Werben mit sexueller Gewalt

Apropos Gina-Lisa Lohfink: Atze Schröder und der Geflügelhersteller Wiesenhof haben sich zusammengetan. Herausgekommen ist ein «Witz», der schrecklich ist.

Die Wurst ist lang und der Witz meilenweit daneben. Atze Schröder in der umstrittenen Wiesenhof-Werbung. Quelle: Youtube.


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Der Komiker Atze Schröder wirbt für eine Wurst von Wiesenhof. In mehreren Clips macht er immer wieder Anspielungen auf ihre Länge. Und in einem Spot hält er die Bratwurst in die Kamera und sagt: «Hier ist das Ding. Danach brauchen Gina und Lisa erst mal eine Traumatherapie.»

Was ist passiert? Wiesenhof ist ein deutscher Geflügelfleischproduzent mit zweifelhaften Praktiken. Atze Schröder ist ein deutscher Comedian von zweifelhafter Komik. Gina-Lisa Lohfink ist eine Person des öffentlichen Lebens mit zweifelhaftem Ruf. Vor kurzem wurde sie vergewaltigt – oder nicht. Es gibt ein Video, das sie beim Sex mit zwei Männern zeigt, während sie wiederholt «Nein» sagt. Die Männer sagen, dass der Sex einvernehmlich gewesen sei, und haben Lohfink Falschverdächtigung vorgeworfen. Der Fall beschäftigt Gerichte, Medien und das Internet seit einiger Zeit. Heute warteten Unterstützer von Lohfink vor dem Amtsgericht Tiergarten in Berlin auf ihr Eintreffen zum Prozess.

Das Video von Wiesenhof wurde angeblich schon letztes Jahr gedreht. Also bevor Gina-Lisa Lohfink sagte, dass ihr K.-o.-Tropfen verabreicht und sie vergewaltigt worden sei. Laut NDR wurde der Werbespot im März 2016 auf Youtube veröffentlicht. Damals war der «Fall Gina-Lisa» schon bekannt. Doch die Frage nach dem Herstellungsdatum des Videos ist eigentlich irrelevant. Interessanter ist das Statement von Atze Schröder. Der Komiker hat sich nach der Kritik in den sozialen Medien auf Facebook für den Wiesenhof-Spot entschuldigt.

«Ich bin absolut und ausnahmslos gegen jede Form sexueller Gewalt. Seit Jahren engagiere ich mich deshalb öffentlich und finanziell für den Verein Roterkeil.net gegen Kinderprostitution.»

Engagement gegen Kinderprostitution wird zur Kenntnis genommen.

«Der Werbespot ist vor einem Jahr gedreht worden und hätte niemals veröffentlicht werden dürfen. Schon gar nicht jetzt, wo er einen Bezug herstellt, der ekelhaft ist und so nie gedacht war.»

Schön, dass sexuelle Gewalt für Atze Schröder so indiskutabel ist. Nur wirkt er leider nicht besonders glaubhaft, wenn er vorher darüber lacht, dass eine Frau dermassen gewalttätig rangenommen wird, dass sie danach professionelle Hilfe braucht. Aber das scheint für ihn nicht in seine Definition von sexueller Gewalt zu passen. Jede Frau steht doch auf lange Würste, harte Typen und Penetration gegen ihren Willen. Sie kann es bloss nicht zugeben.

Und weiter in seinem Text:

«Wie es so ist im Leben, manchmal denkt man nicht nach und macht eine grosse Dummheit, die man hinterher bereut. Ich werde umgehend 20'000 Euro an Roterkeil.net spenden und eine Benefizshow spielen.»

«Vor dem Hintergrund»

Und was meint man eigentlich bei Wiesenhof, der Firma, die geglaubt hatte, dass man Würste am besten mit dem Abrufen von Vergewaltigungsfantasien verkaufe? «Vor dem Hintergrund der Berichterstattung um Lohfink hätte der Spot so definitiv nicht veröffentlicht werden dürfen», sagte Marketingchef Ingo Stryck. Ohne den Hintergrund, soll das wohl heissen, wäre die Veröffentlichung des Spots unproblematisch gewesen.

«Wir haben das Video sofort aus dem Netz genommen», sagte der Mann von Wiesenhof noch. Als liessen sich Videos, die sich im Netz verbreiten, rückstandslos wieder herausnehmen. Immerhin nahmen es nicht alle so leicht wie der Komiker und die Geflügelfirma. Denn Wiesenhof ist ein Sponsor des Fussballvereins Werder Bremen und auf dessen Trikots prominent präsent. «Wie viele unserer Fans haben wir uns sehr geärgert», sagte Werder-Präsident Hubertus Hess-Grunewald dem «Weser-Kurier». Sie seien am Sonntagabend auf die «Unruhe im Netz» aufmerksam geworden. Unter anderem hatte Werder-Botschafter Jan Delay per Twitter beim Fussballverein interveniert.

Veröffentlichung, Verbreitung, Aufregung, Entschuldigungen, die fast alles schlimmer machen. Alles wie gehabt. Was bleibt? Dass man im Jahr 2016 mit sexueller Gewalt werben kann.

Erstellt: 27.06.2016, 16:10 Uhr

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