Wenn Männer nicht erwachsen werden

Hugh Grant wurde mit seiner ewigen Jungenhaftigkeit zu einem Rollenmodell. Frauen finden das kurzzeitig charmant. Danach denken sie: Bubi.

Mitte dreissig, unerwachsen und unverbindlich. Die «ewigen Buben» sind in der Gesellschaft zur Selbstverständlichkeit geworden.

Mitte dreissig, unerwachsen und unverbindlich. Die «ewigen Buben» sind in der Gesellschaft zur Selbstverständlichkeit geworden. Bild: Keystone

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Es fällt auffallend oft, dieses Wort, wenn Frauen Mitte 30 über gleichaltrige Männer sprechen: unreif. Und wenn die Rede von einem ausgeprägt unreifen Exemplar ist, dann wird aus dem Adjektiv ein Substantiv und aus dem Mann ein Bubi. Aus weiblicher Sicht ein vernichtendes Verdikt, weil es sehr konkrete Folgen hat. Zum Beispiel dann, wenn Frauen Kinder haben möchten.

«Fehlendes Vatermaterial»

Claudine T., 37, Grafikerin aus Zürich, befindet sich in ebendieser Situation. Dass sie noch kein Kind hat, liegt, wie sie sagt, am «fehlenden Vatermaterial». Sie erzählt von Männern, die beruflich durchaus erfolgreich sein können, aber irgendwie mitten in der Adoleszenz stecken geblieben sind. Die sich immer noch mit dem grössten Vergnügen jedes Wochenende betrinken, im Rudel versteht sich, stundenlang kiffen, fernsehen oder Computerspiele spielen. Deren Wohnung immer noch dem Provisorium aus Studentenzeiten ähnelt, in dem es keinen Staubsauger gibt. Und bei den ganz schweren Fällen kommt Mama vorbei und putzt und wäscht und entsorgt die leeren Bierflaschen.

Verbindlichkeit? Verpflichtung? Verantwortung? Bei diesen Begriffen ergriffen sie die Flucht, sagt Claudine T. «Sie sind nicht einmal in der Lage, am Montag zu entscheiden, was sie am Freitagabend machen. Sie wollen sich nicht festlegen, auch nicht auf eine Frau. Sie wollen sich alle Optionen offenhalten. Und so machen sie das mit ihrem ganzen Leben.»

Unfähig zur Selbstreflexion

Soziologen und Psychologen haben das Problem ebenfalls erkannt. Child-Men oder Boy-Men nennen sie jene Männer, die bis über 30 in der Adoleszenz stecken bleiben und sich trotz ihres fortgeschrittenen Alters unerwachsen benehmen – und deren Anzahl immer grösser wird. Zum Vergleich: 1960 waren 95 Prozent aller Schweizer Männer unter 50 verheiratet, heute sind es noch 59 Prozent. Der renommierte amerikanische Soziologe Michael Kimmel etwa geht in seinem Buch «Guyland – The Perilous World Where Boys Become Men» hart mit dieser Spezies ins Gericht. Er beschreibt ein Geschlecht, dass gefangen ist in der Bubenwelt und unfähig zur Selbstreflexion, das sich weigert, erwachsen zu werden, weil es vor allem eines will: unverbindlichen Spass haben. Frauenkontakte beschränken sich auf One-Night-Stands, länger dauernde Beziehungen werden als Einschränkung der Freiheit empfunden. Und das mit Mitte dreissig, in einem Alter, in dem ihre Väter sich bereits mit Hypotheken, einer mehrköpfigen Familie und Schwiegereltern herumschlagen mussten.

Wenig verwunderlich sei das, sagt der Historiker Gary Cross in seinem Buch «Men to Boys – The Making of Modern Immaturity», wenn Filme wie «Knocked up», «40 Year Old Virgin» oder «Hangover» eine unerwachsene Männlichkeit geradezu zelebrierten. Man müsse nur die Helden von früher und heute vergleichen: Da waren einst Paul Newman und Gregory Peck, heute sind da Adam Sandler und Hugh Grant. Letzterer die Verkörperung des ewigen Jungen schlechthin: Mit der verstrubbelten Frisur eines Mittzwanzigers, locker-lässigem Jeans-T-Shirt-Outfit und einem ausgeprägten Widerstand gegen alles Verbindliche lebt er seine Rolle auch im richtigen Leben. Der Mann ist mittlerweile 50.

Kein harmloses Problem

Cross verfällt nicht in Nostalgie oder wünscht sich gar die Geschlechterverhältnisse der Fünfzigerjahre zurück, wenn er die Helden von damals zum Vergleich heranzieht. Es geht ihm bloss um die Männlichkeit, die sie verkörperten: wie diese Männer ihren Mann standen; Verantwortung übernahmen. Und wie die heutige Männlichkeit von Buben verkörpert wird, die ihr Leben lang ein bisschen spielen wollen.

Das Problem ist bei weitem nicht so harmlos, wie es scheinen könnte. Kimmel spricht von den Männern, die sich als Väter aus ihrer Verantwortung stehlen, und von der verheerenden Wirkung einer vaterlosen Gesellschaft. Fachleute sind sich über deren negative Folgen, gerade für kleine Jungen, längst einig. Und auch darüber, dass ein ewiges Bubenleben kein gesundes Leben ist, was wiederum die Allgemeinheit belastet.

Verhätschelt in der Kindheit

Man versucht also, der verbreiteten männlichen Unreife auf den Grund zu gehen. Zum einen, so wird vermutet, hat es mit der Gesellschaft an sich zu tun. Damit, dass heute eben alle auf ewig jung bleiben wollen, dass «jugendlich» in jedem Fall ein Kompliment ist, wohingegen beim Begriff «erwachsen» gleichzeitig der Begriff «alt» mitschwingt. Niemand will heute «alt» sein. Und zum anderen liegt es an der veränderten Männerrolle. Den Mann als Ernährer im herkömmlichen Sinn gibt es nicht mehr, Frauen verdienen selbst genug Geld, sie sind sogar oft besser ausgebildet als Männer und verdrängen diese aus ihren angestammten Hoheitsgebieten. Es herrscht unter dem einst starken Geschlecht offenbar Ratlosigkeit bezüglich der eigenen Rolle, und solange man die nicht findet, verharrt man sicherheitshalber in der, die so viel Spass macht: in der des ewigen Buben.

Cross lässt diese Argumente durchaus gelten, gewichtet aber einen anderen Schluss weitaus schwerer: Der Hauptgrund, weshalb Männer sich weigerten, erwachsen zu werden, sei schlicht und einfach der, weil sie nicht müssten. Weil sie es seit ihrer Kindheit in den Siebziger- und Achtzigerjahren gewohnt seien, dass Buben halt einfach Buben seien, von denen man nichts erwarte, während Mädchen schon viel früher lernten, Verantwortung zu übernehmen. Und Kimmel sagt es so: «Diese Buben wurden für jeden normalen Entwicklungsschritt gelobt, als seien sie Mozart.»

Kein Respekt vor ewigen Buben

Eine gewisse Unbeschwertheit, eben das berühmte Kind im Manne, findet auch Claudine T. charmant. Aber auf Dauer, sagt sie, mache es einen Mann unattraktiv. Weil sich Überlegenheitsgefühle breitmachten: «Wenn ich 150 Prozent arbeite, den Haushalt schmeisse und mich nebenbei noch um meine gesundheitlich angeschlagene Mutter kümmere, während er es nicht einmal schafft, von sich aus an den Geburtstag seiner Schwester zu denken oder wenigstens einmal im Monat aufzuräumen, dann verliere ich den Respekt. Das ist kein Mann, das ist ein Bubi. Und ein Bubi taugt nicht als Vater. Denn ich will ein Kind mit einem Mann als Partner und nicht mit einem Mann, den ich wie ein zusätzliches Kind bemuttern muss.»

Und so tickt die Uhr für Claudine T. weiter. Für die ewigen Buben tut sie das nicht. Sie sind gesellschaftlich derart zur Selbstverständlichkeit geworden, dass es für sie keinen Grund gibt, ihr Verhalten zu ändern. So sagte der Manager von Tiger Woods, als im November des letzten Jahres die zahlreichen ausserehelichen Verhältnisse des Golfers publik wurden: «Let’s please give the kid a break.» The kid war damals 34.

Erstellt: 13.09.2010, 19:59 Uhr

Literatur zum Thema

Michael Kimmel: Guyland – The Perilous World Where Boys Become Men. Harper Collins, 2008. 322 Seiten, ca. 20 Fr.

Gary Cross: Men to Boys – The Making of Modern Immaturity. Columbia University Press, 2010. 328 Seiten, ca. 25 Fr.

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