Jassen tut keiner mehr

Werner suchen Nachwuchs

Im Emmental trifft sich der Wernerverein zur jährlichen Mitgliederversammlung – mit zunehmend melancholischer Stimmung: Der Vorname ist aus der Mode gekommen.

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Das Traktandum «Entschuldigungen» ist eines der längsten an der diesjährigen Generalversammlung des Wernervereins. 49 Männer sind Mitglied, rund 20 von ihnen sind zum Wernertag 2014 nach Schüpbach im Emmental gekommen. Abends um acht sitzen sie an den beiden langen Tischen im Saal der Wirtschaft zum Kreuz. Holz, wohin man blickt, vorn eine Bühne, deren roter Vorhang zugezogen bleibt. Es hätte noch Platz, viele Stühle sind leer geblieben.

Der Steiner Werner kommt später. Und ausgerechnet das jüngste Mitglied, ein 30-Jähriger, musste sich entschuldigen. Der Sommer Werner wurde ausgeschlossen, weil er den Mitgliederbeitrag dreimal nicht bezahlt hat und drei Mitglieder sind im letzten Jahr gestorben. «Schon wieder drei!», raunt einer der Männer seinem Nachbarn zu.

Der neue Vereinspräsident steht auf für eine kurze Ansprache. Helles Kurzarmhemd, hellgrauer Schnauz, Zupacker-Hände, wie die meisten hier. Er spricht von der sinkenden Mitgliederzahl und schliesst mit der Bitte, anderen Wernern vom Verein zu erzählen. «Es gibt ja keine neuen Werner mehr», murmelt einer der Männer mit gesenktem Kopf. Der Präsident setzt sich wieder, der Sekretär übernimmt. Bei Punkt 9, den «Vergabungen», fragt er, ob jemand von einem geborenen «Wernu» wisse. Es wird still. Manche schütteln den Kopf. Auf den Tischen liegen noch ein paar der gelben Einladungen: «Wernertag 2014: Chumm u lueg u mach mit, so blibt ä Werner geng fit!»

Bürki Werner muss wieder ran

Jetzt erhebt sich vorn ein Mann, massiv wie ein Felsen. Bürki Werner, «der ewige Kassier», macht den Job schon seit fast 40 Jahren und hat eigentlich keine Lust mehr. Halb streng, halb belustigt blickt er über die Lesebrille zu seinen Namensgenossen. Seine Nase ist durchzogen von roten Äderchen. Auch dieses Mal droht er mit seinem Austritt, auch dieses Mal bleibt das Amt an ihm hängen und die Runde lacht. Seine Jahresrechnung wird «eestemmig» und mit Applaus angenommen.

Bürki Werner war früher Wirt. In seiner Beiz trafen sich 1976, vor 38 Jahren, drei Werner zur Bierrunde. Einen Hansen- und einen Fritzenverein gab es damals im Emmental bereits, also gründeten die vier Werner an diesem Abend im Juli den Wernerverein. Im «Emmentaler Blatt» suchten sie per Inserat nach anderen Wernern, fragten bei den Standesämtern nach und gingen die regionalen Telefonbücher durch. Über 80 Mitglieder hatten sie zeitweise, viele davon aus dem Emmental, wo der Vater neben dem Hof auch den Vornamen vererbt.

Die vier Gründungsmitglieder um Bürki Werner bildeten gleich den ersten Vorstand. Den Jahresbeitrag legten sie auf 15 Franken fest, vor zwei Jahren wurde er auf 20 Franken erhöht. Kommt ein Werner auf die Welt, schenkt ihm der Verein ein Bankbüchlein mit 150 Franken. Und hat ein Junger die Schule abgeschlossen, fragen sie nach, was er werden wolle, und schenken ihm das passende «Übergwändli». In letzter Zeit gab es selten Gelegenheit für solche «Ver­gabungen», auch in diesem Jahr nicht.

Das Geld, das nicht mehr für junge Werner ausgegeben wird, sammelt sich: Rund 6000 Franken liegen in der Vereinskasse. Und die Verpflegung am Wernertag ist seit 38 Jahren sparsam: Erbsmues mit Gnagi und frischem Zopf.

Der neue Präsident kippt ein wenig Weisswein in seine Suppe, sonst hat er keine Änderungen vor. «Ihr müsst keine Angst haben, ich werde das hier nicht umkrempeln», hatte er den anderen versichert. Unterdessen hat im Saal der Wirtschaft Kreuz der «gemütliche Teil» der Tagung begonnen. 20 Werner tunken den Zopf in die Erbsensuppe, manche von ihnen haben Fingernägel so dunkel vom «werche», dass sie nie mehr hell werden.

Es sind Bauern, Buschauffeure, Büroarbeiter, Banker oder Bähnler. Nach dem Essen schreiben sie Zahlen zwischen eins und tausend auf gelbe Zettel, die zusammen mit ein paar Franken für die Vereinskasse in einem Topf landen. Gespielt wird um den Hauptpreis: einen hölzernen Schirmständer bemalt mit Blumen und dem Schriftzug «Wernertag 2014». Viele der Mitglieder haben ihren Schirmständer in früheren Jahren gewonnen.

Dieses Jahr hat der Burri Werner Glück, manche rufen «Bravo!», und das Ländler-Quintett, das sich in der Ecke aufgebaut hat, beginnt zu spielen. Einer von ihnen ist der «Örgeli Werner», der an der Seite seiner Tochter musiziert.

Jassen tut keiner mehr

Der jüngste Werner an diesem Tag kommt als Letzter: Steiner Werner, 57. Er macht sich Gedanken über die Zukunft seines Vereins und fragt in seinem Bekanntenkreis herum, ob es irgendwo noch Werner gibt, die Interesse hätten «am gemütlichen Zusammensein». Er trägt ein Gilet über dem karierten Hemd, und seine Augenbrauen sind auf eine freundliche Art immer hochgezogen. Wenn er nicht als Chauffeur unterwegs ist, schaut er zu seinem Heimetli mit den sechs Kühen. Hier im Verein gefalle ihm die Kameradschaft, sagt er.

Die Musik spielt laut, die Männer wippen mit den Füssen, trinken ab und zu einen Schluck. Manche beugen sich über das Fotoalbum, in dem jeder Wernertag mit Bildern und Unterschriften verewigt ist. Einmal im Jahr geht der Verein auf ein «Wernerreisli»; eine Schifffahrt über den Thunersee oder ein Ausflug aufs Rütli. Die alten Fotos sind etwas verblasst, dafür haben damals noch mehr Werner unterzeichnet.

Die nächste Wernertagung findet am 17. April 2015 statt. Wieder im Saal des Restaurants Kreuz in Schüpbach. Im Emmental, wo die Dächer den Häusern tief in die Stirn ragen. Und der Vereinsvorstand hofft, auch im nächsten Jahr «eine grosse Anzahl Werner an der Feier begrüssen zu können». Gegen 23 Uhr leert sich der Saal langsam. Die Musik hat ausgespielt, die Tombolapreise sind ver­geben, die Bauern müssen morgen früh wieder aufstehen. Und jassen tue ja heute auch keiner mehr, meint einer beim Gehen.

(Tages-Anzeiger)

(Erstellt: 16.05.2014, 06:39 Uhr)

Im Wandel der Zeit

Peter ist beliebter als Werner

Angesichts der Daten des Bundesamts für Statistik erstaunt es nicht, dass der Wernerverein mit Nachwuchsproblemen kämpft. Seine Hochzeit hatte der Vorname in den 30er- bis 50er-Jahren des letzten Jahrhunderts. Von 1937 bis 1952 war er sogar der viertbeliebteste männliche Vorname der Schweiz. Über den gesamten Zeitraum von 1902 bis 2012 gesehen liegt er auf Platz 19 mit insgesamt 25 972 Personen. Die Daten des Bundesamts für Statistik beruhen allerdings nicht auf Geburtenzählungen, sondern auf der Bevölkerungsbefragung von 2012. Diejenigen Werner, die zu Beginn des 20. Jahrhunderts geboren wurden und vor 2012 verstarben, sind deshalb in der Grafik nicht repräsentiert. Der in den 60er-Jahren beginnende Abwärtstrend ist allerdings eindeutig: Von 2001 bis 2010 kam der Name nur noch 16-mal vor, 2011–2012 dann praktisch gar nicht mehr. Die beliebtesten Schweizer Namen seit 1902 lauten übrigens Peter, Daniel und Hans für Jungen und Maria, Anna und Ruth für Mädchen. Auf der Website des Bundesamts für Statistik lässt sich nachsehen, wie beliebt der eigene Vorname im Laufe der Jahrzehnte war. (sly)

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