Wer dem Chef nicht schön genug ist, wird entlassen

Angestellte der Kleiderkette «American Apparel» müssen sich in den USA mit Ganzkörperfotos bewerben. Wen das Management unattraktiv findet, dem wird die Kündigung nahegelegt.

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American Apparel (AA) kommt nicht aus den Schlagzeilen. Vergangenen Herbst erhob ein Filialleiter Vorwürfe an die Adresse von CEO Dov Charney, dieser kündige Mitarbeitern, die seinen ästhetischen Ansprüchen nicht genügten. Um das Image seiner Kette zu vereinheitlichen, habe er die Manager seiner Geschäfte aufgefordert, Gruppenfotos seiner Angestellten ans Head-Office zu senden. Diese beurteile er dann persönlich – natürlich nicht aufgrund ihrer Leistung, sondern ihres Aussehens, so vermeldete damals «Gawker.com». Verkaufs-Angestellte, welche das Management als zu wenig attraktiv einstufte, hätte man eine Kündigung nahe gelegt. Charney relativierte damals, dass er nicht in erster Linie die «physische Erscheinung» beurteile, sondern das «Stilbewusstsein» seiner Angestellten.

Inzwischen soll American Apparel diese Praxis mit neuen Anstellungs-Richtlinien offiziell eingeführt haben. Neuerdings sollen Jobinteressierte Einzelfotos von sich einsenden, welche der Chefetage als Grundlage diene, über die Eignung für den Job zu entschieden.

Protokolle im Internet

Tatsächlich ist im Internet das Transkript einer internen AA-Sitzung vom 18. Mai aufgetaucht, das die Laden-Managern auffordert, von Job-Interessenten bei der Bewerbung ein Ganzkörperfoto zu verlangen, welche dann dem Head-Office vorzulegen seien («Fotos von Kopf bis Fuss, keine Seitenansichten»). Die australischen Filialen verlangen von Jobbewerbern inzwischen offiziell ein Foto, «am besten ein Ganzkörperbild, das Ihren persönlichen Geschmack und ihren Sinn für Mode reflektiert. Bitte denken sie daran, dass wir auf der Suche sind nach Individuen von jeglicher Gestalt und Kleidergrösse.»

Die Fotos gehörten inzwischen zur Standard-Prozedur beim Einstellen neuer Verkaufskräfte, wobei unattraktive Bewerber von den Filialleitern einfach als «Off-Brand» aussortiert werden könnten, sagt ein Insider auf «Gawker.com». AA-Sprecher Ryan Holiday gab dazu folgendes Statement ab: «Wir wählen natürlich aus, wobei nicht die objektive Schönheit, sondern der persönliche Stil entscheidend sind. Unsere Kleider sind Basics. Um die Fashionability unserer Produkte zu zeigen, müssen wir uns darauf verlassen, wie unsere Verkaufsangestellten diese präsentieren. Wenn wir jemanden anstellen, suchen wir Leute, die die Fähigkeit haben, unsere Produkte aufregend zu präsentieren und zu zeigen, wie cool sie aussehen. Das hat nicht viel damit zu tun, wie gut man aussieht.»

Andere Praxis der Schweiz

Auf der AA-Website steht unter dem Punkt «Work at our stores» Folgendes: «Wir suchen intelligente, freundliche, engagierte Leute. AA bringt Mode, Verkauf, Kunst, Design und Technologie zusammen und bietet einmalige Aufstiegsmöglichkeiten. Anders als andere Firmen, haben unsere Angestellten die Möglichkeit, direkt mit Produkte-Entwicklern und Kreativ-Direktoren und werden ermutigt, sich in anderen Projekten der Firma zu engagieren.»

American Apparel Schweiz wollte nicht offiziell Stellung nehmen. Man unterscheide sich allerdings relativ stark von American Apparel in Amerika – schon aufgrund der hiesigen Rechtslage. Zwar fotografiere man seine Angestellten ebenfalls, aber diese Fotos würden ausschliesslich intern bewertet. Dabei ginge es vornehmlich um einen stilistisch homogenen Auftritt des Personals, da es in American Apparel Stores keine offiziellen Dresscodes gebe. (mcb)

Erstellt: 10.06.2010, 14:21 Uhr

Eine umstrittene Figur: American-Apparel-CEO Dov Charney

Infobox

American Apparel, Inc. ist ein US-amerikanisches Textileinzelhandelsunternehmen aus Los Angeles mit 260 Läden in insgesamt 19 Ländern. Das Unternehmen bietet Sweatshop-freie Kleidung an, welche in der Innenstadt von Los Angeles hergestellt wird.

Das Unternehmen ist aber auch umstritten. 2008 wurden Plakate von American Apparel als pornographisch eingestuft. Charney selbst wurde von mehreren Angestellten wegen sexueller Belästigung angeklagt. Vergangenes Jahr erhob Woody Allen Klage gegen das Label, weil dieses unerlaubt mit dem Gesicht des Star-Regisseurs warb.

Im Mai musste AA einen Verlust von 17,6 Millionen Dollar im ersten Quartal des laufenden Jahres bekannt geben, letztes Jahr waren es noch 3.9 Millionen. Ende Juni laufen zudem Kredite aus, was den Konzern in wirklich ernsthafte Schwierigkeiten bringen könnte.

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