«Wenn der Freund um ein sexy Foto bittet...»

Pornografie macht keinen Halt vor Schulhöfen. Dabei sind Jugendliche nicht nur Konsumenten, sondern auch Produzenten solcher Inhalte.

Überflutet von sexy Bildern: Viele Jugendliche stellen sorglos Fotos von sich ins Netz.

Überflutet von sexy Bildern: Viele Jugendliche stellen sorglos Fotos von sich ins Netz. Bild: Keystone

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In der Clique hatten alle Respekt vor Deniz. Der 14-jährige Kosovare rauchte, experimentierte mit Drogen, trank und prügelte um seine Ehre, wenn es sein musste. Geprahlt hat er auch mit Pornofilmchen auf seinem Handy und mit Bildern von Mädchen, die verführerisch oder gar anzüglich posierten.

Ein Phänomen, das Jugendarbeiter Roger Gafner in letzter Zeit häufiger beobachtet. Die Jugendlichen versenden oder posten Fotos in sexy Posen von sich, der Freundin oder Kollegen. Auch Deniz tat dies, bis er sich verliebte. Er zeigte eine andere Seite von sich und wollte von Roger Gafner wissen, weshalb sich das Mädchen mit einem anderen Jungen trifft, oder wie er ihr Herz erobern könne.

Hoffnung auf Anerkennung

Plötzlich ging es um Gefühle und um Anerkennung, erinnert sich der 33-jährige Jugendarbeiter, der seit rund fünf Jahren mit Jugendlichen zusammenarbeitet. Er zeigte Deniz auf, was das Verbreiten von persönlichen Fotos für eine Beziehung zwischen zwei Menschen bedeuten könne: Der eine vertraut dem anderen etwas Privates an, der andere zeigt es rum, um cool zu sein. «In meiner Arbeit geht es nicht darum, zu moralisieren. Sondern ­darum, das eigene Verhalten mit den Jugendlichen zu reflektieren.»

Das Phänomen, das Roger Gafner beschrieben hat, beobachtet auch Gender-Forscherin Dominique Grisard. «Es ist längst nicht mehr so, dass Jugendliche sexualisierten Bildern, die in Medien auftauchen, ausgesetzt sind», sagt sie, «die Jugendlichen produzieren sie mittlerweile selber.» Schon Kinder werden im Internet, im Fernsehen oder in Zeitschriften mit Bildern von halbnackten Frauen und Männern konfrontiert. Internet-Plattformen und Smartphones ermöglichen den Jugendlichen nun, solche Bilder von sich selber zu machen und sie ins Netz zu stellen – «in der Hoffnung, möglichst viel Anerkennung ­dafür zu bekommen», erklärt Grisard.

Wenn der Freund um ein sexy Foto bittet

Sie verweist dabei auf eine englische Studie, welche die Sexualisierung von Jugendlichen im angelsächsichen Raum bereits im Detail erforscht hat. Resultat: «Wer möglichst viele Bilder von halbnackten Mädchen auf seinem Handy präsentieren kann, hinterlässt bei Freunden fast so viel Eindruck wie ­jemand, der Geld oder viel Mut hat.» Beobachtet wurde auch, dass sich die Mädchen zwar gerne reizvoll präsentieren würden, aber auch unter einem gesellschaftlichen Druck stehen. «Wenn der Freund immer wieder um ein sexy Foto bittet, geben sie irgendwann nach.»

Um auf die Gefahren hinzuweisen, die solche Phänomene mit sich bringen, werden nächste Woche zwei Veranstaltungen zum Thema «Sexualisierung im Alltag von Jugendlichen» durchgeführt. Organisiert werden die Anlässe von den Abteilungen Gleichstellung Frauen und Männer Basel-Stadt und Baselland und dem Zentrum Gender Studies der Uni Basel. Bei den Gesprächen mit Experten aus Wissenschaft und Sexualpädagogik sollen Eltern und Lehrpersonen informiert, aufgeklärt und beraten werden. «Das Thema hat es unserer Ansicht nach verdient, in der Öffentlichkeit diskutiert zu werden», meinen dazu die Organisatoren der Veranstaltung.

Erstellt: 08.03.2013, 10:53 Uhr

Veranstaltungen zum Thema

Die Veranstaltungen zum Thema «Sexuali­sierung im Alltag von Jugendlichen» finden am 13. März im Museum.BL in Liestal und am 14. März im Literaturhaus Basel statt. Beginn der Veranstaltungen: 19.30 Uhr.

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