Wie Frauen zu Hexen wurden

Auf Waadtländer Scheiterhaufen brannten besonders viele Hexen. Eine Ausstellung im Schloss Chillon erhellt dieses düstere Kapitel des Mittelalters. Die Dämonenforscherin Martine Ostorero über die Motive der Hexenjäger.

Hexen paktieren mit dem Teufel: Das glaubten die Menschen im Mittelalter. Im Kerker des Schlosses Chillon wurden «Hexen» eingesperrt. Und sie wurden so lange gefoltert, bis sie «zugaben», was ihre Peiniger hören wollten.

Hexen paktieren mit dem Teufel: Das glaubten die Menschen im Mittelalter. Im Kerker des Schlosses Chillon wurden «Hexen» eingesperrt. Und sie wurden so lange gefoltert, bis sie «zugaben», was ihre Peiniger hören wollten. Bild: PD / Fondation du château de Chillon

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Martine Ostorero, über Hexen haben wir viel gelesen. Warum braucht es eine Ausstellung?
Martine Ostorero: Man meint vielleicht, schon alles zu wissen. Aber oft sind es Halbwahrheiten. Mit unserer Sonderausstellung wollen wir Licht in das Dunkel bringen. Es wurden zum Beispiel nicht nur Frauen als Hexen verfolgt, sondern auch Männer. Und selbst vor Kindern machte der Hexenwahn nicht halt. Zudem strengten nicht nur kirchliche Inquisitionsgerichte Hexenprozesse an, die weltliche Gerichtsbarkeit stand den Kirchen in nichts nach. Die weltliche und die kirchliche Macht arbeiteten Hand in Hand.

Was warf man den Hexen und den Hexern konkret vor?
Dass sie mit dem Teufel im Bunde standen. Man stellte sich vor, dass sie am Hexensabbat ausgelassen mit dem Teufel und seinen Dämonen tanzten, Kinder auf dem Feuer grillierten, um sie genüsslich zu verspeisen, oder Hexentränke brauten, um Leute im Dorf damit zu vergiften.

Wie kam dieser Mythos des Hexensabbats in die Welt?
Der Mythos verdichtete sich im Laufe der Jahrhunderte. Kirchentheoretiker Thomas von Aquin beschrieb dann die magischen Praktiken der Hexen wie die Verwandlung in ein Tier oder das Wettermachen. Er bezichtigte die Hexen der teuflischen Magie, womit sie zur Gefahr für das Christentum wurden.

Warum sprach man vom Hexensabbat?
Darin zeigt sich die Judenfeindlichkeit, die Ende des Mittelalters stark ausgeprägt war. Man unterstellte den Juden satanische Riten. Und brachte auch die jüdische Synagoge in Verbindung mit dem Teufel. Es hiess, dass die Hexen den Sabbat in der Synagoge feierten, der Kirche des Teufels. In solchen Vorstellungen manifestiert sich die diffuse Angst der Christen, die sich bedroht fühlten: durch die Juden, durch die Hexen, durch alles Antichristliche.

Was hat es mit dem Hexenbesen auf sich?
Man glaubte, dass die Hexen sich sehr schnell an sehr entfernten Orten versammeln konnten. Sie ritten mit dem Besen durch die Luft. Wobei der Dämon den Besen führte.

Und die Katze auf der Schulter der Hexe, verbirgt sich dahinter auch der Teufel?
Ja, denn der Dämon kann jede Gestalt annehmen, die ihm beliebt – sei es jene eines Fuchses, Dachses oder Spatzes. Oft erscheint er auch als Ziegenbock oder als edler Jüngling, der eine junge Schöne verführt, und lediglich dessen Ziegenfuss und -schwanz, die aus der Hose hervorlugen, verraten sein teuflisches Wesen.

Auch die Sexualität wurde mit dem Teufel verknüpft?
Jawohl, man bezichtigte Hexen auch der Homosexualität und der Sodomie. Sie trieben es miteinander, mit Kindern und mit Tieren. Die Dämonologen bewiesen hier viel Fantasie.

Aber bis zur Verbrennung der zu Hexen hoch stilisierten Menschen auf dem Scheiterhaufen bedurfte es noch mehr?
Ja, Thomas von Aquins Schriften legten die theoretische Grundlage. In seinem Gefolge veröffentlichten zahlreiche kirchliche Gelehrte Traktate. Der Ton verschärfte sich immer mehr. Man ging plötzlich nicht mehr nur von einzelnen Hexen aus, sondern von ganzen Sekten. Angestachelt durch die Prediger und Autoren empfand die Bevölkerung Hexen zunehmend als bedrohlich. Den Hexenbünden musste der Prozess gemacht werden.

Woran glaubte man, eine einzelne Hexe erkennen zu können?
Frauen gerieten in Verdacht, wenn sie zum Beispiel Kräuterkundige waren und Menschen heilen konnten. Die Heilkunst wurde zwar sehr geschätzt. Aber wehe, wenn die Kräuter nicht halfen und der Kranke starb. Dann lag der Verdacht nahe, dass dämonische Kräfte im Spiel waren. Hatte die Kräuterkundige den Kranken sogar vergiftet? Dasselbe bei Geburten: Starb einer Hebamme ein Kind weg, wurde sie oft der Hexerei bezichtigt.

Man suchte also Schuldige für Dinge, die man sich anders nicht erklären konnte?
Man legte Hexen zum einen Naturereignisse wie eine schlechte Ernte oder Epidemien wie die Pest zur Last. Zum anderen gab es aber auch psychologische Motive: Rache, Neid oder Eifersucht. Indem man jemanden der Hexerei bezichtigte, konnte man sich dieser Person elegant entledigen.

Und sobald jemand beschuldigt war, wurde dieser Person der Prozess gemacht?
Ja. Wobei es ja keine materiellen Beweise gab. Die Inquisitoren brauchten deshalb ein Geständnis. Da dies kein gesunder Mensch freiwillig tut, wurde die Folter eingeführt. Angeschuldigte wurden so lange gefoltert, bis sie ihre «Schuld» eingestanden. Mit dem Geständnis rang man den vermeintlichen Hexen auch die Namen ihrer Verbündeten ab. Man wollte schliesslich die ganze Sekte ausrotten. So zog jeder Hexenprozess gezwungenermassen Dutzende weitere Prozesse nach sich. Damit entstand ein verhängnisvoller Dominoeffekt. Die Hexenverfolgung griff damals wie ein Flächenbrand auf ganz Europa über. Dies hatte dramatische Auswirkungen: Zwischen dem 15. und 18. Jahrhundert wurden europaweit Hunderttausende von Menschen auf den Scheiterhaufen vernichtet.

Die Schweiz hält in dieser grossen Hexenjagd einen traurigen Rekord: In keinem anderen Land wurden so viele Menschen verbrannt wie hier.
Das ist so. Schweizweit endeten mehr als 3500 Hexen auf dem Scheiterhaufen, 2000 davon allein im Waadtland. Wobei die Hexenjagd in der Westschweiz auch sehr gut dokumentiert und erforscht ist. In anderen Kantonen sind zum Teil kaum Unterlagen überliefert worden. Das relativiert die Westschweizer Zahlen ein bisschen.

Gibt es einen besonderen Grund, dass die Hexenausstellung im Schloss Chillon stattfindet?
Das Schloss ist eine ideale Kulisse für das düstere Kapitel der Hexenjagd. Besucht man Chillon, fühlt man sich gleich um Jahrhunderte zurückversetzt. Und man ist am Ort des Geschehens. Im Schlossverlies siechten viele Hexen vor sich hin, bevor sie zur Abschreckung öffentlich auf Plätzen der Berner Vogtei verbrannt wurden.

Erstellt: 13.06.2012, 13:07 Uhr

Sonderausstellung

«Die Hexenverfolgung im Waadtland, 15. – 17. Jahrhundert», Schloss Chillon, die Ausstellung läuft bis zum 24. Juni 2012. Weitere Informationen: Schloss Chillon

«Die weltliche und die kirchliche Macht arbeiteten bei der Hexenverfolgung Hand in Hand zusammen»: Martine Ostorero, Historikerin und Dämonenforscherin in Lausanne.
(Bild: zvg)

Wurde 1447 in Willisau auf dem Scheiterhaufen verbrannt: Die «Hexe» Anna Vögtli. (Bild: PD / Diebold-Schilling-Chronik, Korporation Luzern)

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