwas, das man als «Peak Körper» bezeichnen könnte: Der zwanglose Zwang, den eigenen Körper genauestens zu beobachten, zu würdigen und zu zeigen, hat seinen vorläufigen Höhepunkt erreicht.

Und genau hier hängt sich ein guter Teil des aktuellen Menstruations-Aktivismus ein. Das Bild, das dieses Thema überhaupt in Gang setzte, stammt von der Künstlerin Rupi Kaur, die sich vor zwei Jahren selbst mit einem Blutfleck auf der Hose porträtierte. Sie stellte es auf Instagram, und Instagram löschte es, zwei Mal. Kaur ging damit an die Öffentlichkeit und schrieb eine beissende Anklage: Dieselbe Gesellschaft, die von nackten Frauenkörpern nicht genug bekommen kann, verbanne Bilder von deren Blutungen aus der Öffentlichkeit.

Nie waren Menschen derart stark umgeben von Körperbildern wie heute. Und nie zeigten sie ihre eigenen Körper so vielen anderen Menschen. Entstanden ist dabei eine Art neuer öffentlicher Idealkörper: nicht der offensichtlich manipulierte Model-Körper aus den Hochglanzanzeigen. Diesen Massstab kann man mit ein bisschen Rationalisierungsvermögen von sich weisen. Es handelt sich um den subtil durchgefilterten, gut angezogenen und durchtrainierten Influencerinnen-Körper, der permanent im eigenen Feed auftaucht. Ein Körper, der Authentizität ausstrahlt, aber doch keine echten Qualitäten zeigt, der immer nah, aber absolut nicht zu fassen ist.

Wenn Frauen jetzt einen neuen Aufklärungsdrang verspüren, folgen sie dem Wissenstrieb zu ihren Körpern. Und sie kämpfen dafür, sich nicht nur als Bilder und Formen und Leistungsträgerinnen zeigen zu dürfen, sondern in ihrer Gesamt­körperlichkeit.

Es gibt kein Entkommen

Damit kommen wir zu einer Wahrheit über Weiblichkeit, die so banal und so fundamental ist wie die Tatsache der Monatsblutung selbst: Egal wie frei und autonom eine Frau werden kann, es gibt für sie kein Entkommen aus ihrem Körper. Eine Frau wird immer, egal wo sie lebt, egal was sie denkt und wie sie handelt, von anderen immer auch als Körper wahrgenommen. Frauen haben mit dieser Tatsache umzugehen, ob sie wollen oder nicht. Manche begreifen dieses Ausgeliefertsein als Bürde, andere als Geschenk. Kein Wunder, dass kaum eine feministische Frage so heiss diskutiert ist wie die Frage, welche Beziehung zwischen Geschlecht, Identität und Körper besteht.

Die Menstruationsmissionarinnen entscheiden sich dafür, die unbestreitbaren Tatsachen ihrer Weiblichkeit allen anderen mitzuteilen – ob diese es sehen wollen oder nicht. Das kann nerven, ist aber jenseits der puren Provokation auch ein Akt der Selbstbehauptung.

Erstellt: 19.09.2017, 18:28 Uhr

Artikel zum Thema

Tschüss Tampon, hallo Menstasse

Mamablog Ist der kleine Becher aus Silikon eine gute Alternative zu Binden und Co? Ein Selbsttest. Zum Blog

Rote Brunnen, lauter Protest

Tampons werden in der Schweiz höher besteuert als Viagra. Absurd, finden Politikerinnen – und stellen Forderungen. Als Vorbilder sollen Länder wie Irland oder Kenia dienen. Mehr...

Mit einem blutigen Laken gegen das Patriarchat

Menstruation, Selbstbefriedigung und Verhütung: Catherine V Harry will in Kambodscha die Diskussion über veraltete Vorstellungen anstossen. Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Kommentare

Die Welt in Bildern

Irgendwie ist die Luft draussen: Am Australien Open in Melbourne sitzen die kleinen Zuschauer im Regen. (23. Januar 2020)
Mehr...