Hintergrund

Wie Personenunfälle auf Gleisen verhindert werden können

Der neuerliche Personenunfall auf der Strecke Zürich–Bern hatte gewaltige Auswirkungen auf den Pendlerverkehr – und wirft die Frage auf: Was tun? Ein Vorbild könnte Japan sein, das auf Spiegel und blaues Licht setzt.

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Am frühen Montagmorgen sorgte ein Personenunfall im solothurnischen Schönenwerd für ein Chaos auf der Bahnstrecke Zürich–Bern. Zahlreiche Züge fielen in diesem als Nadelöhr bekannten Abschnitt aus. Immer wieder kommt es auf Schweizer Schienen zu solchen Zwischenfällen. In der Schweiz passieren jedes Jahr rund 100 Eisenbahn-Suizide, wie Urs Hepp, Chefarzt der Psychiatrischen Dienste Aargau, auf Anfrage sagt.

Wie lassen sich solche Vorkommnisse auf den Tausenden Kilometern des Schweizer Schienennetzes verhindern? «Man kann keine absolute Sicherheit herstellen», so Hepp. Dennoch gebe es an besonders gefährlichen Stellen des Bahnnetzes Möglichkeiten, um diverse Suizide zu verhindern, wie er ausführt:

  • Bauliche Massnahmen wie Zäune oder Hecken: Diese halten bereits einige Menschen mit Suizidgedanken von den Gleisen fern. Die Abschrankungen müssen nicht einmal besonders hoch sein, um eine psychologische Wirkung zu haben. Jede Schwelle bringt etwas.
  • Videoüberwachung: Leute mit auffälligem Verhalten rechtzeitig erkennen und dementsprechend handeln.
  • Dunkle Stellen beleuchten: Besser gesehen zu werden, erhöht die Hemmschwelle bei Suizidgefährdeten.
  • Bewegungssensoren: Wenn man solche in Bereichen installiert, in denen sich normalerweise keine Personen aufhalten, kann man schneller handeln, wenn sich jemand dorthin begibt.
  • Hinweise auf die Telefonnummer 143 der Dargebotenen Hand oder noch besser Telefone, die einen direkt dorthin oder mit einer anderen helfenden Person verbinden: Der Kontakt zu anderen Menschen ist entscheidend und gemäss Forschung sehr wirkungsvoll.

Von Patrouillen entlang der Gleise hält Hepp wenig: Angesichts der sehr verstreuten Fälle könne man keine effizienten Patrouillen gewährleisten. Zudem seien Aufwand und Kosten sehr hoch. Vor knapp einem Jahr sagte Hepp in der Sendung «10vor10» des Schweizer Fernsehens, dass die SBB zu wenig gegen Suizide auf den Bahngleisen unternehmen würden. «Inzwischen fand eine Sensibilisierung gegenüber dem Thema statt», sagt der Chefarzt der Psychiatrischen Dienste Aargau heute.

SBB stellen keinen Unterschied fest

Bei den SBB hingegen sieht man derzeit keine Lösung für das Problem, wie Sprecher Christian Ginsig auf Anfrage sagt. «Die SBB errichteten im Rahmen der Lärmschutzverordnung Schallschutzwände oder gemäss den kantonalen Vorschriften auch Wildschutzzäune.» Die Bahnsuizide seien jedoch nicht zurückgegangen, sondern hätten sich teilweise an die Bahnhöfe verlagert, wo der Zugang problemlos möglich sei und oft viele Leute anwesend seien, so Ginsig.

Was ist von Perronsperren wie an einigen ausländischen Bahnhöfen und U-Bahn-Stationen zu halten? An den Schweizer Bahnhöfen seien durchgehende Perronsperren nicht durchsetzbar, so Ginsig. «Man denke dabei an die verschiedenen Zugstypen, -längen und Fahrpläne sowie an den raschen Umstieg.» Zudem seien entlang den Bahnlinien grundsätzlich keine speziellen Telefone oder Hinweisschilder mit der Rufnummer 143 montiert. «Personenunfälle ereignen sich auf dem gesamten rund 3000 Kilometer langen SBB-Netz», sagt der SBB-Sprecher und verweist auf die geografische Verteilung der Fälle.

Japan setzt auf Spiegel und blaues Licht

In Japan, wo sich jährlich rund 2000 Leute an Zugstrecken das Leben nehmen, setzt man zu dessen Verhinderung etwa auf Spiegel bei den Gleisen. Solche liess die Tokioter Metro für viel Geld an den Metrostationen montieren, wie das Internetportal News.de berichtete. Dies soll Leute mit Suizidgedanken in letzter Minute vor ihrem Schritt bewahren. Im Zuge der Finanzkrise 2008/2009 installierte zudem der Bahnbetreiber Eastern Japan Railway blaue LED-Lichter auf den Perrons seiner Tokioter Metrolinie Yamanote. Potenzielle Suizidanten machen laut Farbpsychologen eine Verbindung mit Himmel und Meer. So sei das unwirklich anmutende Licht beruhigend und könne von einer möglichen Tat abhalten.

Für Aufsehen sorgte vor einigen Jahren ein Warnschild am Tokioter Bahnhof Shinjuku, der mit täglich mehr als drei Millionen Passagieren einer der grössten der Welt ist: Das Schild mit der Aufschrift «Bitte springen Sie nicht in der Hauptverkehrszeit» hätte potenzielle Selbstmörder auf die Auswirkungen ihrer Tat aufmerksam machen sollen. Angesichts massiver Proteste wurde es jedoch entfernt, wie News.de berichtet.

Erstellt: 15.01.2013, 17:19 Uhr

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