Wenn das eigene Kind stirbt

Bernhard Tanner und Sabina Shah haben beide ein Kind verloren. Er brauchte Jahre, um sein Trauma in einem Buch aufzuarbeiten. Sie hat nur Monate später eine Stiftung gegründet, die betroffenen Familien hilft.

Ihr Anliegen ist es, dass über die Schicksalsschläge gesprochen wird: Bernhard Tanner und Sabina Shah.

Ihr Anliegen ist es, dass über die Schicksalsschläge gesprochen wird: Bernhard Tanner und Sabina Shah. Bild: Adrian Moser

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Um 4 Uhr morgens schreckt der Vater aus dem Schlaf. Etwas stimmt nicht. «Es ist ruhig, still, zu still.» Neben ihm liegt sein Sohn, der sechsjährige Martin. Der Vater horcht in der Dunkelheit, er hört kein Atmen und ergreift Martins Arm – der ist steif und kalt. Der Vater macht Licht und sieht: «Seine Augen sind halb geöffnet und blicken durch mich hindurch.» Er eilt ins Kinderzimmer, wo sich die Mutter am Vorabend übermüdet zum Schlafen niedergelegt hat, weckt sie: «Martin ist gestorben.» Nach ein paar Sekunden sagt sie: «Gestern wollte er, dass ich ihn ein wenig in der Wohnung herumtrage. Er legte seine Arme um meinen Hals – auf diese Weise verabschiedete er sich von mir.»

Bernhard Tanner, Vater von vier Töchtern, hat 35 Jahre nach dem Krebstod seines Sohnes ein Buch veröffentlicht mit dem Titel «Wie ist es, wenn man tot ist». Eine Frage, die sein Sohn einmal am Mittagstisch gestellt hatte. Damals nach Abschluss der Strahlenbehandlung musste Martin alle drei bis vier Wochen zur Chemotherapie ins Berner Inselspital.

Zweifel an sich selbst

Als Kind habe Martin alles einfach erdulden müssen, schreibt der 67-jährige Vater und fragt: «Ist es richtig, ein Wunder ‹erzwingen› zu wollen?» Zu jener Zeit hätte er den Mut allerdings nicht aufgebracht, die Behandlung abzubrechen, dessen ist sich Bernhard Tanner bewusst: «Die lebenslangen Selbstvorwürfe, eine mögliche Heilungschance vergeben zu haben, wären vermutlich zu gross gewesen.»

Als der Sohn sie nach dem Tod fragte, zwangen sich Vater und Mutter zu demonstrativer Gelassenheit. «Wenn man tot ist, ist man unsichtbar», fing die Mutter an, «ganz leicht und kann durch die Luft schweben.» Und man könne als Toter «wie ein Geist durch eine Mauer gehen», fügte der Vater hinzu. Der Sohn hörte zu und fragte nicht weiter.

Jasminas Bruder sieht sie als leuchtenden Stern am Himmel

Mit langen Unterbrüchen schrieb Bernhard Tanner zehn Jahre lang an seiner «Hommage» an Martin. Das sei er dem Sohn irgendwie schuldig gewesen, sagt er. Sein Hinscheiden liegt lange zurück und ist doch gegenwärtig. «Wenn Nichtbetroffene den detaillierten Ablauf der Geschehnisse nachvollziehen können, begreifen sie eher, dass ein solches Ereignis bei Hinterbliebenen ein Leben lang im Gedächtnis bleibt.» Tanner möchte dazu beitragen, dass sich das Verhältnis zwischen Betroffenen und Nichtbetroffenen «entkrampft».

Sechs Monate ist es her, dass die zehn Monate alte Jasmina Soraya in einem Basler Spital in den Armen ihrer Eltern eingeschlafen ist, sechs Wochen nach der Diagnose (spinale Muskelatrophie). Dem dreijährigen Bruder erklärte Sabine Shah den Tod des Schwesterchens so: «Ein Sternlein sucht sich auf der Erde eine Familie aus und kommt so in den Bauch seiner Mutter. Deine Schwester hat uns ausgesucht, kam auf die Welt und machte ihre Erfahrungen.» Sie habe sich aber dafür entscheiden, zu den Sternen zurückzukehren. Seither schauen die Eltern jeden Abend mit ihrem Sohn zum Himmel und sehen Jasminas Leuchten.

Das grosse Schweigen

Bernhard Tanner und Sabina Shah, der pensionierte Beamte und die ausgebildete Personalleiterin, deren Firma auf Burn-out-Fälle spezialisiert ist, haben den Tod eines ihrer Kinder unterschiedlich verarbeitet. Der psychisch und physisch erschöpfte Bernhard Tanner – ein zurückhaltender, nachdenklicher Mann – spürte kurz nach dem Tod seines Sohnes selber eine «Todessehnsucht». Angesichts vieler Reaktionen, die von Überforderung zeugten, entschied er sich meist für das «Schweigen gegenüber Dritten». Die eloquente, im Gespräch strahlende Sabine Shah geht einen anderen Weg: Sie sucht die Öffentlichkeit.

Schon kurz nach dem Tod ihrer Tochter habe sie gewusst, erzählt Sabine Shah, dass sie ihre Erfahrungen weitergeben wolle: «Oft wissen Familien nicht, wie sie mit ihrer Trauer und ihrem Schmerz umgehen sollen – und wo sie Hilfe suchen können.» Schliesslich gründete sie eine Stiftung im Namen der verstorbenen Tochter, die Jasmina-Soraya- Stiftung. Diese will Familien helfen, den Verlust eines Kindes zu verarbeiten. Durch gezielte Massnahmen sollen seelische Folgen und traumatische Erlebnisse möglichst verhindert und der Familienzusammenhalt gestärkt werden. Ein Netzwerk von Betreuungspersonen soll, so Sabine Shah, «bei den Betroffenen die Bedürfnisse abklären».

Martins Mutter war hochschwanger, als er im Spital lag

Wenn nicht gerade als traumatisch, so doch als «sehr belastend» hat Bernhard Tanner in den Jahren 1976/77 das «strenge Regime» im Spital erlebt. Aus heutiger Warte betrachtet, hätten damals «unvorstellbare Bedingungen» geherrscht. Das Verhältnis zwischen medizinischem Personal und den Patienten und ihren Angehörigen sei sehr hierarchisch geprägt gewesen. Das hat sich in der Zwischenzeit geändert. «Wir haben unsere Tochter keine Minute allein gelassen», sagt Sabine Shah. Sie und ihr Mann hätten nur gute Erfahrungen mit den Ärzten und dem Pflegepersonal gemacht.

Die Situation von Martins Eltern erschwerte zusätzlich, dass die Mutter hochschwanger war – das Mädchen kam drei Monate vor Martins Tod zur Welt. Gleichzeitig galt es, ein todkrankes Kind zu pflegen und eine zweijährige Tochter zu betreuen. Martin sei «sehr ungern» im Spital gewesen, so Bernhard Tanner. Darum hätten sie ihn nach Hause geholt.

Bei der Frage nach der Zahl der Kinder stockten die Tanners

Ihm und seiner Frau sei es aber schwergefallen, überhaupt noch Kraft zu tanken und auf den «Paar-Modus umzuschalten». In der Endphase von Martins Krankheit sei das Schlafmanko immer zermürbender geworden. Als Eltern seien sie weitgehend auf sich allein gestellt gewesen – abgesehen davon, dass die Grosseltern hin und wieder die Betreuung der Zweijährigen übernahmen. Tanner fürchtete sich in dieser Extremsituation vor einem psychischen und physischen Zusammenbruch.

Und dann starb Martin. Als der Kindersarg aus der Wohnung getragen wurde, wirkte draussen alles wie ausgestorben, so Tanner. Die Mütter hatten ihre Kinder hereingerufen, man sah Vorhänge, die sich bewegten. Nach der Beerdigung versuchten Tanners, sich in einem Familienhotel zu erholen. An der Réception stockten sie bei der Frage nach der Zahl der Kinder. War es eine Verleugnung von Martin, fragte sich Bernhard Tanner, ihn nicht mehr mitzuzählen?

Im Leid getrennt

Ein Hauptziel ihrer Stiftung sei es, dass Eltern den Sterbeprozess des eigenen Kindes, dieses potenziell traumatische Erlebnis, sorgfältig aufarbeiten, sagt Sabine Shah: «Oft kann ein solcher Schicksalsschlag die Familien auseinanderbringen.» Das mussten auch Bernhard Tanner und seine Frau erfahren: Die Ehe zerbrach nach Martins Tod aufgrund «ungleicher Gefühlsebenen», wie er sagt. «Meine Ex-Frau geriet unter den Einfluss einer religiösen Vereinigung.» Es gebe eben nicht den einen richtigen Weg, um mit einem solchen Verlust fertigzuwerden.

Der Tod eines Kindes ist vielleicht darum der schlimmste Schicksalsschlag, weil er gegen den natürlichen Zyklus des Lebens zu verstossen scheint. Er hoffe einfach, sagt Bernhard Tanner, dass das Totsein der schönste überhaupt denkbare Zustand sei: «Denn immerhin dauert er ewig.»

Tanner ist seinen Weg weitergegangen und hat «wieder eine verständnisvolle Frau» gefunden. Sabine Shah sagt, ihre Tochter sei zwar physisch nicht mehr da, aber noch immer bewege und bewirke sie «viel Erstaunliches». Sie spüre ihre Anwesenheit jeden Tag, «bei allem Schönen, das ich erlebe». (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 13.08.2012, 16:39 Uhr

Bernhard Tanner, «Wie ist es, wenn man tot ist?», 69 Seiten, 17 Franken, ISBN 978-3-033-02893-7.
Das Buch ist im Selbstverlag erschienen und kann im Internet oder in jeder Buchhandlung bestellt werden.

Jasmina-Soraya-Stiftung

Die Jasmina-Soraya-Stiftung ist im März von der Familie Shah gegründet worden und befindet sich noch in der Aufbauphase. Der siebenköpfige Stiftungsrat ist aber bereits besetzt. Die Sicherung der Finanzierung steht derzeit im Zentrum der Bemühungen.

Die Stiftung gibt das Kinderbuch «Toby & Angelina» über Sterben, Abschied und Loslassen von Elisabeth Schäfer (Text) und Barbara Leimgruber (Illustrationen) heraus. Es richtet sich an Kinder wie auch an Eltern und andere Erwachsene, kostet rund 34 Franken und kann auf der Website der Stiftung (www.jasminasoraya.ch) bestellt werden. Ein Teil des Verkaufserlöses fliesst in die Stiftung.

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