Wie das Zuschlagen alltäglich geworden ist

Sieben junge Männer schlugen 2003 nachts einen Velofahrer in der Berner Postgasse brutal zusammen. 10 Jahre später meldet sich das Opfer zu Wort. Die Bilanz des Überfalls: Gewalt ist normal geworden.

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Zart beginnt die Gitarre, bevor der Sänger einsetzt: «That nothing comes from violence, and nothing ever could, lest we forget how fragile we are» – dass aus Gewalt nichts entsteht oder jemals entstehen könnte und dass wir nicht vergessen sollten, wie zerbrechlich wir sind.

Normalerweise zitieren Richter keine Rocktexte. Doch Gerichtspräsident Hanspeter Kiener gebrauchte diese unjuristischen Worte aus dem Song «Fragile» des britischen Musikers Sting, als er im Sommer 2005 vier volljährige junge Schläger nach beklemmenden Prozesstagen schuldig sprach. «Warum haben sie vergessen, dass Menschen so zerbrechlich sind?», fragte Kiener bei seiner Urteilsbegründung – und erhielt keine Antwort.

Unvorstellbare Brutalität

Zerbrochen ist vor 10 Jahren, in der Nacht auf den Sonntag, 11. Mai 2003, S.H., ein damals 40-jähriger Fachhochschuldozent. Mit dem Velo auf dem Heimweg begegnete er gegen zwei Uhr früh in der Berner Postgasse sieben jungen Männern im Ausgang und wurde zufälliges Opfer einer Gewaltbereitschaft, «die menschliches Vorstellungsvermögen übersteigt», wie das Kreisgericht Bern-Laupen später festhielt. Um an ein paar Franken für den Moonliner zu kommen, holten die zugedröhnten Täter den Mann vom Velo, schlugen und traten, als er schon auf dem Boden lag, gegen seinen Kopf, immer wieder, und liessen ihn danach liegen, blutend, bewusstlos, während sie in einer Bar am Kornhausplatz ihre Tat feierten. Kurz darauf wurden die jungen Männer von der Stadtpolizei festgenommen und der Justiz zugeführt. Bern erschauerte ob dieser bisher nicht erlebten Brutalität.

Zum IV-Rentner geprügelt

S.H. überlebte den Gewaltexzess nur knapp. Er erlitt schwere Schädel- und Hirnverletzungen, lag sechs Wochen im Koma. 10 Jahre später sitzt sein Bruder, Ueli H., am Besprechungstisch im Büro der Gesundheitsinstitution, in der er als Arzt tätig ist, und betrachtet nachdenklich ein Foto neueren Datums. Es zeigt S.H., das Postgasse-Opfer, an seinem 50. Geburtstag. Ein zurückhaltend wirkender Mann mit angedeutetem Lächeln.

«Mein Bruder muss seit dieser Gewalttat mit schweren Einschränkungen leben, beruflich wie privat», sagt Ueli H. Äusserlich sichtbare Folge der Hirnverletzung ist eine Gehbehinderung. Doch wie andere Hirnverletzte auch, kämpfte S.H. auf seinem Weg zurück ins Leben vor allem mit den versteckten Schäden. Hirnverletzungen betreffen oft die Persönlichkeit. Am meisten zu schaffen mache S. eine grosse Unsicherheit, erzählt der Bruder. Er sei übervorsichtig und wenig belastbar, müsse bei Überforderung manchmal erbrechen, sei vergesslich und könne sich schlecht konzentrieren.

Die Folgen der Gewalteinwirkung auf seinen Kopf sind so gravierend, dass S.H. keiner Erwerbsarbeit mehr nachgehen kann. Die Täter haben ihn zum IV-Rentner geprügelt, und zwar hundertprozentig. Anfängliche Versuche, mindestens im Teamteaching doch wieder zu unterrichten, mussten abgebrochen werden. S.H. war dem Druck nicht mehr gewachsen. Ein grosser Sinnverlust für den ausgeprägten Kopfmenschen und studierten Historiker, der seinen Beruf als Dozent an der Berner Fachhochschule mit Freude ausgeübt und sich als SP-Mitglied auch bildungspolitisch für junge Leute engagiert hatte.

Erstmals spricht das Opfer

10 Jahre nach dem schrecklichen Erlebnis äussert sich S.H. jetzt erstmals selber zu den Folgen. Per Mail, nicht mit Worten, weil reden für ihn zu belastend wäre. Und anonym, um nicht als Postgasse-Opfer erkannt zu werden. «Ich muss mit dem Umstand leben, dass meine berufliche Weiterentwicklung durch den Überfall weitgehend zerstört wurde», schreibt S.H.

Er lebt allein, im gleichen Mehrfamilienhaus wie seine betagte Mutter. Die beiden unterstützen sich gegenseitig in der Herausforderung, den Alltag zu meistern. Eine von der Opferhilfe vermittelte Psychologin, ein Neuropsychologe und eine Physiotherapeutin hälfen ihm seit Jahren dabei, mit der veränderten Situation fertigzuwerden, schreibt S.H. An die Tat hat er keine Erinnerung, vom Prozess war er dispensiert, Gerichtsakten und Medienberichte wollte er in all den Jahren nie sichten. «Der Nachbarshund bellt mich an», schreibt S.H., «weil er besser realisiert als ich, dass ich auffallend gehe.» Das Postgasse-Opfer ist «froh, die Gnade zu haben, dass ich meine Symptome glücklicherweise nur so weit wahrnehme, wie ich es aushalte».

«Neue Dimension in Bern»

Das Mitgefühl mit S.H. war gross damals im Frühling 2003. Gut zwei Wochen nach der Tat nahmen 1500 Personen an einem Schweigemarsch gegen Gewalt teil, darunter die gesamte Kantonsregierung. Der Marsch führte am Tatort in der Postgasse vorbei. Es war auch ein Unbehagen, das die Menschen auf die Strasse trieb. Denn es hätte jeden und jede treffen können, die in jener Nacht in Berns Altstadt unterwegs waren. Mit der Gewalttat an der Postgasse war in der beschaulichen Bundesstadt eine Grenze überschritten worden. Man war sich einig, dass eine Reaktion erfolgen, ein Zeichen gegen Gewalt gesetzt werden müsse. So hiess es unisono in Politikervoten, Leserbriefen, Zeitungskommentaren. So etwas dürfe nie wieder passieren. Jetzt gelte es Lehren zu ziehen.

Dass die Gewalt eine ungewohnte Dimension angenommen hatte, fiel auch den juristischen Profis auf. «Jugendliche, die sich zusammenschliessen, um den Nächstbesten halb tot zu schlagen – das war ein relativ neues Phänomen für die Stadt», blickt Fürsprecher Manuel Rohrer 10 Jahre später zurück. Er verteidigte damals einen der Postgasse-Täter vor Gericht. Fürsprecher Daniel Wyssmann, der am Prozess das Opfer vertrat, sieht die Postgasse-Tat aus heutiger Sicht als «Einschnitt». Behörden und Politiker seien bezüglich des Gewaltpotenzials gewisser Jugendlicher wachgerüttelt worden: «Und zwar unabhängig vom Parteibüchlein.»

«Die Medien bauschten den Fall auf, das hat mich gestört. Das Gericht stand unter Druck, keine ‹Kuscheljustiz› zu betreiben», erinnert sich Lukas Bürge. Als junger Fürsprecher verteidigte auch er einen der Postgasse-Täter. Seit jener Tat, so sein Eindruck, fälle die Berner Justiz bei Gewaltdelikten junger Erwachsener härtere Urteile.

Täter sahen sich als Gang

Die öffentliche Empörung galt den Tätern, sieben jungen Männern aus der Region Bern, damals im Alter zwischen 17 und 21 Jahren. Fünf Schweizer, ein Kosovare, ein Spanier. Drei von ihnen waren zur Tatzeit minderjährig. Einige hatten eine Heimkarriere hinter sich, andere stammten aus einem intakten Familienverhältnis. Sie sahen sich als Gang und standen auf Gewaltfilme. Kurz vor der «massiven Entladung» – wie es in den Gerichtsakten heisst – in der Postgasse hatten sie an der Münstergasse schon einen Anwohner angegriffen.

Am Prozess bekundeten die Täter Reue und gaben an, sich nicht erklären zu können, warum sie derart unbarmherzig auf einen Wehrlosen eingeprügelt hatten. Das Gericht verurteilte die vier Volljährigen wegen versuchter vorsätzlicher Tötung sowie qualifizierten Raubs mit schwerer Körperverletzung. Es sprach drei Gefängnisstrafen zwischen 6 und 11 Jahren aus. Den Vierten, einen Mitläufer, schickten die Richter für 4 Jahre in eine Arbeitserziehungsanstalt, heute Massnahmenzentrum genannt. Das Obergericht bestätigte später die Urteile. Die drei minderjährigen Täter hatten sich vor Jugendgericht zu verantworten, sie wurden in für Jugendliche zuständigen Institutionen untergebracht.

Wo die Täter heute stehen

Heute sind die jungen Schläger von damals erwachsene Männer im Alter zwischen 27 und 31 Jahren. Bereits im Sommer 2009 kam jener zur Tatzeit 18-Jährige frei, den das Gericht zur Arbeitserziehung verurteilt hatte. Er hat sich wieder in die Gesellschaft integriert. Gerne hätte man erfahren, wie er die Ereignisse von damals sieht. Doch der 28-Jährige lehnt die Anfrage ab. Über seinen damaligen Anwalt lässt er ausrichten, er wolle nach vorne schauen und die Vergangenheit so gut wie möglich hinter sich lassen. Immer noch im Gefängnis sitzt ein Mittäter, der die Strafe noch nicht fertig verbüsst hat. Gesichert ist zudem: Einer der damals jüngeren Postgasse-Täter ist als Erwachsener nun wieder in ein Strafverfahren wegen Körperverletzung verwickelt. Es geht um einen Vorfall vom Herbst 2011 an einem Festival ausserhalb von Bern. Der Sprecher der Staatsanwaltschaft, Christof Scheurer, bestätigt, dass bei der Staatsanwaltschaft Bern-Mittelland ein Verfahren hängig sei. Vorerst gilt für den Betreffenden die Unschuldsvermutung.

Optimistische Justiz

Was hat der Postgasse-Schock bewirkt? Eines jedenfalls nicht: dass irgendwo systematisch erfasst wird, wie viele jugendliche Gewalttäter rückfällig werden. Hinweise dazu liefert einzig eine 2009 publizierte Studie der Massnahmenzentren Arxhof BL und Uitikon ZH, wo auch Postgasse-Täter einsassen. Knapp zwei Drittel der jungen Männer, die die beiden Zentren zwischen 1994 und 2003 verlassen hatten, delinquierten wieder. Doch immerhin nahm die Gewaltbereitschaft ab: Nur knapp 17 Prozent fielen später wieder mit einem Gewaltdelikt auf.

Claudia Widmer, seit vergangenem Jahr leitende Jugendanwältin in Bern, erklärt das Prinzip des Jugendstrafrechts: «Im Fokus jeder angeordneten Massnahme steht der gesetzliche Auftrag von Schutz und Erziehung des Jugendlichen.» Die Jugendanwaltschaft überprüfe jährlich die von ihr angeordneten Massnahmen, die von Begleitung über Therapie bis zu Unterbringung und Strafe reichen können. Doch mit 22 Jahren ist von Gesetzes wegen Schluss. Dann verliert die Jugendanwaltschaft ihre Klientel aus dem Blickfeld. Widmer setzt auf das System: «Die Mehrheit der Massnahmen dürfte erfolgreich beendet werden.» Es gebe keine Hinweise, dass das Jugendstrafrecht versagt hätte.

Postgasse als Warnsignal

Eines haben Jugendgewaltausbrüche wie jener von Bern zweifellos ausgelöst: eine Debatte darüber, ob Repression oder Prävention die Gesellschaft besser vor solchen Taten schützt. Und wie sich die zunehmenden Auswüchse städtischen Nachtlebens – Gewalt, Besäufnisse, Vandalismus – bekämpfen lassen. Der Fall Postgasse wurde zum frühen Warnsignal einer Problematik, die die Schweiz seither immer wieder beschäftigt hat. Etwa 2009, als drei Zürcher Schüler auf einer Klassenreise in München fünf Männer zum Teil schwer verletzten. Das Setting der Tat glich jenem in der Postgasse. Die Behörden begannen, Papiere zu produzieren. Mehrere Kantone, darunter Bern, gaben sich Programme zur Gewaltprävention. 2011 lancierten Bund, Kantone und Städte das gross angelegte Programm «Jugend und Gewalt». 2010 überwies das bürgerliche Berner Kantonsparlament einen Vorstoss gegen Killergames. In der Stadt Bern sagte das mehrheitlich rot-grüne Parlament Ja zur Videoüberwachung im öffentlichen Raum – noch ist allerdings keine Kamera installiert. Das Stimmvolk sprach sich dafür aus, in der Stadt mehr Polizei patrouillieren zu lassen und den Stellenetat des Gassendienstes Pinto zu erhöhen. Regionsgemeinden wie Kehrsatz und Wohlen erproben Ausgangssperren, was Widerstand provoziert.

Der Aktivismus vermag die Ratlosigkeit nicht zu verbergen. Soll eine liberale Gesellschaft Freiheiten einschränken, um die Freiheit zu schützen? Ist Repression mehr als eine markige Geste? Und Prävention bloss gut gemeint? Die Debatte darüber verharrt oft in weltanschaulichen Gegensätzen.

Es wird weiter zugeschlagen

Wie verbreitet ist das Faustrecht in der Berner Jugend, 10 Jahre nach der Postgasse-Tat? Kann man den Statistiken trauen, die einen Rückgang der Jugendkriminalität ausweisen? Ja, glaubt Jugendanwältin Claudia Widmer: «Jugendgewalt kann heute in Bern nicht als grosses Problem bezeichnet werden.» Zwar habe sich die Jugendanwaltschaft immer noch mit Gewaltdelikten bei Jugendlichen zu befassen. Doch nur jeweils rund 3 Prozent aller Delikte, bei denen es seit 2007 zu Verurteilungen kam, betrafen laut Widmer den Bereich Leib und Leben. Allerdings: Gemäss der Berner Kriminalstatistik 2012 ist die verübte Gewalt zwar bei Minderjährigen, aber nicht bei jungen Erwachsenen zurückgegangen.

Der juristischen Sicht hält Chefarzt Aristomenis Exadaktylos die Realität des Notfallzentrums entgegen. Wochenende für Wochenende landen junge Verletzte bei ihm auf der Notfallaufnahme des Inselspitals. Nicht alle tauchen später in der Strafstatistik auf. Je nach Saison sehen Exadaktylos und sein Team pro Wochenende fünf bis zehn Patienten mit Verletzungen, die von Gewalt herrühren. Meistens sind es junge Männer über 20. Ob Täter oder Opfer, ist für die Medizin nicht von Belang. Fast alle Eingelieferten haben Alkohol und Partydrogen intus. Bereits 2007 zeigte Exadaktylos mit einer Studie auf: Die Zahl gewaltbedingter Einlieferungen ins Insel-Notfallzentrum nahm seit 2001 markant zu. Inzwischen überblickt er einen Zeitraum von 10 Jahren. Die gute Nachricht ist: Die Zahl der Einlieferungen ist nicht weiter gestiegen. Die schlechte Nachricht: Sie ist seit 2007 aber auch nicht gesunken. «Die Zahl bleibt stabil», sagt Exadaktylos. Besonders bedenklich: Es dominieren Kopfverletzungen: Schädelverletzungen, Hirnerschütterungen, Augenverletzungen. Der schlimme Postgasse-Fall sei in Bern zwar «bis jetzt ein seltenes Phänomen geblieben», sagt Exadaktylos. Doch 10 Jahre später wird, wie damals, gegen Köpfe geschlagen und getreten, als wüsste man von nichts. Mit Vorträgen an Berufsschulen versuchen Exadaktylos und seine Leute beharrlich, die Jungen über die lebensgefährlichen Risiken aufzuklären.

Abgestumpfte Behörden

Die Aggression, die 2003 noch zu einem Aufschrei führte, gehört heute zum nächtlichen Ausgangsklima in Berns Gassen. Diesen Eindruck haben auch Anwälte des Postgasse-Prozesses von damals. Sie sind als Juristen nach wie vor mit Gewaltdelikten konfrontiert und nahe dran an Opfern oder Tätern. «Fast jedes Wochenende kommt es in der Partymeile Aarbergergasse zu gewalttätigen Übergriffen», sagt Fürsprecher Manuel Rohrer. Doch die Behörden seien abgestumpft. Es mache den Anschein, dass viele Fälle nicht mit genügend Nachdruck verfolgt und oft genug mit einem simplen Strafbefehl erledigt würden. Auch die Medien berichteten kaum mehr.

Aus der Postgasse-Tat seien zu wenig Lehren gezogen worden, findet Fürsprecher Jörg Zumstein: «Die Politik versagt.» Dass ein halber Liter Bier für 50 Rappen verkauft werde, sei nicht richtig. Und es sei gefährlich: «Fast jeder Gewaltexzess von Jugendlichen hat mit Alkohol zu tun.» Zumstein ist «klar dafür, die Konsumfreiräume in unserer 24-Stunden-Gesellschaft wieder einzuschränken». Die Polizeistunde wiedereinzuführen, den Alkoholverkauf an Junge einzuschränken. «Nun mal ehrlich», fragt der Rechtsanwalt, «was bringt es noch, zwischen halb zwei und fünf Uhr morgens angetrunken herumzuhängen?»

Doch die Anwälte sind sich über die Vorgehensweise nicht einig, genauso wenig wie die Politiker. Das gesellschaftliche Phänomen des ausufernden Nachtlebens löse man nicht mit Verboten und auch nicht mit Strafrecht, findet Lukas Bürge, Fürsprecher und zwischenzeitlich auch Kriminologe: «Wir sollten den jungen Leuten vielmehr einen sozialen Empfangsraum bereitstellen. Dazu gehören genügend Freizeitangebote ausserhalb von Clubs und die Unterstützung der Eltern.» Jugendgewalt gehöre zu einer Gesellschaft und werde nie ganz verschwinden, schliesst Lukas Bürge realistisch und illusionslos, schon die alten Griechen hätten sich über die Verrohung der Jugend beklagt.

Kaum Antworten gefunden

Auf das, was vor 10 Jahren in der Postgasse passiert sei, habe man bis heute nicht sonderlich viele Antworten gefunden, bilanziert Ueli H., Bruder des Postgasse-Opfers. Dabei verursache jede Gewalttat neben menschlichem Leid auch grosse Kosten. Auf rund vier Millionen Franken bezifferte die Unfallversicherung den Gesamtschaden nach der Postgasse-Tat. Dazu kommen die Unsummen, die der Strafvollzug der Täter kostet. Angst hat Ueli H. heute nicht, wenn er abends unterwegs ist. Aber er bleibt wachsam, wenn er gewissen Gruppen von Jugendlichen begegnet.

Für das Postgasse-Opfer selber, den Lehrer S.H., kommen sämtliche Expertendiskussionen und Politikermassnahmen zu spät. Er versucht, sich so gut wie möglich zu schützen: «Gottlob nehme ich seit dem Überfall die Wut auf das, was meiner Familie und mir angetan wurde, nicht vollkommen wahr», schreibt S.H. Es überwiege die Dankbarkeit, dass ihm Angehörige und «viele gute Mitmenschen und Institutionen» sehr geholfen hätten. Das Mail des Postgasse-Opfers schliesst mit dem Appell, «zukünftige Opfer zu vermeiden».

Juristische Normalität

Die höchsten Schweizer Richter scheint die Wut über Gewaltübergriffe 10 Jahre nach dem Postgasse-Schock nur noch wenig zu berühren. Heute müsse man damit rechnen, zusammengeschlagen zu werden, wenn man 20-Jährigen, die einen provozierten, den Stinkefinger zeige, urteilte das Bundesgericht Anfang April in einem Fall aus der Stadt Zürich. Und kürzte dem Opfer einer Prügelattacke das Krankentaggeld. Das Ungeheure ist normal geworden.

«On and on, the rain will say, how fragile we are», singt der vom Berner Gerichtspräsidenten am Postgasse-Prozess zitierte Rockstar Sting gegen Ende seines Songs. Der Regen werde uns immer wieder erzählen, wie zerbrechlich wir sind. Es bleibt doch nur eine Liedzeile gegen den Schrecken. (Berner Zeitung)

Erstellt: 28.04.2013, 15:31 Uhr

DER FALL H.D.

In einem Jugendheim in der Region Bern wurde eine Sozialarbeiterin bloss zwei Tage nach dem Postgasse-Überfall attackiert und verletzt. 10 Jahre später berichtet sie. Erschüttert.Was H.D. vor 10 Jahren geschah, stand damals im Schatten des Postgasse-Falls. Die Zeitungen berichteten nur klein darüber, obwohl auch das Leben der ausgebildeten Sozialarbeiterin durch eine Gewalttat aus den Fugen geriet. 10 Jahre später sitzt die heute 62-Jährige in einem Café an der Aare und erzählt. Sie wirkt warmherzig und präsent. Damit sie sich sicher fühlt, hat sie einen Platz am Rand gewählt, von dem aus sie den Raum überblicken kann. Im Verlauf des Gesprächs weint sie oft. «Seit dem Überfall habe ich meine Tränen nicht mehr unter Kontrolle. Sie kommen einfach, wenn mich etwas berührt.»

Attacke mit Rasierklinge

In der Nacht auf den 13.Mai 2003 hatte H.D. alleine Nachtdienst in einer Wohngruppe der sozialpädagogischen Institution in der Region Bern, in der sie seit einem Jahr arbeitete. Kurz nach Mitternacht klopfte es an der Tür. Ein betreuter Jugendlicher klagte, ihm sei schlecht. H.D. trat ein paar Schritte auf ihn zu, vor die Tür, als sie hinter sich ein Geräusch hörte. Ehe sie sich richtig umgedreht hatte, schlug ihr ein zweiter Jugendlicher einen Stein an den Kopf. H.D. ging zu Boden, schrie, worauf einer der Betreuten eine Rasierklinge hervorholte und ihr in den Hals schnitt.

Sie zeigt jetzt die lange Narbe am Hals, bevor sie weitererzählt. Am Boden liegend, habe sie sich zurück ins Dienstzimmer drehen und von innen abschliessen können.

Sekunden später warfen sich die Täter gegen die Türe. Die jungen Männer, damals 16 und 17 Jahre alt, flüchteten schliesslich. Der Angriff sei nicht auf sie persönlich gemünzt gewesen, sagt H.D. Sie habe es mit ihren Schützlingen gut gehabt: «Die wollten abhauen, brauchten Geld und dachten, ich hätte den Schlüssel zum Tresor.»
Weit kamen die beiden Jugendlichen nicht. Von einem nahe gelegenen Hügel beobachteten sie die ganze Nacht das Geschehen um die Institution: Blaulicht, Notarzt, Polizei. Tags darauf wurden sie im Vorortzug festgenommen. Später hatten sie sich vor Jugendgericht zu verantworten. H.D. musste im Spital die Schnittwunden nähen lassen. Sie erfuhr, dass die Rasierklinge bis auf zwei Millimeter an ihre Halsschlagader herangekommen war: «Seither weiss ich, wie breit die Hand Gottes ist.»

«Von einem Moment auf den anderen ist nichts mehr so, wie es einmal war», erinnert sich H.D. Sie war schwer traumatisiert, brauchte therapeutische Hilfe, nahm Medikamente. Sie sei früher eine initiative Frohnatur mit Urvertrauen ins Leben gewesen, sagt H.D. «Heute bin ich ängstlich, wenig belastbar, schnell müde und oft unverhältnismässig aggressiv.» Die Hälfte ihrer Freunde kam damit nicht klar und verschwand aus ihrem Leben. Andere Beziehungen vertieften sich.

Besonders den Mut, der sie als Berufsfrau einst auszeichnete, vermisst H.D. heute an sich. Früher sei sie eingestanden für ihre Klientinnen und Klienten – von Gewalt getroffene Frauen, Jugendliche in schwierigen Situationen. «Heute könnte ich das nicht mehr.» H.D. gab ihre Stelle auf, obwohl die Sicherheitsvorkehrungen in Jugendheimen heute besser seien. Die IV sprach ihr nach der Gewalttat eine halbe Rente zu.

Als Gewaltopfer erlebte H.D. einen jahrelangen Formularkrieg, der nur mithilfe eines Anwalts zu bewältigen gewesen sei. Nach einer Auszeit und Arbeitslosigkeit fand sie eine Teilzeitstelle als Sozialarbeiterin im Bereich der Selbsthilfe. Aber in einem anderen Kanton. Bern kehrte sie vorerst den Rücken.

«Das darf doch nicht sein»

In der Therapie lernt H.D. heute, Wut zuzulassen. Als verständnisvolle Sozialarbeiterin neigte sie lange Zeit dazu, die Tat der jungen Männer zu erklären: «Ich kannte doch ihre Leidensgeschichten.» So blieb die Wut «schön unter dem intellektuellen Deckel». Doch heute weiss sie: «Wut ist auch Lebenskraft.» Zentral für Gewaltopfer sei es, die Opferrolle irgendwann zu verlassen: «Ich konnte nicht entscheiden, ob ich Opfer werde», sagt H.D., «aber ich kann entscheiden, ob ich Opfer bleibe.»

Dass 48 Stunden zuvor an der Berner Postgasse ebenfalls jemand überfallen worden war, erfuhr H.D. erst später von der Polizei. Aufgrund der gemeinsamen Erfahrung kam es in den folgenden Jahren zu Kontakten zwischen ihr und den Angehörigen des Postgasse-Opfers. Heute gehört H.D. dort zur Familie. Doch diesen Teil der Geschichte möchten die Beteiligten im Privaten belassen.

Die Frage, was zu tun sei gegen Jugendgewalt, beschäftigte H.D. früher als Fachfrau. Dann traf es sie persönlich. Sie bleibt dabei: «Wegsperren löst das Problem nicht. Im Gefängnis lernen die Jungen punkto Kriminalität noch dazu.

Man muss viel früher intervenieren.» Heutzutage müssten Eltern Angst haben, dass ihre Söhne im Ausgang Opfer von Gewalt werden: «Das ist doch erschreckend. Das darf doch nicht sein.»

Vor 10 Jahren

In ihrer Kurznachrichtenspalte berichtete diese Zeitung am 16.Mai 2003 lapidar: «Wie die Polizei erst gestern bekannt gab, wurden in der Nacht auf Sonntag zwei Männer in der Post- respektive in der Münstergasse zusammengeschlagen und ausgeraubt. Ein Opfer musste mit lebensgefährlichen Kopfverletzungen hospitalisiert werden. Im weiteren Verlauf der Woche verhaftete die Polizei die Täter. Die 17- bis 21-Jährigen sind geständig. Weitere Hinweise zu den brutalen Überfällen nimmt die Stadtpolizei Bern entgegen.»

Was für ein einschneidendes Ereignis der Überfall an der Postgasse am 11.Mai vor 10 Jahren war, wurde ein paar Tage später klar. Am 20.Mai 2003 zitierten die Berner Zeitungen die zuständige Untersuchungsrichterin, die von einer «absolut unglaublichen Gewaltorgie» sprach, die «neu für Bern» sei.

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