Was unterscheidet die Geschlechter?

Wir wissen in der Regel auf den ersten Blick, ob jemand Mann oder Frau ist.

Die Unterschiede zwischen Männern und Frauen sind weder klar noch definiert noch haben sie einen unveränderlichen Kern. Foto: Pexels.com

Die Unterschiede zwischen Männern und Frauen sind weder klar noch definiert noch haben sie einen unveränderlichen Kern. Foto: Pexels.com

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Was unterscheidet Mann und Frau? Die körperlichen Unterschiede sind den meisten klar. Aber die psychischen?
A. F.

Lieber Herr F.
Gender ist ein Thema, das bei vielen Leuten, bei denen die starke Meinung die Ahnung ersetzt, zum Inbegriff aller linken Verwirrungen geworden. Hier werde die Natur geleugnet und alles zum gesellschaftlichen Konstrukt erklärt. Nur Männer und Frauen könnten natürlicherweise Kinder bekommen, und das sei eben auch in der Natur so, weshalb die Ehe für alle bzw. die Adoption von Kindern durch Homosexuelle ein Irrweg seien, und man möge doch bitte den naturgegebenen Unterschied zwischen Mann und Frau anerkennen und vor allem nicht so einen Blödsinn von sozialer Konstruktion des Geschlechts erzählen.

Nun gibt es aber weder Ehe noch Adoption «in der Natur», weshalb diese beiden gesellschaftlichen Institute ziemlich «konstruiert» sind, was ihrer grossen Bedeutung keinerlei Abbruch tut. Aber sie sind eben auch dekonstruierbar. Was nicht heisst, dass man sie demoliert, sondern dass man sie in ihrer Geschichte und ihrer sozialen Funktion analysiert. Die Grundidee der Gendertheorie ist die, dass der Unterschied der Geschlechter sowie die Bedeutung, die man diesem Unterschied einräumt, variabel sind. Männlichkeit und Weiblichkeit sind keine letzten ontologischen Grössen, sondern das, was Menschen aus einem Penis bzw. einer Vagina und deren jeweiligen Drumherum machen.

Man muss den Geschlechtsunterschied dort suchen, wo er produziert wird: an der Oberfläche.

Wir wissen in der Regel auf den ersten Blick, ob jemand Mann oder Frau (bzw. schwer in dieses Schema einzuordnen) ist. Nicht weil wir einen Blick auf die Genitalien geworfen haben, sondern weil ein komplexes Gemisch von Verhaltens- und Redeweisen uns darüber Aufschluss gibt. Eine Drag-Queen erscheint uns als karikaturistische Darstellung des Weiblichen nicht deshalb, weil sie eine besonders eindrückliche Vagina hat, sondern weil sie besonders weiblich tut. Das ist das, was man mit «doing gender» meint.

Man muss den Geschlechtsunterschied also nicht in der Tiefe der Differenz eines wesenhaft Weiblichen oder Männlichen suchen, sondern dort, wo er produziert wird: an der Oberfläche. Gegen «Oberflächlichkeit» sträuben sich viele unserer auf Tiefe getrimmte Denktraditionen; dennoch ist man besser beraten, wenn man etwas über Männlichkeit und Weiblichkeit wissen will, die Historikerin, den Soziologen oder die Ethnologin zu fragen als die Urologin oder den Gynäkologen.

Es gibt die Unterschiede zwischen Männern und Frauen. Wir erleben sie schliesslich jeden Tag. Aber sie sind weder klar noch definiert noch haben sie einen unveränderlichen Kern.


Der Psychoanalytiker Peter Schneider beantwortet jeden Mittwoch Fragen zur Philosophie des Alltagslebens. Senden Sie uns Ihre Fragen an gesellschaft@tagesanzeiger.ch

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 25.07.2017, 19:13 Uhr

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