«Wenn man Menschen so manipuliert, ist das Gewalt»

Martin Miller ist Psychologe und Sohn der verstorbenen weltbekannten Psychologin Alice Miller. Er spricht über selbst erfahrene Schläge und warum psychischer Missbrauch so verbreitet ist.

Martin Miller will das geistige Erbe seiner Mutter weitertragen.

Martin Miller will das geistige Erbe seiner Mutter weitertragen. Bild: Dominique Meienberg

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Sie beschäftigen sich mit dem Missbrauch von Kindern. Wird dieses Phänomen medial überschätzt?
Im Gegenteil. In meiner psychologischen Praxis erlebe ich dauernd Erwachsene, die Gewalt erfahren haben und das nicht überwinden. Das ist eines der grossen Probleme unserer Zeit.

Von welcher Gewalt sprechen Sie?
Nicht nur von physischer. Wenn man einen Menschen mit seinen Bedürfnissen nicht ernst nimmt, nicht auf ihn eingeht, ihn so manipuliert, dass er sich nicht wehren kann, ist das Gewalt.

Und Sie sagen, viele Kinder heute seien Opfer solch subtiler Gewalt?
Mehr denn je! Vernachlässigung gehört dazu – und damit meine ich auch emotionale Vernachlässigung. Auf diese Weise erfahren mehr Kinder, als man denkt, schon in jungen Jahren Gewalt.

Dabei dreht sich heute doch so viel ums Kind: Ratgeber, Kurse, Frühförderungen und so weiter.
Bloss gehts oft nicht ums Kind, sondern darum, wie die Eltern sich positionieren und entwickeln – oder ihre Bedürfnisse via Kind befriedigen können. Das ist eine Form von Missbrauch.

Missbrauch ist wohl ein zu grosses Wort dafür.
Nein. Denn wenn Eltern vorgeben, alles für das Kind zu tun, befriedigen sie im Grunde oft ihre unbefriedigten narzisstischen Bedürfnisse.

Ihre Mutter hat sich ausführlich mit der Verletzung kindlicher Seelen auseinandergesetzt. Wollen Sie ihre Erkenntnisse am Leben erhalten?
Nicht im Sinne einer Lautsprecherfunktion, denn ich kenne die Grenzen und Schwächen ihrer Ansichten. Wir unterscheiden uns in der Missbrauchsthematik: Sie betonte den körperlichen, ich den emotionalen Missbrauch. Mir geht es etwa um unerfüllte Erwartungen, die Eltern via Kind korrigieren wollen.

Das Kind als Selbsthilfeprojekt?
Und als Bettflasche mit Ohren. Unter dem Blickwinkel der Liebe finden Übergriffe auf die Integrität der Kinder statt.

Wollen Sie damit sagen, Eltern liebten ihre Kinder zu sehr?
Nein, zu viel Liebe ist nicht möglich. Es ist aber nicht gut, wenn das Kind genötigt wird, auf Erwartungen der Eltern mit Zuwendung zu reagieren. Wenn Eltern permanent sagen: «Du hast es toll», verinnerlicht das Kind die Vorstellung, böse zu sein, wenn es widerspricht. Es zeigt Zuwendung, ohne dass echter Austausch stattfindet, indem es gefragt würde, was ihm gefällt, oder gehört würde, wenn es was nicht mag.

Wenn man Gewalt und Missbrauch so definiert, sind tatsächlich viele Kinder irgendwie betroffen.
Interessant ist, dass es aus diesem Blickwinkel kaum Unterschiede gibt nach sozialer Herkunft. Tatsächlich kommen gewalttätige Jugendliche heute nicht nur aus schwierigen sozialen Milieus, sondern aus allen sozialen Schichten. Es ist nämlich so: Wo Aufmerksamkeit und Wertschätzung verweigert werden, wachsen Wurzeln für spätere Gewalt.

Die Forschung zeigt allerdings, dass Gewalterfahrung nicht zwingend zu Gewalttätigkeit oder psychischen Problemen führen muss.
Das stimmt bedingt. Reflexions- und Kommunikationsfähigkeit müssen erworben werden, dann verfügt der Mensch über wichtige Integrationsfunktionen negativer Gefühlszustände. Kann man denken und sich ausdrücken, kann man auch mit Spannungen umgehen. Wenn ich persönlich nicht gelernt hätte, zu reflektieren und mich auszudrücken, wäre ich womöglich auch gewalttätig geworden.

Warum Sie? Haben Sie als Kind Gewalt erfahren?
Ja. Ich habe von verbal bis physisch die ganze Palette von Gewalt erlebt.

Der Sohn der Anti-Missbrauchs-Psychologin Alice Miller wurde daheim geschlagen?
Ja. Aber weiter möchte ich nicht darauf eingehen. Nur so viel: Meine Eltern haben als gebürtige Polen den Krieg miterlebt. Das haben sie nie verdaut. Die Flucht in die Schweiz und die Migrationserfahrungen hier waren noch mal ein Schock. Es gab Spannungen, die auch am Sohn abgearbeitet wurden.

Ihre Mutter starb diesen Frühling mit 87 Jahren. Was löste das aus?
Einerseits leide ich, wie jeder Sohn, der seine Mutter verliert, unter dem Verlust. Andererseits will ich zusätzlich ihr geistiges Erbe weitertragen.

Obwohl Sie ein schwieriges Verhältnis zu Ihrer Mutter hatten?
Wir hatten eine kritische Beziehung. Ihre Ideen waren für mich sehr fruchtbar, sie prägten meine Arbeit. Doch hatte sie eher eine politische Stossrichtung und beschäftigte sich mit Verstorbenen, während ich versuchte, ihre Denkansätze praktisch umzusetzen. Das führte zu Spannungen.

Hat Alice Miller den Sohn nicht als Fachmann anerkannt?
Doch, aber es gab Meinungsunterschiede, weil ich ihr Werk kritisierte. Ich finde es gut, dass man sich mit der eigenen Biografie und den Eltern auseinandersetzt, möchte aber nicht im Kampf gegen die Eltern verharren, sondern gebrauche es als Grundlage, gegenwarts- und zukunftsbezogen zu arbeiten: Wie kann ich besser für mich sorgen, als es meine Eltern für mich taten?

Ihre Mutter hätte stolz sein können, dass Sie ihre Theorie anwenden.
Das dachte ich auch. Aber so wars nicht. Schauen Sie: Ein Star braucht Verehrer und nicht Leute, die eigene Wege gehen. Als Sohn eines Stars ist es sehr schwierig, seinen eigenen Weg zu gehen.

Haben Sie sich abgrenzen können?
Unter grösster Anstrengung: ja. Ich habe im Selbstversuch durchgespielt, was es heisst, eigenständig zu werden. Diese Erfahrung will ich als Therapeut weitergeben, den Leuten die Angst nehmen, ein eigenständiges Leben zu führen.

Sie bezeichnen sich als psychologischen Unternehmensberater. Das ist ziemlich weit weg von dem, was Ihre Mutter tat.
Nicht unbedingt. Ich berate Firmen in der Führungsausbildung. Auch da laufen brutale Geschichten ab. Manchmal frage ich mich, warum es nicht mehr Amokläufe à la Tschanun gibt. Die meisten Leute sind total am Anschlag – nicht nur die gewöhnlichen Mitarbeiter, sondern auch das Management selbst.

Was hat das mit Gewalt zu tun?
Im Geschäftsleben läuft viel über Macht und Manipulation, also auch über Gewalt. Gemäss meiner Erfahrung findet derzeit aber ein Umdenken statt. Es spielen – nebst dem Kosten-Nutzen-Denken – soziale Überlegungen eine Rolle.

So muss es in Ihren Augen doch sein, sonst sähe Ihre persönliche Erfolgsbilanz eher trübe aus.
Es ist simpler: Die Unternehmen merken, dass es dem Geschäft schadet, wenn sie nicht in soziale Werte investieren. Das Problem ist, dass viele Chefs zwar anders mit ihren Leuten umgehen möchten, aber nicht wissen wie.

Was raten Sie in solchen Fällen?
Man muss halt in Gottes Namen menschliche Beziehungen pflegen und lernen, wie man die Mitarbeiter zum kooperativen Verhalten anregt. Ein Vorgesetzter muss wissen, wie er den Angestellten Wertschätzung entgegenbringen kann.

Indem er sie mehr lobt?
Zum Beispiel. Aber nicht mit einem Mail. Es kostet bloss ein Lächeln oder ein unprätentiöses Kompliment, um jemanden zu motivieren.

Das tönt nach Softie-Management.
Das ist ein Missverständnis. Echte Wertschätzung bedeutet, den Menschen in seinem Ganzsein wahrzunehmen. Dazu gehört auch, ihm ehrlich zu erklären, warum man mit dem Resultat seiner Arbeit nicht zufrieden ist. Im Vordergrund steht jedoch ein ressourcenorientiertes Feedback und nicht ein schwächenorientiertes.

Genau wie in der Kindererziehung . . .
. . . und in Paarbeziehungen, Freundschaften und überhaupt im Zusammenleben. Ich bin überzeugt, dass ein wertschätzender Umgang die Gewalt in unserer Gesellschaft verkleinern würde.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 22.07.2010, 19:35 Uhr

Zur Person

Miller (60) ist Sohn des 1999 verstorbenen Soziologieprofessors Andreas Miller und der vor drei Monaten verstorbenen Psychologin Alice Miller, die mit ihrem Bestseller «Das Drama des begabten Kindes und die Suche nach dem wahren Selbst» 1979 weltberühmt wurde. Martin Miller war von 1972 bis 1980 in Zürich als Primarschullehrer tätig und hat seit 31 Jahren eine eigene psychotherapeutische Praxis. Er hat keine Kinder und lebt mit seiner Frau in Wermatswil bei Uster. Er ist heute auch als psychologischer Unternehmensberater tätig. (kat)

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