Hintergrund

Wenn der Ex zum Stalker wird

Es trifft nicht nur Prominente: Fast jede fünfte Person in der Schweiz wird einmal in ihrem Leben beharrlich verfolgt und belästigt, meistens von Expartnern. Juristisch dagegen vorzugehen ist schwierig.

Draussen ist ein Beobachter, und irgendwann macht er sich bemerkbar: Stalker wird man nur schwer wieder los.

Draussen ist ein Beobachter, und irgendwann macht er sich bemerkbar: Stalker wird man nur schwer wieder los. Bild: Olivier Corsan/Keystone

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Er ist der Mann, der dich abends anruft, und zwar immer genau dann, wenn du in der Wohnung das Licht anzündest. Er ist der Mann, der dich am Tag mit E-Mails bombardiert und sich nachts vor deiner Haustür herumtreibt. Er sagt dir: «Du bist die grösste Schlampe, aber ich liebe dich. Wenn du nicht zu mir zurückkommst, mache ich dich fertig.» Er ist der Mann, den du nie mehr im Leben sehen, von dem du nie mehr etwas hören möchtest – und den du dennoch nicht loswirst. Er stalkt dich.

Der Begriff Stalking kommt aus der Jagdsprache und bedeutet, sich an Wild anzupirschen. Zuweilen hört man von prominenten Personen, die von jemand gänzlich Unbekanntem verfolgt werden. Weitaus häufiger trifft es ganz normale Menschen, und zwar öfter, als man glaubt. Das eidgenössische Büro für Gleichstellung von Mann und Frau schätzt, dass 17 Prozent der Bevölkerung mindestens einmal in ihrem Leben Opfer von «andauernden Nachstellungen» werden. Bei 5 Prozent handelt es sich um schweres Stalking, bei dem es zu einer Gewalteskalation kommt.

In den letzten fünf Jahren haben sich die Stalking-Fälle in Deutschland verdoppelt, schätzt Stalking-Forscher und Gerichtsgutachter Hans-Georg Voss. Besonders das anonyme Stalking über Internet und Soziale Netzwerke nimmt zu. In mehr als der Hälfte der Fälle sind es Ex-Partner aus verflossenen Beziehungen, sonst Arbeitskollegen, Freunde, Bekannte. Die Erscheinungsformen sind vielfältig, im Kern jedoch geht es immer um dasselbe: Der Stalker will eine andere Person dominieren und beherrschen. Und er ist kaum von seinem Verhalten abzubringen, weil er sich selbst als Opfer fühlt. Man hat ihn ungerecht behandelt, verlassen, entlassen. Deshalb sinnt er auf Rache.

Verschmähte Liebhaber

So war es beim Geiselnehmer von Ingolstadt, der vor einer Woche vier Menschen im Rathaus gefangen nahm, bedrohte und damit die Polizei in Atem hielt. Eine der Geiseln war eine Frau, welcher der Täter zuvor monatelang nachgestellt und die er bedroht hatte.

Auch Martin Gruber (Name geändert) weiss, wie es ist, wenn man gestalkt wird. Vor ein paar Jahren war der Arzt eine Beziehung mit einer Frau eingegangen. Diese hatte sich einige Jahre zuvor vom Vater ihrer Tochter getrennt, einem Piloten. Ihr Ex sei ein bisschen komisch, warnte die Frau ihren neuen Partner. Dennoch war Gruber nicht auf das gefasst, was kommen würde: Sobald der Ex von der neuen Beziehung erfahren hatte, begannen die Nachstellungen. Er rief immer wieder an, wollte genau wissen, wer Gruber sei, und insistierte darauf, dieser dürfe das Kind nicht sehen. Er liess nachts das Telefon klingeln, schlitzte die Autoreifen seiner Ex-Partnerin auf und drohte in zahlreichen Telefonaten und Textnachrichten mit Schlimmerem. Gruber versuchte anfangs, selber zu intervenieren, wandte sich dann an die Polizei, an Beratungsstellen und Psychiater. Mit wenig Erfolg. «Diese Menschen sind getrieben», sagt Gruber, «Für normale Argumente sind die völlig unzugänglich.»

Gestalkt wird in allen sozialen Schichten. Die Täter sind zu 80 Prozent männlich, leben oft allein. Zwar stalken auch Frauen, meist aus Eifersucht oder Rachemotiven, aber dort bleibt es beim leichten Stalking, und es kommt nicht zu Gewaltdelikten. Beim leichten Stalking machen Frauen beinahe die Hälfte aus, schätzt der Basler Psychiater und Stalking-Spezialist Werner Tschan.

Fachleute unterscheiden zwischen fünf verschiedenen Stalker-Typen: Der zurückgewiesene Liebhaber hat eine Trennung nicht verkraftet, empfindet sie als ungerecht und unerträglichen Irrtum. Abwechselnd erklärt er dem Objekt seiner Nachstellungen seine Liebe, dann wird er wieder aggressiv. Der Typus des Intimität suchenden Stalkers, oft sind das Frauen, versucht mit allen Mitteln, eine romantische Beziehung zum vermeintlichen Traumpartner herzustellen. Er glaubt, wenn er nur hartnäckig genug dranbleibt, kann er das Objekt seiner Verehrung zu einer Beziehung bewegen. Der Typus des sozial inkompetenten Verehrers sucht eine romantische oder auch freundschaftliche Beziehung, drängt sich ungebührlich auf und bemerkt gar nicht, dass sein Werben als lästig empfunden wird. Meist sind es Männer in hohen Positionen, die sich für unwiderstehlich halten und nicht bemerken, dass sie lästig sind. Der Typus des von Ressentiments getriebenen Stalkers will das Opfer ängstigen. Meist will er empfundenes Unrecht rächen, häufig entsteht solches Verhalten am Arbeitsplatz und richtet sich gegen Vorgesetzte. Und schliesslich der Jagdstalker, der gefährlichste von allen. Die Stalker-Handlungen werden als Vorbereitung für einen Überfall, eine Vergewaltigung oder einen Mord vorgenommen. Fast allen geplanten Morden geht ein Stalking-Verhalten voraus. Hingegen endet nicht jedes Stalking gewaltsam, auch wenn es für die Opfer sehr belastend sein kann. Im Durschnitt dauert ein Stalking zwei Jahre – und man weiss nie genau, wann es vorbei ist.

In den USA wurde das «beharrliche Verfolgen» in den 90er-Jahren unter Strafe gestellt, nachdem eine Schauspielerin von ihrem Stalker getötet worden war. Seither sind mehrere Länder gefolgt. In Deutschland gilt seit 2007 der Anti-Stalking-Paragraf 238, in Österreich ist das beharrliche Verfolgen seit 2006 ein Offizialdelikt.

Kein Bedarf in der Schweiz

Nicht so in der Schweiz. Hier fehlt nicht nur die gesetzliche Grundlage, sondern überhaupt das Problembewusstsein. Als sich der damalige Brigadier Roland Nef 2007 um den Posten des Armeechefs bewarb, lief gegen ihn ein Strafverfahren wegen Nötigung. Nefs Ex-Partnerin hatte Anzeige eingereicht, nachdem dieser sie monatelang mit Telefonanrufen und E-Mails belästigt hatte. Zudem hatte er in ihrem Namen auf Sexinserate reagiert und ihre Adresse, Telefonnummer und ihr Bild ins Netz gestellt.

Der damalige Bundesrat Samuel Schmid wusste von den Ermittlungen. Er gab später zu Protokoll, das Verfahren schlicht vergessen zu haben, als er Nef als Armeechef vorschlug. Das Problem schien ihm offensichtlich nicht gravierend. Als die Affäre publik wurde, verteidigte sich Nef mit der Aussage, beim Strafverfahren sei es nicht um häusliche Gewalt gegangen. In Ländern mit Anti-Stalking-Gesetzgebung wird Stalking als Gewaltdelikt eingestuft.

Im September 2008 gelangte FDP-Nationalrätin Doris Fiala mit einer Motion an den Bundesrat, Stalking unter Strafe zu stellen und das Strafgesetzbuch mit einem entsprechenden Artikel zu ergänzen. Sowohl der Bundesrat als auch der Ständerat lehnten ab mit der Begründung, die meisten für Stalker typischen Verhaltensweisen würden bereits mit Strafe bedroht. Ein skandalöser Entscheid, findet Werner Tschan, der seit Jahren therapeutisch mit Stalking-Opfern und -Tätern arbeitet: «Offensichtlich war den Fachleuten nicht klar, was Stalking eigentlich ist. Die hätten nur mit Betroffenen sprechen müssen. Für die ist das ein unvorstellbares Martyrium.» Mehr als die Hälfte der Opfer zeigt nach Stalking posttraumatische Belastungsstörungen. Erschwerend kommt hinzu, dass die Rechtsnorm sie nicht schützt.

Juristisch gesehen ist der Tatbestand des Stalking heikel, die Grenze zwischen zwar unerwünschtem, aber noch akzeptablem Verhalten und strafrechtlich relevanter Grenzüberschreitung nicht ohne weiteres zu ziehen. Die einzelnen Handlungen sind für sich betrachtet oft Bagatellen und nicht strafbar, zudem sind Stalker sehr kreativ, wenn es darum geht, ihrem Objekt zuzusetzen. Erst wenn das Verhalten gesamthaft betrachtet wird, zeichnet sich der Terror ab. Gegen einzelne Delikte wie Drohung, Nötigung oder Sachbeschädigung kann man auf zivilrechtlichem Weg zwar vorgehen, doch die Beweislast liegt beim Betroffenen, der auch das Gerichtsverfahren finanzieren muss. Diese wollen in den meisten Fällen aber nur, dass es aufhört, sagt Tschan: «Ich höre in meiner Praxis oft erschütternde Berichte. Die Opfer leben in einem Rechtsstaat, aber was ihr Problem betrifft, befinden sie sich in einem rechtsfreien Raum.»

Opfern fällt es schwer, sich Gehör zu verschaffen. Erstens sind sie meistens eingeschüchtert, zweitens müssen sie, um sich zu wehren, sich noch mehr mit ihrem Quälgeist auseinandersetzen. Nicht selten nutzen Stalker allfällige Strafverfahren, um ihre Opfer weiter auszuspionieren. Und das ist das Letzte, was man sich in einer solchen Situation wünscht. So werden Stalking-Betroffene meist zwischen psychiatrischen, psychologischen und sozialen Diensten herumgeschoben, sie gelangen an Beratungsstellen, Frauenhäuser, Opferschutzorganisationen, Rechtsanwälte und Selbsthilfegruppen. «Am Schluss landen sie dann bei mir», sagt Tschan.

Obschon Opfer ihre Stalker meist als besessen und irrational bezeichnen, sind diese in der Regel nicht krank. Stalking ist keine Psychose oder Zwangsneurose. Oft sind es narzisstische Einzelgänger mit einer verzerrten Selbstwahrnehmung, die eine gewisse Lust am Quälen und Ärgern entwickeln und eine beträchtliche Energie dafür aufwenden. Normalerweise fühlen sie sich mit ihrem Verhalten im Recht und achten darauf, sich im legalen Rahmen zu bewegen. «Oft legitimieren männliche Stalker ihr Verhalten damit, dass sie glauben, ein Anrecht auf ihre Frau zu haben, weil die ihnen ja gehört», sagt Tschan. Eine entsprechende Gesetzgebung könnte hier Klarheit schaffen: «Gewalt ist das, was unsere Gesellschaft als Gewalt bezeichnet.» Solange nicht per Gesetz festgehalten ist, dass Stalking strafbar ist, sehen Stalker auch keinen Grund aufzuhören.

Der Albtraum hört nie auf

Die Angst vor Missbrauch eines allfälligen Stalking-Paragrafen ist wie oft in solchen Fällen gross, die Gefahr jedoch gering. Denn der Nachweis ist aufwendig und schwierig. In Deutschland werden rund drei Viertel der entsprechenden Anzeigen eingestellt, weil ausreichende Beweise fehlen, sagt Stalking-Forscher Voss. Umgekehrt rücken zwei von drei Stalkern von ihrem Verhalten ab, wenn sie mit dem Gesetz oder Vorgesetzten in Konflikt geraten.

So war es auch bei Gruber. Nach zwei Jahren fortgesetzten Telefonterrors, kam er auf die rettende Idee: Er rief beim Arbeitgeber ihres Stalkers an und erzählte der Personalabteilung ihre Geschichte. Danach hörten die Belästigungen auf. «Man muss über offizielle Stellen an solche Leute ran, sonst hat man keine Chance», sagt Gruber. Inzwischen lebt er von der Partnerin getrennt. Stalking habe dabei nur eine indirekte Rolle gespielt, sagt Gruber. Wenn nachts jedoch das Telefon klingelt, schreckt er hoch und fürchtet, am anderen Ende könnte sich der Stalker melden. Der Albtraum hört nie auf. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 29.08.2013, 09:52 Uhr

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