Weltkrieg für immer

Voriges Jahr starb der letzte Veteran des Ersten Weltkriegs. Doch das Bemühen um Erinnerung nimmt nicht ab. Im Gegenteil.

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Der Erste Weltkrieg rückt in die Ferne. 2011 starb Claude Choules, der wohl letzte an Kampfhandlungen beteiligte Veteran des Ersten Weltkriegs, im Alter von 110 Jahren. Er hatte als 14-Jähriger bei der britischen Navy angeheuert. Der letzte Infanterist, der Engländer Harry Patch (geboren 1898), ist 2009 verstorben. Nun ist niemand mehr da, der den Schlamm und den Wahnsinn des Krieges gesehen hat. Wo früher Erinnerung war, ist heute Geschichte.

Doch die Geschichte bewegt Massen. In Grossbritannien tragen jedes Jahr mehr Menschen zum Remembrance Day im November die Mohnblume am Revers, eine Erinnerung an den blutroten Mohn der flämischen Felder (und ein Zeichen der Solidarität mit britischen Soldaten weltweit). In Frankreich steht Präsident Nicolas Sarkozy jedes Jahr mit steinerner Miene am Arc de Triomphe und legt zum Armistice-Tag einen Kranz nieder. Im belgischen Ypern wird jeden Tag das Horn geblasen, um an die Flandernschlachten zu erinnern.

Jeder ein Archivar

Von Verdun bis Gallipoli spielen kostümierte Hobbyisten Gefechte als «lebendige Geschichte» nach. Die vor ihrem Ableben eilig aus den alten Männern gepressten Autobiografien der letzten Veteranen sind Bestseller. Zwei Jahre bevor sich der Kriegsausbruch 1914 zum hundertsten Mal jährt, glüht die Kommemorationsmaschine.

Davon zeugt auch eine Hängematte. Sie gehörte Richard Kurda, einem Matrosen der Kaiserlichen Marine zur Zeit des Ersten Weltkriegs. Wirklich bequem sieht sie nicht aus, doch auf der SMS Kaiser wird das Seilgeflecht ein wenig Ruhe ermöglicht haben. Nach Kurdas Tod bewahrten dessen Kinder die Hängematte auf, dazu eine hölzerne Seefahrerkiste, Briefe und Porträtfotos. Eines der Bilder zeigt Kurda 1915 in Uniform, auf der Rückseite die Widmung: «Meinem lieben Mädel zur steten Erinnerung an Ihren Richard.»

Heute kann man sich Kurdas Hängematte und Fotos im Internet ansehen, per Mausklick gleichsam auf den Dachboden der Familie Kurda gelangen. Die Erbstücke sind Exponate in Europeana 1914–1918, einem wachsenden Onlinearchiv zur Alltagsgeschichte des Ersten Weltkriegs. Koordiniert wird es von Europeana, der virtuellen Bibliothek der Europäischen Union, sowie von der Deutschen Nationalbibliothek und der britischen Universität Oxford.

«Da sind Tränen geflossen»

Die Methode heisst «Crowdsourcing», die Masse als Quelle: Statt Material zusammenzusuchen, lässt man Laien das Archiv selber füllen. Die europäische Öffentlichkeit ist aufgerufen, ihre Keller und Dachböden nach Fotografien, Postkarten, Tagebüchern, Orden, Helmen zu durchforsten. Gefragt sind Stücke von der Front und von zu Hause.

Das Material wird abfotografiert, katalogisiert und ins Netz gestellt. In Grossbritannien wird seit 2008, in Deutschland seit 2011 gesammelt. Dieses Jahr sollen Dänemark, Luxemburg, Irland, bis 2014 auch Frankreich, Belgien, Österreich und weitere Länder hinzukommen.

Wer die Technik beherrscht, kann die eigenen Stücke selber scannen und direkt vom Wohnzimmer aus in die Sammlung laden. Wem das zu kompliziert ist, der kann seine Sachen auch vorbeibringen: In Deutschland fanden bereits in mehreren Städten Aktionstage statt. Dabei nahmen Bibliothekare die Digitalisierung vor und notierten sich die Geschichte der Objekte. «Wir waren überrascht, wie emotional diese Treffen verliefen», sagt Britta Woldering von der Deutschen Nationalbibliothek. Da seien Tränen geflossen.

Ein Erinnerungsboom

Die Augenzeugen sind verstorben, noch am Leben aber ist die letzte Generation, die mündlich Zeugnis erhalten hat vom Grossen Krieg. Erzählte Geschichte, vermittelt durch die Eltern und Grosseltern, ist etwas anderes als Büchergeschichte. Solches Wissen will gesichert sein: «Jeder will jetzt seine Geschichte erzählen. Auch wenn es nicht die eigene, sondern die der Grosseltern ist», sagt Daniel Segesser, Historiker an der Universität Bern.

An den Europeana-Aktionstagen in Deutschland waren laut Bibliothekarin Britta Woldering fast alle Besucher über 60 Jahre alt: «Viele sagten: ‹Hier, nehmen Sie, ich bin sowieso der Letzte, der mit den Sachen etwas anfangen kann. Meine Kinder werden die Sachen wohl auf den Müll schmeissen.›» Das Europeana-Archiv liefert Wertschätzung für selten gewordenes Wissen sowie die Versicherung, dass dieses Wissen für die Nachwelt bewahrt wird. Nach der Erfassung erhalten die Spender ihre Objekte übrigens wieder zurück.

Das Bedürfnis nach Erinnerung ist aber nicht nur eine Folge der Demografie, sondern auch von Wohlstand. Nie zuvor haben so viele Menschen sich mit so viel Freizeit und so vielen Mitteln der Vergangenheit widmen können. Das geht weit über den Ersten Weltkrieg hinaus. Der US-Historiker Jay Winter ortet einen «Memory Boom» im reichen Westen, eine Obsession mit der Vergangenheit. Manifest ist dies etwa in Fernsehformaten wie «Réduit» oder «Leben wie zu Gotthelfs Zeiten», aber auch in der Ahnenforschung oder dem Reenactment, also dem theatralischen Nachspielen von Geschichte.

Wohliger Schrecken

Krieg ist das wohl beliebteste Gedenkmotiv. Dabei geht es nur vordergründig um Trauer und Verarbeitung. «Lust spielt hier die grössere Rolle als Last», sagt der Geschichtsprofessor Etienne François von der Freien Universität Berlin. Geschichte dient hier der Unterhaltung, wird zur Entertainment-Destination, zu einem fremden Land der wohligen Schrecken.

Raue Geschichte sei besonders gefragt, denn: «Nicht nur in der Schweiz leben wir heute in sehr geordneten Verhältnissen», so François. Das enorme Sicherheitsdenken unserer Zeit erfordere Kompensation. Die Rückversetzung in vergangene Kriege steigert das Gefühl von Lebendigkeit angesichts möglicher Gefahren.

Der Erste Weltkrieg ist ungefährlich

Der Erste Weltkrieg eignet sich besser als andere, jüngere Kriege für solche Fluchten. Er ist ungefährlich, heute kaum mehr umstritten oder belastet mit Fragen von Schuld und Moral. «Er ist so weit weg, er scheint dem Hundertjährigen Krieg ähnlicher als dem Zweiten Weltkrieg», sagt Etienne François. Es sei schwierig, den Studenten nahezubringen, weshalb sich damals so viele Millionen Menschen umgebracht haben. «Der Erste Weltkrieg wird immer weniger verständlich», glaubt François.

Wenn es bei der Erinnerungsarbeit rund um den Ersten Weltkrieg auch nicht um Schuld geht, so geht es doch um Leid, um die unvorstellbaren 15 Millionen Toten und die 20 Millionen Verwundeten. Der Hunger, die Entbehrungen, das Heimweh, der Schlamm, die Läuse, das Sperrfeuer, das Senfgas, der Lärm, die Ratten, die Propaganda, die Gräben, die Grippe, die Gräber: Das Material im Europeana-Archiv lässt erahnen, was für ein Grauen der Krieg über die Menschen brachte – an der Front und daheim. In einer Alltagsgeschichte des Ersten Weltkriegs werden alle Beteiligten zu Opfern. Und wenn alle Opfer sind, muss vielleicht niemand Täter sein.

Bravo, Opa!

Das Bild einer im Leiden vereinten europäischen Bevölkerung ist versöhnlich. Vielleicht zu sehr: Wer die Öffentlichkeit ein Archiv füllen lässt, muss damit rechnen, dass die Verbrechen und Versagen der Vorväter nicht vorkommen. Man erhält gefilterte Geschichte. Die Macher stört dies nicht: Im Werbefilm für das Projekt sagt eine junge Deutsche, die die Datenbank nach Material zu ihrem Urgrossvater durchsucht: «Ich würde so gerne mehr über ihn wissen, und ich möchte stolz auf ihn sein.» Schrecken und Zweifel haben in dieser Geschichtsbetrachtung keinen Platz. Geschichte soll hier stolz machen.

Dem Zweiten Weltkrieg, das ist klar, liesse sich in Deutschland so nicht einfach beikommen. Wer die Öffentlichkeit bitten würde, alte Feldpostkarten und Wehrmachtstagebücher unkommentiert und ungeschwärzt ins Netz zu stellen, müsste sich auf heftige Diskussionen um Schuld und Pietät einstellen, vielleicht sogar auf juristische Auseinandersetzungen. Der Zweite Weltkrieg ist zwar auch Teil des Erinnerungsbooms und dauerpräsent in Museen und Medien. Doch ohne Regulierung und Interpretation, ohne klare Kommemorationsregeln kann man ihm sich noch nicht nähern.

Der Erste Weltkrieg hingegen ist sichere Geschichte. Ganz aber will man auch den Ersten Weltkrieg nicht den Laien überlassen. Das von der Allgemeinheit erzeugte Bild wird ergänzt durch Europeana Collections 1914–1918, ein Zusatzarchiv der europäischen Nationalbibliotheken. Aus deren Sammlungen kommen Druckerzeugnisse des Kriegsalltags, also etwa Strickanleitungen für Sturmhauben, Schulbücher, in denen statt Äpfel und Birnen Mörser und Granaten gezählt werden, Rätselhefte für Gefangene, Propagandaliteratur sowie auch hier wieder Postkarten, Handschriften und Fotos. 400'000 Objekte sollen bis 2014 digitalisiert werden.

Und die Schweiz?

Material gibt es zuhauf, denn die Krieg führenden Mächte haben Unmengen von Text produziert: «Es herrschte Massenproduktion, nicht nur in der Kriegstechnik, auch im Bereich der Druckerzeugnisse», sagt Mareike Rake, die das Collections-Projekt der Staatsbibliothek zu Berlin leitet. Dabei steckt im Druck an sich schon Geschichte: «Je länger der Krieg dauerte, desto schlechter wurde das Papier.»

Die Schweiz stellt einmal mehr den Sonderfall: Sie blieb vom Krieg verschont und macht auch heute nicht mit beim EU-Archivprojekt. Unser kollektives Gedächtnis wird beherrscht von gemütlich-volkstümlichen Figuren wie der schönen Wirtstochter Gilberte de Courgenay oder Füsilier Wipf. Doch da war mehr: vom klaffenden Röstigraben zu Lenin in Zimmerwald und vom Willeschlauch zum Dienstkoller. «Gerade die Generalmobilmachung und der vierjährige Aktivdienst haben die ganze Bevölkerung schwer belastet», sagt Rudolf Jaun, Militärhistoriker an der ETH Zürich.

Es kam zu Knappheit in der Schweiz, zu Unruhen und 1918 zum Generalstreik. Auch in unseren Archiven und Estrichen lagerte hierzu Bewahrenswertes. Bei Militärhistoriker Jaun etwa das Langgewehr seines Grossvaters: «Zu diesem Stück habe ich eine emotionale Bindung», sagt er. «Obwohl ich meinen Grossvater fast nicht gekannt habe.» Oder deswegen.

Erstellt: 02.02.2012, 06:17 Uhr

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