Weniger Arbeit für alle

Göteborg machts vor: Wir sollten häufiger freihaben.

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2030 werden die Menschen einen Zustand paradiesischen Müssiggangs erreichen und nur noch 15 Stunden pro Woche arbeiten. Das prophezeite John Maynard Keynes im Jahr 1930.

Keynes war Ökonom, kein Fantast. Er dachte das Versprechen der Industrialisierung zu Ende. Irgendwann würden Maschinen die Menschen vom Grossteil der Mühsal entlasten.

Lange behielt Keynes recht. Zwischen 1900 und 2000 halbierte sich die Arbeitszeit in Deutschland. Die Produktivität, also die Leistung pro Stunde, versechsfachte sich dank technischem Fortschritt. In der Schweiz verringerte sich die Jahresarbeitszeit seit 1945 um ein Drittel. Das Land wurde dennoch reicher.

Schweden hat in vielen Bereichen die 35-Stunden-Woche durchgesetzt. Dem linken Stadtrat von Göteborg reicht das nicht. Er will das Pensum der Angestellten auf 6 Stunden pro Tag kürzen, ohne die Löhne anzutasten. Mehr Freizeit soll das Wohlbefinden der Beamten verbessern. So könnten sie ihre Aufgaben effizienter erledigen.

Der Londoner Thinktank NEF geht noch weiter. Er schlägt eine 21-Stunden-Woche für alle vor. Das genüge, um einen angenehmen Lebensstandard zu halten. Die Vorteile: weniger Wachstum und Konsum, die der Umwelt schaden; weniger Arbeitslosigkeit; mehr Zeit, sich um Kinder oder öffentliche Anliegen zu kümmern.

Es geht um mehr. Keynes schrieb: Erst durch die Befreiung von wirtschaftlichen Zwängen lernten die Menschen, ihre Freiheit zu nutzen.

Gewinne an viele verteilen

Dieser Mechanismus funktioniert, falls die Umverteilung spielt. In den letzten Jahren liefen Rationalisierungen jedoch oft gegen die Arbeitnehmer. Ihre Jobs wurden unnötig und gestrichen. Den dadurch erhöhten Gewinn behielten die Investoren. Die Gesellschaft profitiert nur dann von gesteigerter Produktivität, wenn die schwindende Arbeit und der Profit auf viele Beschäftigte übertragen werden. Sonst verknappen Jobs zum Privileg einer Elite. Der Rest dümpelt in prekären Verhältnissen.

Die Wahl der Zukunft lautet: weniger Arbeit für alle. Oder keine Arbeit für viele, kombiniert mit viel Arbeit für wenige.

Erstellt: 23.04.2014, 11:04 Uhr

Beat Metzler ist Redaktor des «Tages-Anzeigers».

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