Wenn Mamas Dealer wütend wird

Tausende von Kindern in der Schweiz haben heroinsüchtige Eltern. Ein Basler Kinderbuch soll ihnen helfen.

Plötzlich steht der Dealer im Wohnzimmer: Für viele Schweizer Kinder eine Realität.

Plötzlich steht der Dealer im Wohnzimmer: Für viele Schweizer Kinder eine Realität. Bild: Anne-Christine Loschnigg-Barman

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Die kleine Pina ist traurig. Obwohl sie ihrer Mutter vom Markt eine wunderschöne Lilie mitgebracht hat, reagiert diese aggressiv und schimpft harsch mit ihr. An anderen Tagen ist die Mutter lange Zeit abwesend und Pina sitzt alleine zu Hause oder kann nach der Schule nicht in die Wohnung, weil die Tür abgeschlossen ist.

So beginnt das neu erschienene Kinderbuch «Blumen für Pina», das in Zusammenarbeit mit den Universitären Psychiatrischen Kliniken Basel (UPK) geschrieben wurde. Pinas Mutter ist nicht einfach verantwortungslos, sondern heroinabhängig, wie rund 1500 andere in Basel-Stadt. Von der Sucht sind nicht nur die Abhängigen selbst betroffen. Jeder dritte Heroinkonsument, so zeigen Studien, hat Kinder. Schweizweit gibt es aktuell rund 4000 Kinder mit heroinabhängigen Eltern. 51 Prozent der Mütter leben mit ihrem Nachwuchs zusammen, bei den Vätern ist es rund ein Drittel.

Mamas Freier in der Wohnung

Andere Kinder müssen von den Behörden fremdplatziert werden, weil das Leben daheim nicht mehr zumutbar ist. «Bei unbehandelten Abhängigen stehen alleine die Beschaffung und der Konsum der Droge im Vordergrund», sagt Otto Schmid, der das Buch gemeinsam mit Thomas Müller und Anne-Christine Loschnigg-Barman, die den Text und die Illustrationen entwarf, realisiert hat. Schmid und Müller arbeiten beide im Ambulatorium Janus, das zu den UPK gehört und in Basel die heroingestützte Behandlung anbietet.

Was die Fixierung auf den nächsten Schuss für die Kinder im Alltag bedeutet, weiss Stefan Blülle, Leiter des Kinder- und Jugenddienstes KJD Basel-Stadt. Im vergangenen Jahr hat die Stelle 114 Kinder von Drogensüchtigen betreut. «Es kann sein, dass nichts zu essen im Kühlschrank ist, weil sich alles nur um die Drogen dreht, oder dass Freier in die Wohnung der sich prostituierenden Mutter kommen, und wenn das Kind nachts aufwacht, ist das Mami einfach nicht da», erzählt Blülle. Auch häusliche Gewalt oder Gewalt im Zusammenhang mit der Drogenbeschaffung müssen die Kleinen miterleben, «etwa wenn plötzlich der Dealer im Wohnzimmer steht und Geld will». Dazu kämen massive Stimmungsschwankungen der Eltern und auch grosse Angst um diese. Blülle: «Ein Kind hat geklagt, es bringe seine Mami einfach nicht wach, weil die Mutter derart auf Droge war.»

Höheres Suchtrisiko

In solchen Fällen geht der KJD mit einem Mandat der Kindesschutzbehörde vor, welches ihm auch gegen den Willen der Eltern Zutritt gewährt. Dann werden die Mängel untersucht und wenn möglich kompensiert, etwa durch einen Tagesschulplatz. «Bei unbehandelten Drogensüchtigen ist eine Fremd­unterbringung des Kindes in der Regel aber nicht zu vermeiden, damit es ausreichend versorgt ist», sagt Stefan Blülle.

Die Narben ihrer Kindheit tragen die Betroffenen bis ins Erwachsenenalter mit sich und die Gefahr, später selber drogenabhängig zu werden, ist massiv erhöht. «Studien zeigen, dass rund die Hälfte aller Süchtigen selber abhängige Eltern hatten», sagt Otto Schmid.

Pinas Mutter im Kinderbuch möchte etwas ändern. Sie wendet sich an einen Arzt, nachdem ihr Dealer sie in der Wohnung angeschrien und bedroht hat – vor den Augen der kleinen Tochter. Fortan erhält die Abhängige ihr Medikament in der Arztpraxis und kann wieder ein geregeltes Leben führen.

«Es ist besser, ehrlich zu sein»

Ein realistisches Happy End, sagt Schmid. «Die eigenen Kinder sind oft eine grosse Motivation, eine Behandlung zu beginnen.» Dies kann sowohl eine auf Heroin oder Methadon gestützte, aber auch eine abstinenzorientierte Therapie sein. Im Janus werden derzeit rund 150 Personen zweimal täglich mit Heroin versorgt. Wie Pinas Mutter können auch sie mit ihren Kindern wieder ein mehr oder weniger normales Leben führen.

«Blumen für Pina» soll ihnen und ihren Kindern sowie anderen Betroffenen helfen, über das Thema zu sprechen. «Es ist besser, ehrlich zu sein, anstatt Lügen zu erfinden», rät Schmid. Den Buben und Mädchen wollen die Experten mit Pinas Geschichte einerseits zeigen, dass sie nicht die Einzigen mit solchen Problemen sind, aber auch Erklärungen liefern. Dafür, warum der Vater oder die Mutter so oft müde oder wütend ist, wieso sie lange wegbleiben. Nicht zuletzt soll das Buch aufzeigen, dass die Sucht eine Krankheit ist. Aber eine, die man behandeln kann.

Erstellt: 15.01.2013, 20:07 Uhr

Das Buch

Thomas Müller, Otto Schmid und Anne-Christine Loschnigg-Barman (Illustration): ­Blumen für Pina. Mabuse Verlag, 45 S., ca. Fr. 20.–

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