Wie das Wallis einen Dialekt retten will

In der Walliser Berggemeinde Evolène wird das traditionelle Patois nur noch von wenigen Menschen gesprochen. Nun soll es vor dem Aussterben gerettet werden – obwohl es lange als «Bauernsprache» verpönt war.

Traditionen bewahren: Fasnachtsumzug in der Walliser Berggemeinde Evolène.

Traditionen bewahren: Fasnachtsumzug in der Walliser Berggemeinde Evolène. Bild: Keystone

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Für 12 Kinder der Primarschule in Evolène hat die Patois-Stunde begonnen. Spielerisch büffelt Lehrerin Elisabeth Gaspoz Wörter wie Tannenbaum oder Christbaumkugeln mit ihren Schützlingen. Etwas zappelig sitzen diese im Kreis und sprechen ihr nach.

«Entgegen weit verbreiteter Meinung gehören die Westschweizer Dialekte nicht zum Okzitanischen, das im Mittelalter und bis ins 19. Jahrhundert im Süden Frankreichs die Hauptsprache war», sagt Andres Kristol, Direktor des Zentrums für Dialektologie an der Universität Neuenburg. «Die Westschweizer Dialekte sind vielmehr frankoprovenzalische Dialekte.»

Patois fast vollständig verschwunden

Das Frankoprovenzalische entwickelte sich aus dem Spätlatein zur eigenständigen Sprache - wie alle romanischen Sprachen. Es wurde in ganz Savoyen, im italienischen Aostatal sowie in der Romandie gesprochen.

Mit einer Ausnahme: «Im Jura setzte sich Französisch durch», sagt Kristol. Heute ist das Patois, wie das Frankoprovenzalische in der Schweiz genannt wird, fast vollständig verschwunden. Gesprochen wird es nur noch im Wallis sowie im Greyerzerland.

Nicht als Hochsprache etabliert

Patois-Lehrerin Elisabeth Gaspoz, die in Evolène aufgewachsen ist, hat als Kind zuhause selbst noch Patois gesprochen. Sie führt diese Tradition mit ihrem Sohn weiter. «Es ist die Sprache, in der ich meine Gefühle ausdrücke», sagt sie.

Für Deutschschweizer Ohren ist es eine Sprache mit vielen «sch» und "ü» - «eine Eigenheit des Dialekts aus Evolène», sagt Kristol. Eine standardisierte Sprache gibt es nicht, auch keine allgemein gültige Rechtschreibung. Der Grund dafür liegt laut Kristol darin, dass das Frankoprovenzalische sich nie als Hochsprache durchsetzten konnte.

«Der letzte historische Zeitpunkt, zu dem dies möglich gewesen wäre, war das zweite Burgunderreich. Damals bildeten die frankoprovenzalischen Gebiete eine politische Einheit», sagt der Dialektspezialist. Doch bereits um 990 n.Chr. schwand die politische Macht des Reiches.

Grosses Interesse an Patois-Kursen

In Evolène sprechen laut Gaspoz heute nur noch zehn Prozent der Kinder Patois. Trotzdem sind die Lektionen auf grosses Interesse gestossen. Insgesamt 64 Kinder haben sich angemeldet.

Vor allem Kinder, die über passive Sprachkenntnisse verfügten oder die Sprache überhaupt nicht verstünden, besuchten die Kurse, sagt die Lehrerin. «Wir haben auch ausländische Familien, die sich davon eine bessere Integration ihrer Kinder erhoffen.»

Die Kinder selbst haben ihre ganz eigenen Motive: «Einige haben mir erzählt, sie wollten Geheimnisse mit ihren Freunden teilen. Andere wollen beim Fussballspielen ihren Kollegen Tipps zuzurufen, ohne dass es die anderen verstehen», sagt die Lehrerin und lächelt.

Patois früher verpönt

Während des ganzen Unterrichts spürt man den Stolz und die Liebe der Lehrerin zum Patois. Das war nicht immer so: Im späten 18. Jahrhundert war das Patois gar verpönt. «Es galt als 'verdorbenes Französisch' als 'Bauernsprache' und wurde daher in den Schulen verboten», sagt Kristol.

So begann das Patois Mitte 19. Jahrhundert langsam aus den Westschweizer Städten zu verschwinden. In den ländlichen katholischen Gebieten hielt es sich mehrheitlich noch «bis in die 1930er Jahre», sagt der Dialektspezialist.

Wenn das Patois noch gerettet werden soll, dann sei jetzt der richtige Zeitpunkt, gibt sich Lehrerin Gaspoz überzeugt. «In zehn Jahren ist es vielleicht schon zu spät.» Für Evolène könnte laut Kristol noch eine Chance bestehen. Für den Rest der Westschweiz ist diese jedoch bereits vorbei: «Es ist 150 Jahre zu spät.»

Noch bis Mitte März laufen die Kurse an der Primarschule Evolène, dann wird entschieden, wie es weitergeht. Die Kosten dafür werden von der Gemeinde Evolène und von der Fondation du Patois getragen. Wie hoch sie sind, weiss Stiftungspräsident Bernard Bornet noch nicht genau. Klar ist jedoch: «Längerfristig müssen wir weitere Finanzierungsquellen finden.» (mpl/sda)

Erstellt: 11.01.2012, 06:50 Uhr

Kostprobe des Patois

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