Hintergrund

Wenn Männer beim Sex so tun als ob

Einen Orgasmus vortäuschen? Das machen nicht nur Frauen, wie der Urologe und Harvard-Professor Abraham Morgentaler herausgefunden hat. Überhaupt ist die männliche Sexualität weitaus komplexer als angenommen.

Der eine steht, der andere nicht: Versagensängste nehmen zu – der Druck aber auch.

Der eine steht, der andere nicht: Versagensängste nehmen zu – der Druck aber auch. Bild: Gunnar Svanberg Skulasson/Simply North

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So viele Penisse wie er, sagt Abraham Morgentaler über sich, habe wohl kaum jemand anders gesehen in seinem Leben. Morgentaler ist Urologe, seit 25 Jahren Professor an der Harvard Medical School und kann deshalb mit Fug und Recht behaupten, dass ihm nichts fremd ist, wenn es um die männliche Lendengegend geht. Und jetzt schreibt also dieser Mann ein Buch mit dem Titel «Why Men Fake It» und erklärt der Welt nicht nur, dass Männer Orgasmen vortäuschen, sondern auch, weshalb.

Dass sie es überhaupt tun, hat den Fachmann anfangs verblüfft, mittlerweile verwundert es ihn nicht mehr. Er tritt mit seinem Buch nämlich an, eine Lanze für den Mann zu brechen, dafür, dass die männliche Sexualität als vielschichtiger und komplexer wahrgenommen wird, als sie gemeinhin dargestellt wird. Oder anders formuliert: Jener Comic stimmt nicht, der das sexuelle Innenleben von Frauen und Männern anhand einer Maschine darstellt und bei dem der weibliche Apparat ein Gewirr aus Drähten und Knöpfen und Schaltstellen ist, während der männliche Apparat gerade mal über einen Ein-Aus-Knopf verfügt.

34 Prozent haben getäuscht

Bereits 2010 berichtete das Magazin «Live Science» von vorgetäuschten männlichen Orgasmen; zitiert wurde eine kleine Studie der Universität Kansas, in der 25 Prozent der Befragten angaben, schon einmal den Höhepunkt gespielt zu haben. Die Portal Askmen.com wollte es 2012 dann genauer wissen und startete eine Umfrage – Resultat: 34 Prozent gaben an, mindestens einmal geschauspielert zu haben. Morgentaler kann keine genauen Zahlen nennen. Die interessieren ihn auch nicht. Es interessiert ihn, dass seine Patienten es überhaupt tun. Sie tun es aus denselben Gründen wie die Frauen: Um dem Gegenüber kein schlechtes Gefühl zu vermitteln. Sie tun es in Momenten, in denen sie merken, dass es nicht funktioniert. Weil einfach nicht der Tag dafür ist. Weil die Stimulation fehlt. Oder weil sie ganz einfach zu viel um die Ohren haben und mit dem Kopf woanders sind.

Das Vortäuschen sei übrigens nicht schwierig: Der Mann macht sozusagen die Sally (Meg Ryans umwerfende Simulation in einem Restaurant vor den Augen eines fassungslosen Billy Crystal), er zieht die Show ab, die man von ihm erwartet. Das Problem der Beweisführung mit dem Ejakulat stellt sich meist nicht, ertappt wurde jedenfalls noch keiner von Morgentalers Patienten.

Männer in der Potenzfalle

Aber sie fürchten sich davor, weil sie ahnen, dass sich die Frau verletzt fühlen würde, hintergangen. Und genau das, schreibt Morgentaler, sei zentral: «Für einen Mann ist der Sex dann gut, wenn die Frau findet, er sei gut gewesen.» Es sei eines der grössten Missverständnisse bezüglich der männlichen Sexualität, dass es dabei hauptsächlich um die eigene Befriedigung gehe. Und all die Berlusconis, Strauss-Kahns und Woods trügen nicht dazu bei, dieses aus der Welt zu schaffen. Im Gegenteil: Die demonstrative Dauerpotenz als Definition des Mannseins schade den Männern selbst am meisten.

Die männliche Sexualität hat, gerade weil man lange davon ausging, sie sei so simpel, nie besonders interessiert. Während die Frauen lange Zeit als sexuelle Problemfälle dargestellt wurden, Themen wie Frigidität oder Orgasmusschwierigkeiten rauf- und runterdekliniert wurden, galten Männer als problemfrei. Auch Untersuchungen wurden kaum gemacht – bis Mitte der Achtzigerjahre war nicht einmal restlos geklärt, welche Mechanismen bei der Entstehung einer Erektion überhaupt zusammenspielen. Und noch erstaunlicher ist, dass sogar die erektile Dysfunktion, also die zeitweilige Unfähigkeit zur Erektion, bis Mitte der Neunzigerjahre nie wissenschaftlich im grossen Stil analysiert worden ist.

Abhängigkeit macht verletztlich

Die Verblüffung war deshalb selbst unter Medizinern gross, als die Massachusetts Male Aging Study 1994 dann erstmals Zahlen veröffentlichte, die zeigten: 52 Prozent der Männer zwischen vierzig und siebzig litten zeitweise unter Impotenz (unter den Vierzigjährigen waren 5 Prozent komplett impotent, bei den Siebzigjährigen 15 Prozent). Und wenn schon den Ärzten nicht klar war, wie weitverbreitet dieses unbeliebteste aller männlichen Leiden ist, dann fühlten sich die Betroffenen erst recht einsam damit.

Es geht nicht nur darum, dass sich Männer bis heute über ihre sexuelle Leistungsfähigkeit definieren und sich gedemütigt fühlen, wenn sie nicht mehr können. Es geht, und das betont Morgentaler immer wieder, darum, dass für viele Männer in einer Beziehung Sex die einzige Möglichkeit sei, Intimität zu erfahren oder ihre Liebe auszudrücken.

Die Abhängigkeit von einem stets tadellos funktionierenden Penis macht die Männer verletzlich. Und sie sind heute verletzlicher denn je. Denn sie stehen unter Druck. Während man früher den Frauen unterstellte, kaum oder keinerlei Lust zu empfinden, gar von ehelichen Pflichten sprach, die sie mehr oder weniger freudlos über sich ergehen lassen mussten, sind sie heute in dieser Hinsicht wesentlich selbstbewusster und fordernder geworden. Und weil gleichzeitig die Männer wenig dagegen hatten, dass sie als dauerpotent und immer parat dargestellt wurden, gingen sie sich sozusagen selbst in die Falle.

Buben sind noch simpel

Morgentaler zitiert einen jungen Mann aus seiner Sprechstunde: «Es ist hart da draussen, Doc. Die letzte Frau, mit der ich ausgegangen bin, sagte mir, wann sie Sex haben wollte, wie sie es wollte und wie viele Male. Ich muss versuchen, da irgendwie mitzuhalten.»

Da überrascht es wenig, dass es den Begriff «performance anxiety» gibt, also die Angst, im entscheidenden Moment zu versagen. Ganz abgesehen davon, dass auch der Männerkörper sehr viel sensibler auf das Drumherum in seinem Leben reagiert, als das gerne dargestellt wird; ein Fünfzehnjähriger hat selbst an seinem schlechtesten Tag problemlos mehrere Erektionen, ein Fünfzigjähriger nicht mehr. Oder wie es Morgentaler schreibt: «Buben sind simpel, Männer sind komplex.»

Antriebslosigkeit durch tiefen Testosteron-Wert

Die Gründe für Erektionsstörungen indes sind nicht, wie bis Ende der Achtzigerjahre fälschlicherweise angenommen, hauptsächlich psychischer Natur, sondern zu 80 Prozent physischer Natur. Und da kann dank der Erfindung von Viagra Abhilfe geschaffen werden: Männer werden nicht mehr länger zum Therapeuten, sondern direkt zum Urologen geschickt. Das männliche Equipment nämlich, wie es Morgentaler nennt, ist ziemlich fehleranfällig: Rund 20 Prozent aller Männer leiden unter vorzeitigem Samenerguss. Ein Drittel aller Männer über 45 weist einen anormal tiefen Testosteron-Wert auf, was zu Erektionsstörungen, sexueller Unlust, Orgasmusschwierigkeiten und genereller Antriebslosigkeit führen kann.

Übrigens: Ein Orgasmus ganz ohne Ejakulation ist möglich. Und zwar als Nebenwirkung von bestimmten Medikamenten. Alphablocker heissen die und werden bei Prostatavergrösserung und Bluthochdruck verschrieben. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 26.04.2013, 06:55 Uhr

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