Wenn es ihm am besten geht, ist er am meisten krank

Der Musiker Martin Kolbe ist manisch-depressiv. Die Krankheit hat seine Ehe und seine Karriere zerstört. Dennoch lebt er lieber mit ihr als ohne sie.

Die Musik ist ihm geblieben: Martin Kolbe in seiner Wohnung in Wollishofen.

Die Musik ist ihm geblieben: Martin Kolbe in seiner Wohnung in Wollishofen. Bild: Sabina Bobst

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Woran würde man merken, dass er wieder durchstartet? Blaue Augen, intensiver Blick, kurze Antwort: «Wenn ich euphorisch werde ohne Grund.» Euphorie hat doch etwas Begeisterndes. «Wenn meine Begeisterung durchschlägt», sagt er, «kennt sie keine Grenzen mehr.»

Martin Kolbe ist Gitarrist, Sänger und IV-Rentner seit zehn Jahren. Der 57-Jährige wohnt allein in einem Reihenhaus in Zürich-Wollishofen. Die Wohnung sieht aus, als müsse sie nur ihm gefallen. Er sitzt am Stubentisch und weicht keiner Frage aus. Obwohl er schon lange in der Schweiz lebt, hört man das Schwäbische noch heraus; es klingt gemütlicher, als ihm zumute ist. Die Wand entlang lehnen seine Gitarren. Auf dem Tisch stapeln sich Zeitungen, Pflanzen wuchern am Boden. Es riecht nach heissem Tee und kaltem Rauch. «Ich lebe gerne allein», sagt er, «und das trifft sich gut. Denn ich habe keine Wahl.»

Es gerade noch merken

Martin Kolbe lebt allein, weil er befürchten muss, dass eine Beziehung einen Rückfall auslösen könnte. Und das will er verhindern. Kolbe ist manisch-depressiv, heute sagt man: Er leidet an einer bipolaren Störung. Sie brachte ihn mehrmals in die psychiatrische Klinik, manchmal als Notfall, nicht immer freiwillig. Sie hat seine Ehe zerstört, die Kinder belastet und mehrere Freundschaften beschädigt. Sie hat erst die Beziehung zu seinem Mitmusiker beendet und dann seine eigene Karriere. Seit zehn Jahren lebt Kolbe ohne schwere Rückfälle und weitgehend ohne Medikamente. Nach dreissig Jahren weiss er, «wann ich den Knopf drücken muss». Wenn seine Begeisterung von ihm Besitz ergreift. Und er es gerade noch merkt.

Wenn Martin Kolbe von den Symptomen spricht, bekommt sein Vokabular etwas Aviatisches. Seinen Psychiater nennt er «meine Bodenstation», der ihm alle sechs Wochen «die jeweilige Flughöhe» angebe. «Wenn ich zu viel Wind unter den Flügeln verspüre, rufe ich ihn an.» Und nimmt Akutmedikamente, bevor die Begeisterung ihn grenzenlos packt.

Wenn er die Welt retten will

Wenn das passiert, weiss er, wie die Welt vor der Umweltverschmutzung zu retten ist. Dann schläft er tagelang nicht mehr. Dann erfindet er den Elektromotor neu. Dann mietet er eine zu teure Wohnung, nimmt immer neue Kredite auf. Dann redet er auf seine Freunde ein, streitet sich mit anderen. Dann spielt er seine Gitarre wie ein Besessener. Dann plant er Auftritte mit noch nie gesehenen Effekten. «Es ist ein fantastisches Gefühl von Konzentration, Zuversicht und Glück», sagt er. Wie ein Kokainrausch, nur sehr viel schöner. Und das nicht nur für eine Nacht. Sondern ein halbes Jahr lang.

Was der Hochfliegende als Begeisterung erlebt, empfinden andere als Belästigung. In der milderen Form der Submanie kommt es zu Überaktivität, Rededrang, bei Begabten auch zu intensiv kreativen Phasen. Robert Schumann, Stephen Fry, Niklaus Meienberg, Amy Winehouse, Jackson Pollock: Viele Künstler oszillieren zwischen Schaffensrausch und Erschöpfung. Steigert sich die Euphorie zur Manie, geht der Realitätsbezug verloren, das kann bis zur Psychose reichen, der Kombination aus Grössen- und Verfolgungswahn. Irgendwann erschöpfen sich die Exzesse in der Depression: Einsamkeit nach dem Überschwang, Scham über das Angerichtete, Verzweiflung über Taten und Worte.

Das hält keine Ehe aus

«Die Manie hat etwas Destruktives für alle Beteiligten», sagt der Zürcher Depressionsforscher Daniel Hell. Der Maniker suche grenzenlose Anerkennung und sei dabei dermassen angetrieben und selbstbezogen, dass er die Folgen der Enthemmung nicht mehr einschätzen könne. «Er handelt ohne jede Selbstkritik, verhält sich oft verletzend.» Im Extremfall würden Vermögen verspielt, Geheimnisse verraten, unhaltbare Versprechungen gemacht. Kein Wunder, mache schon die erste manische Episode die Hälfte der Ehen kaputt. Wer mit Partnerinnen und Partnern von Manikern redet, weiss warum: Alles dreht sich, nichts geht mehr. Es ist die Hölle.

Wie oft bei psychischen Störungen gründet die Bipolarität in einer Kombination von Genetik, Biografie und Gesellschaft, dazu kommt eine Stoffwechselstörung im Gehirn. Bei leichteren Fällen kann eine Psychotherapie helfen, einer Episode vorzubeugen. Meistens braucht es Medikamente. Diese wirkten feiner als früher, sagt Hell, die Nebenwirkungen seien weniger gravierend.

Ist die Manie eine Krankheit unserer Zeit? Manische Erkrankungen hätten nicht stark zugenommen, sagt der Psychiater, sie würden bloss schneller erkannt. Zudem zähle man auch mildere Varianten zur Krankheit, weshalb man heute von 4 Prozent bipolaren Menschen ausgehe. Das ist viel, und sie leiden stärker. Daniel Hell: «Wir leben in einer beschleunigten Zeit mit hektischer Kommunikation und grossem Erfolgsdruck.» Unausgeglichene Menschen seien besonders gefährdet.

Verrückte unter sich

Martin Kolbe, der sich schon lange in der Deutschen Gesellschaft für bipolare Störungen engagiert, hat vor fünf Jahren die erste Zürcher Selbsthilfegruppe gegründet. Er will am Donnerstag, dem Tag der WHO für seelische Gesundheit, öffentlich in der Sache auftreten, auch als Musiker. Er mit seiner Krankheit, was diese mit ihm gemacht hat: Er drängt nach aussen. «In der Gruppe verstehen wir Verrückten einander», sagt er in seiner leichten Ironie, die ohne Therapeutensprache und Streichelvokabeln auskommt. «Und wir versuchen, zu helfen, wenn es einem von uns wieder einmal zu schlecht geht. Oder viel zu gut.» Die Gruppe trifft sich alle zwei Wochen, das Mitmachen ist freiwillig, allerdings soll man absagen, wenn man nicht kommt.

Der Tee auf dem Tisch ist kalt geworden, draussen scheint eine fahle Sonne. Kolbe zündet die Zigarette an, die er das ganze Gespräch über in den Händen drehte. Konnte er die Beziehungen reparieren, die er in seinen Manien zerstört hat? Zu seiner ehemaligen Frau habe er gelegentlichen, wenn auch nicht einfachen Kontakt, sagt er. Mit seinen Kindern habe er sich versöhnt. Selbst die Freundschaft zu seinem Mitmusiker der frühen Jahre hat sich erhalten, war aber zwischenzeitlich auseinandergebrochen – «kein Wunder nach allem, was ich ihm damals gesagt habe». Damals, vor 25 Jahren, als Kolbe von sich so begeistert war, dass er glaubte, es brauche auf der Bühne keinen anderen. Er verlor nacheinander die Fassung, seinen Mitmusiker, das Publikum und seine Karriere. Zwei Tage später sagte man ihm, woran er litt.

Die Krankheit hat sein Leben fast zerstört. Dennoch lebt er lieber mit ihr als ohne sie. Seine Hochs, sagt er, seien jedes Tief wert gewesen. Er weiss, dass nur er das so erlebte: «Wenn es mir am besten geht, bin ich am meisten krank.» (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 05.10.2013, 09:47 Uhr

Stephen Fry: The Secret Life of the Manic Depressive Part 1

Stephen Fry: The Secret Life of the Manic Depressive Part 2

Samantha Adams hat sich in einer manischen Phase gefilmt

Martin Kolbe: Blue Moment

Konzert von Martin Kolbe

Bipolar-Konzert – mit Lesung.
Zürcher Predigerkirche,
Donnerstag, 10. Oktober,
18.30–20.30 Uhr.

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