Hintergrund

«Werft ihnen Kekse zu!»

Auf den indischen Andamanen werden Ureinwohner als Touristenattraktion missbraucht. Aktivisten nennen es «Menschensafari». Verbote haben bisher wenig bewirkt.

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Der Begriff Völkerschau stammt aus der Zeit zwischen 1840 und 1940, als in Europa exotische Völkergruppen öffentlich vorgeführt wurden. Heute erinnern nur noch Fotos und gezeichnete Plakate an die Zeit, als in den Zoos nebst Tieren eben auch «Lippen-Negerinnen» und Gestalten wie «halb Affe, halb Frau» zur Schau gestellt wurden.

Ein dunkles Kapitel postkolonialer Geschichte, das offenbar noch nicht ganz abgeschlossen ist. Diese Woche warnt Survival International, nicht zum ersten Mal, vor sogenannten «Menschensafaris». Die deutsche Menschenrechtsorganisation richtet ihren Fokus auf die indischen Andamanen-Inseln, auf denen die «Ausbeutung des indigenen Volkes durch Touristen» besonders ausgeprägt sei.

Fütterung von Ureinwohnern

Stein des Anstosses ist die 343 Kilometer lange Andaman Trunk Road, die seit den späten Neunzigern über die Inselgruppe führt. Gemäss dem Magazin «The Epoch Times» hat sich aufgrund der Strasse ein Massentourismus entwickelt, der die ansässigen Ureinwohner erheblich gestört oder gar weitläufig vertrieben hat.

Im Januar 2012 sorgte ein Video für Aufsehen. Die Aufnahmen zeigen Mitglieder des indigenen Volkes Jarawa, die zur Belustigung von filmenden Touristen um Essen betteln. Die Reisenden animieren die teils nackten Frauen zum Tanz – bis jemand sagt: «Werft ihnen Kekse zu!»

Indischer Minister bezeichnet Vorfall als «widerlich»

Die Polizei der Andamanen leitete in der Folge Ermittlungen ein, erklärte aber, es handle sich um ein «wahrscheinlich sechs oder sieben Jahre altes Video». Damals hätten sich die Jarawas noch unbekleidet gezeigt, heute würden sie in der Öffentlichkeit dagegen bekleidet auftreten.

Die Aufnahmen gelangten bis ins indische Innenministerium und entfachten die Diskussion um ein Reiseverbot auf den Andamanen neu, nachdem bereits im Jahr 2002 eine Sperrung der Andaman Trunk Road von Reiseführern und den Inselbehörden grosszügig ignoriert worden war. Der Minister für indigene Völker, Kishore Chandra Deo, hatte den Vorfall als «widerlich» bezeichnet und Massnahmen angekündigt.

Umkämpfte Pufferzone

Anfang Juli verordnete die indische Regierung eine Pufferzone von fünf Kilometern um das Schutzgebiet der Jarawa. Daraus resultierte eine Geschäftseinschränkung für die örtlichen Touristenresorts und die Schliessung zweier Sehenswürdigkeiten. Barefoot – ein örtlicher Reiseanbieter – fürchtet nun um seine Existenz und setzt sich zur Wehr: Bei den Touren würde jeglicher Kontakt mit den indigenen Völkern vermieden. Ausserdem setze sich Barefoot dafür ein, dass «der traditionelle Lebensstil der Jarawa gewahrt» würde, liess die Firma gegenüber «The Epoch Times» verlauten.

Die Unesco, welche die Situation vor Ort geprüft hat, verlautet, dass die Lage komplizierter sei, als in der Öffentlichkeit dargestellt. So sind gemäss der Organisation nicht die Reiseveranstalter die Hauptschuldigen, sondern die Behörden, die weiterhin den Verkehr auf der Andaman Trunk Road zulassen. Bereits der Bau der Strasse hätte viele der Ureinwohner traumatisiert und vertrieben. Zahlreiche Hütten hätten der Baustelle weichen müssen.

«Heimliche Menschensafaris»

Gemäss Survival International rollen täglich rund 250 Fahrzeuge über die Strasse. Als Reiseziele werden meist eine Kalksteinhöhle oder ein Schlammvulkan – zwei Sehenswürdigkeiten im Süden der Insel – genannt. Für die Nichtregierungsorganisation ist dies bloss ein Vorwand, um «heimlich Menschensafaris» zu organisieren. Für viele Touristen seien die Ureinwohner «der eigentliche Grund für die Reise». Und tatsächlich, wer das spärliche Blubbern des herzigen Vulkans sieht, der kann diese Argumentation durchaus nachvollziehen – ein grosses Spektakel ist das wahrlich nicht.

Die Behörden auf den Andamanen haben inzwischen an das oberste Gericht in Indien appelliert, die beiden Attraktionen aus den Pufferzonen zu streichen. Sie bitten um eine achtwöchige Aufhebung der Anordnung, um Pläne für eine neue Pufferzone einreichen zu können. Es wird angenommen, so schreibt Survival International, dass diese die Höhle und den Vulkan nicht länger einschliessen.

Unter den Menschenrechtsaktivisten wird die Gesetzesänderung vom indischen Kabinett grundsätzlich begrüsst. Wer die Ureinwohner fotografiert, muss nun mit einer Haftstrafe von drei bis sieben Jahren rechnen, schreibt das «Globalmagazin». Wie restriktiv diese Regelung nun umgesetzt wird, liegt nun an den örtlichen Behörden, die sich aber nach wie vor gegen eine Schliessung der Andaman Trunk Road wehren. Denis Giles von der lokalen Organisation Search sieht deshalb schwarz: «Das eigentliche Problem ist die Strasse», sagt der Menschenrechtsaktivist.

(Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 25.07.2012, 19:48 Uhr

Die Andamanen liegen im Golf von Begalen und gehören zum indischen Staatsgebiet

Artikel zum Thema

Aborigines attackieren Premierministerin

Australiens Regierungschefin Julia Gillard und Oppositionsführer Tony Abbott mussten vor Aborigines in Sicherheit gebracht werden. Eine Äusserung hatte die Ureinwohner in Rage versetzt. Mehr...

Erbitterter Kampf um einen heiligen Stein

Der deutsche Künstler Wolfgang Kraker importierte vor 15 Jahren einen Sandstein aus Venezuela nach Berlin. Zu Unrecht, meinen jetzt die Ureinwohner und verlangen die Rückgabe des 35-Tonnen-Brockens. Mehr...

Bolivianische Polizei knüppelt Amazonas-Indianer nieder

In Bolivien demonstrierten Ureinwohner gegen eine geplante Schnellstrasse durch das Amazonasgebiet. Die Polizei liess den Aufmarsch nicht lange gewähren. Mehr...

Kommentare

Blogs

Outdoor Warm und trocken durch den Winter

Die Welt in Bildern

Umstrittene Staatsoberhäupter: Bewohner von Pyongyang verneigen sich zu Ehren des siebten Todestags des nordkoreanischen Dikdators Kim Il Sung vor seiner Statue und deren seines Nachfolgers Kim Jong Il. (17. Dezember 2018)
(Bild: KIM Won Jin) Mehr...