Wenn nach dem Klapperstorch auch die Knochen klappern

In unserer Gesellschaft muss schlank sein, wer attraktiv sein will. Das bringt immer mehr Frauen dazu, nach einer Schwangerschaft drastisch abzunehmen.

Bauch weg, Figur zurück: Model Miranda Kerr beim Fotoshooting, nur einige Monate nach der Geburt ihres Sohnes.

Bauch weg, Figur zurück: Model Miranda Kerr beim Fotoshooting, nur einige Monate nach der Geburt ihres Sohnes. Bild: Dukas

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Vielleicht lag es schon länger in der Luft. Spätestens aber als 2003 ein Model die Gucci-Kampagne zierte, an dessen magerem Handgelenk die aktuelle It-Bag baumelte und über dessen Arm sich die weichen Rundungen eines nackten Babypopos wölbten, da war klar: Man trägt wieder Kind. Was neuerdings zählt, ist das Gesamtpaket, bestehend aus Baby, It-Bag und zierlicher Mama. Offenbar reicht es nicht mehr aus, wie noch die Generation vor uns – antiautoritäre Erziehung im Kopf und Kind auf der Schulter – durch die Gegend zu ziehen. Die Familie, sie ist heute eine Form von Lifestyle. Und wie das beim Lifestyle so ist: Manchmal liegt dabei die Betonung weniger auf dem Life als auf dem Style.

Stillend abnehmen

Kein Wunder, praktizierten zuallererst die Stars und Sternchen die neue, schöne Form von Familie. Als Heidi Klum bereits zwei Monate nach der Geburt ihres Sohnes für Dessous modelte, ging ein Raunen durch die Medien: Ihre Figur war so straff, schlank und makellos, als hätte man ihr das Kind aus der Nase gezogen. Die unbefleckte Empfängnis – im Religionsunterricht noch Privileg der heiligen Jungfrau Maria – scheint es heute auch für Normalsterbliche zu geben. Dass manche Frauen schlicht elastischeres Bindegewebe und einen günstigeren Stoffwechsel haben als andere, ist eine Ungerechtigkeit der Natur, mit der man sich nicht mehr abfinden will. Denn wo etwas «möglich» ist, da wird der Schritt zum «müssen» immer kleiner. Und so ist Heidi Klum nicht nur Mutter von mittlerweile vier Kindern, sondern gilt auch als Mutter aller Mager-Mamas.

Mehr und mehr sehen auch normale Mütter so aus, als hätten sie nie ein Kind geboren. Sie staksen mit Baby, High Heels und knappen Jeans durch die Gegend – oft ist der Nachwuchs gerade einmal drei, vier Wochen alt. Und die Kleidergrösse der Mutter ist 34 – höchstens. Ins Rückbildungsturnen kommen Wesen geschwebt, bei denen man sich fragt, was in aller Welt da noch zurückgebildet werden kann. Und Stillen avanciert zum Volkssport: «Es ist super – ich nehme total ab!»

Die Natur überlisten

Franziska Summermatter, Leiterin der Hebammenpraxis Zürich, bestätigt: «Das Abnehmen ist heute für junge Mütter ein Riesenthema. Sie wollen ihre Figur zurück. Am liebsten gleich.» Gewisse Frauen würden richtiggehend hysterisch darauf reagieren, dass sie ihre Bauchmuskeln nicht gleich trainieren dürften. Andere möchten schon fünf Tage nach der Geburt wieder mit dem Fitnesstraining anfangen. «Dabei bleiben die Schwangerschaftshormone nach der Entbindung vier Monate lang im Körper», erklärt Summermatter, «danach nimmt die Frau meist automatisch ab. Die erste Zeit jedoch richtet die Natur als eine Phase ein, in der sich Mutter und Kind ganz aufeinander konzentrieren sollten – mal ganz abgesehen davon, wie negativ eine Diät sich auf das Stillen auswirkt.»

Natürlich gibt es Frauen, die auf solche Empfehlungen pfeifen. Für Französinnen etwa, schreibt die Philosophin Elisabeth Badinter, gelten Stillen und Kinderbetreuung seit Jahrhunderten als nicht-notwendiges Übel, das zudem den Körper ruiniert. War das Baby erst einmal auf der Welt, übergab Madame es einer Amme, während sie ihr Leben weiterführte wie bisher. Nur dass im 18. Jahrhundert Kinderkriegen als eheliche Pflicht galt. Und das wird derzeit bei den wenigsten Frauen der Grund sein, ein Kind zu wollen.Den eigenen Körper ganz in den Dienst eines anderen Wesens zu stellen – und sei es auch das eigene Baby –, ist gar nicht so einfach. Melanie (Lehrerin, ein Kind) erinnert sich: «Ich fühlte mich nach der Geburt als unförmige, wandelnde Milchbar. Oft musste ich weinen, weil ich dachte, der schlaffe Bauch bleibt für immer.» Dass der Organismus Enormes leistet, bis das Neugeborene endlich auf der Welt ist, ist ein offenes Geheimnis. Und trotz aller Elternfreude: Wer schätzt heute noch einen Körper nur für seine Nützlichkeit?

Früchte, Fisch, Stützgürtel

Form follows function, das war gestern. Das aktuelle Credo heisst: Fassade statt Funktion. Und so bekommt nicht Komplimente, wer die neun Monate ohne Rückenschmerzen überstanden hat. Bewundert wird die Frau, die zwei Monate nach der Entbindung wieder in die alte Jeans passt. Und wer mit Baby sogar schlanker ist als andere ohne, hat es ohnehin in die Champions League der Gewichtskontrolle geschafft.

Dafür sind immer mehr Frauen bereit, immer mehr zu tun. Pamela, die neben ihrer Rolle als Mutter auch modelt, erzählt: «Ich habe schon in der Schwangerschaft nur Früchte und Fisch gegessen. Nach der Geburt trug ich zunächst einen Stützgürtel, damit die Haut am Bauch nicht anfängt zu hängen. Und mit einem Personal Trainer habe ich täglich trainiert.»Schön, wer den Kult um Körper und Kalorien entspannter angehen kann. Die Germanistin Laura (zwei Kinder) fand es zunächst zwar auch merkwürdig, als das Kind draussen war, der Bauch aber noch da: «Aber mir half in dieser Zeit sehr, dass zwischen mir und meinem Mann ein grosses Vertrauen war. Ich fand nicht alles toll, was mit meinem Körper passierte, aber meist konnten wir es mit Humor nehmen.»Lauras Erfahrung bestätigt auch Hebamme Franziska Summermatter: «Es sind nicht die Akademikerinnen oder Frauen vom Zürichberg, die erbittert gegen jedes einzelne Kilo kämpfen. Die holen sich ihr Selbstbewusstsein aus dem Beruf, aus ihrer finanziellen Lage oder der gesellschaftlichen Stellung. Anders sieht es bei Müttern aus, deren Selbstwertgefühl sich bis dahin auf ihr Aussehen stützte. Sie sind viel verzweifelter über körperliche Veränderungen.» Sollten solche Frauen dann trotz aller Fitness, Fisch und Früchten nicht straff genug werden, greifen sie schon mal zum neuesten Mittel, in Form sogenannter «mommy makeovers». Der Name steht für einen operativen Rundumschlag, bei dem der Bauch gestrafft, die Brust angehoben und zudem mit einem Implantat wieder aufgefüllt wird – die jährlichen Zuwachsraten bewegen sich in den USA im zweistelligen Prozentbereich.

Mehr Indianerstolz, bitte!

Niemand erwartet ernsthaft, dass man Schwangerschaftsstreifen schön findet und schlaffes Gewebe sowie Babyspeck widerstandslos akzeptiert. Doch auch wer den Mount Everest besteigt, weiss, dass er vielleicht mit zwei Zehen weniger zurückkehrt. Wer sich aber auf das Extremerlebnis Kinderkriegen einlässt, soll nicht den Hauch einer körperlichen Spur davontragen? Da möchte man der einen oder anderen Frau doch mehr vom kindlichen Indianerstolz wünschen, mit dem man als Kind strahlend die aufgeschlagenen Knie präsentiert hat. So mancher Mutterbauch würde dann erzählen: «Hey, ich habs geschafft. Ich war sozusagen auf dem Mount Everest.» (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 03.05.2011, 20:19 Uhr

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