Weltgrösster Brauereikonzern unterwandert Craft-Beer-Szene

Anheuser-Busch Inbev investiert still und heimlich in Bierliebhaber-Websites. Kritiker sprechen von einem «krassen Interessenkonflikt».

Fühlen sich von Grosskonzernen bedroht: Kleinbrauereien, die ihr Bier handwerklich herstellen. Foto: Getty Images

Fühlen sich von Grosskonzernen bedroht: Kleinbrauereien, die ihr Bier handwerklich herstellen. Foto: Getty Images

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Craft Beer, also handwerklich gebrautes Bier, liegt im Trend – auch in der Schweiz. Jährlich werden hierzulande Dutzende neue Klein- und Mikrobrauereien gegründet, die auf traditionelle Herstellung setzen. So wächst die Biervielfalt rasant und damit die Möglichkeit, neue Sorten und Marken zu entdecken. Um den Überblick zu behalten, setzt die weltweit florierende Szene auf Blogs und Websites, auf denen Bier vorgestellt und bewertet wird. Immer mehr Konsumenten informieren sich auf diesen, bevor sie etwas kaufen.

Dieser Trend ist natürlich auch dem weltgrössten Brauereikonzern Anheuser-Busch Inbev (AB Inbev) nicht verborgen geblieben. Mit einem Marktanteil von 40 Prozent in den USA und über 500 Marken in mehr als 140 Ländern ist er ziemlich genau das Gegenteil einer Kleinbrauerei. Solche kaufte der Weltkonzern in den letzten Jahren aber auf. Und jetzt ist er laut einem Bericht der Handelszeitung noch einen Schritt weitergegangen.

Fotos: Die zehn grössten Bierkonzerne der Welt

Wie die Craftbeer-Newssite Good Beer Hunting kürzlich aufdeckte, hat sich AB Inbev schon vor Monaten still und heimlich bei Bierliebhaber-Websites eingekauft. Seit Oktober ist ZX Ventures, die Risikokapitalgesellschaft des Konzerns, an der Website Rate Beer beteiligt, die als eine der weltweit beliebtesten für Benotungen und Hintergrundstorys rund um die Bierkultur gilt. Zudem finanziert ZX Ventures das Biermagazin «October» und betreibt die Website The Beer Necessities.

«Das ist ein krasser Interessenkonflikt.»Sam Calagione, Craft-Beer-Brauerei Dogfish Head

Die redaktionellen Investitionen des Grosskonzerns, die öffentlich nicht bekannt gegeben wurden, stossen in der Branche auf Unmut: Mit dem Eindringen in den Bierjournalismus unterwandere AB Inbev die Bierkultur, was vor allem aus Sicht der kleinen Konkurrenten ein Problem sei, sagen Kritiker.

Zu diesen gehört Sam Calagione, Gründer der amerikanischen Craft Beer-Brauerei Dogfish Head. «Das ist ein krasser Interessenkonflikt. Kein Brauer sollte in einer Position sein, in der er potenziell manipulieren könnte, was die Konsumenten über Biere hören und sagen», schrieb er in einem Blogpost. Durch die fehlende Transparenz erscheine die Website dem Konsumenten weiterhin als nutzergenerierte Plattform.

AB Inbev weist die Vorwürfe zurück. Rate Beer bleibe inhaltlich unabhängig, sagte eine Sprecherin gegenüber dem Fachportal Advertising Age. Dass ZX Ventures die Beteiligung nicht früher offengelegt habe, sei normal. «Die meisten Risikokapitalfonds geben ihre Investitionen nicht bekannt.» Und auch Joe Tucker, Geschäftsführer von Rate Beer, verteidigte die Zusammenarbeit mit dem Grosskonzern. Dieser liefere Ressourcen und Infrastruktur, respektiere aber die unabhängigen Dienstleistungen der Website, schrieb er in einer Stellungnahme.

Ob die heimliche Offensive von Anheuser-Busch Inbev aufgeht, ist allerdings fraglich. Experten rechnen sogar eher mit einem Boomerang. Dass der Deal mit Rate Beer nicht offengelegt wurde, sei ein unehrlicher Betrug an den Usern und Sponsoren der Website, schrieb Harry Schuhmacher von der Newssite «Beer Business Daily» auf Twitter. In einem Bericht fügte er an: «Wenn etwas in der Craft-Beer-Industrie nicht funktioniert, dann ist es Hinterhältigkeit.» Das Vorgehen von Anheuser-Busch Inbev könnte demnach bewirken, dass sich der Ruf grosser Bierkonzerne weiter verschlechtert und der Trend zu Kleinbrauereien nicht ab-, sonder im Gegenteil noch zunimmt.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 15.06.2017, 20:38 Uhr

Artikel zum Thema

Na dann, Prost!

Die zwei grössten Bier-Giganten gehen zusammen. Was passiert, wenn Budweiser, Miller, Corona und Stella Artois plötzlich vom gleichen Konzern stammen? 7 Fragen, 7 Antworten. Mehr...

Trotz sinkendem Bierdurst steigt die Zahl der Brauereien

Der Branchenverband rechnet mittelfristig mit einer weiteren Zunahme. Die Hürden für Einsteiger sind tief. Mehr...

Das Bier zum Hipster-Bart

Die Zukunft auf dem Biermarkt gehört dem Craft-Beer, also den Produkten kleiner, unabhängiger und experimentierfreudiger Brauereien. Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Newsletter

Kurz, bündig, übersichtlich

Sonntags bis freitags ab 7 Uhr die besten Beiträge aus der Redaktion.
Newsletter «Der Morgen» jetzt abonnieren.

Kommentare

Newsletter

Kurz, bündig, übersichtlich

Sonntags bis freitags ab 7 Uhr die besten Beiträge aus der Redaktion.
Newsletter «Der Morgen» jetzt abonnieren.

Die Welt in Bildern

Wässern für die Kameras: First Lady Melania Trump posiert mit Giesskanne im Garten des Weissen Hauses in Washington DC. (22. September 2017)
(Bild: Michael Reynolds/EPA) Mehr...