Wie die Belgier ihr Bier retten wollen

Früher gab es in Belgien fast an jeder Ecke eine Kneipe, doch diese Zeiten sind vorbei: Im Land wird immer weniger Bier getrunken. Es gibt allerdings einen Hoffnungsschimmer.

Eine der letzten kleinen, traditionellen Marken: Das belgische «Westvleteren Trappist Bier».

Eine der letzten kleinen, traditionellen Marken: Das belgische «Westvleteren Trappist Bier». Bild: Reuters

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Der rote Schriftzug an der alten Eckkneipe «In de Welkom» im belgischen Dworp ist abgeblättert und kaum mehr zu entziffern. Die Besitzerin Leza Wauters, eine agile 87-Jährige, hält an ihrem Laden fest, weiss aber nicht, wie lange sie noch durchhält: In Belgien herrscht das grosse Kneipensterben.

Jahrzehntelang waren Trinkhallen, wo die örtlichen Geuze-, Triple- oder Pilsbiere ausgeschenkt werden, beliebter Treffpunkt von Familien und Freunden. Doch inzwischen bleiben die Tische oft leer, die Gewohnheiten der Belgier haben sich verändert.

Die belgische Bierföderation versucht, dem Trend mit der Imagekampagne «Stolz auf unsere Biere» entgegenzuwirken. Dabei wird auch eine belgische Flagge gezeigt, deren mittlerer, gelber Streifen ein Glas Bier bildet.

Weniger Trinkhallen, mehr Exporte

Dabei ist der Bierkonsum in dem 10,5 Millionen Einwohner zählenden Land mit 74 Litern pro Kopf noch vergleichsweise hoch. Doch im Vergleich zu 1992 entspricht dies einem Rückgang um 27 Prozent. In praktisch jeder Ortschaft können Rentner die Stellen zeigen, an denen es früher einmal Kneipen gab. Nach Daten von Guidea, dem Forschungsinstitut der Branche, sank die Zahl der Trinkhallen von 38'128 im Jahr 1983 auf 17'512 im Jahr 2012.

Dafür trumpft das Exportgeschäft immer stärker auf. Die Ausfuhren stiegen von 5,47 Millionen Hektoliter im Jahr 2000 auf 11,69 Millionen zwölf Jahre später – damit werden mittlerweile rund zwei Drittel der Produktion im Ausland ausgeschenkt.

Sven Gatz, Leiter der belgischen Brauerföderation, sagt allerdings, dieser Trend sei nicht gut für die lokale Branche. «Man kann kein starkes Bierland sein, wenn man Bier nur exportiert», erklärt er in der goldverzierten, barocken Zentrale seiner Organisation an der Brüsseler Grand Place. Es gehe auch um die Identität und das nationale Erbe, die das belgische Bier berühmt gemacht hätten. In einem globalisierten Markt sei diese Identität wertvoll.

Die Jungen trinken lieber zu Hause

Kneipenbesitzerin Leza Wauters erinnert sich an die guten Zeiten. «Wir hatten mehr als 50 Cafés in Dworp», einem Dorf 15 Kilometer südlich von Brüssel. Die hügelige Weidelandschaft, die den Ort umgibt, und die dort gebrauten Biere tauchten bereits in den Gemälden der flämischen Künstlerfamilie Breughel im 16. Jahrhundert auf.

Inzwischen könne man die verbliebenen Kneipen an zwei Händen abzählen, sagt Wauters. Die meisten Gäste gehörten zur älteren Generation. Früher trafen sich Kartenspieler dort jeden Tag auf ein paar Bier, sagt Wauters' Enkelin Barbara Denis. Doch diese Zeiten sind vorbei.

Jüngere Menschen trinken lieber zu Hause. Sie bewegen sich mit dem Auto fort und müssen auf die Promillegrenze achten, während Gäste früherer Zeiten zu Fuss in die nächste Kneipe gingen. Auch das Rauchverbot in Gaststätten schadet dem Geschäft. Und nicht zuletzt die zunehmende Industrialisierung der Bierproduktion liess viele Belgier das Interesse an ihrem geliebten Getränk verlieren.

«In den 1960ern bis in die 80er übernahmen die Grossbrauereien die mittleren, die mittelgrossen Brauereien übernahmen die kleinen Brauer, und es gab eine Konsolidierung», sagt Föderationschef Gatz. Dies habe die Auswahl reduziert, zudem konnten sich die Menschen nicht mehr mit dem örtlichen Bräu identifizieren. Ein extremes Beispiel dafür ist Inbev, der in Belgien ansässige weltweit grösste Brauereikonzern. Zwar liegen Teile seines Ursprungs im Land selbst, doch ist er so gross geworden, dass heute die meisten seiner Marken aus dem Ausland kommen: Budweiser, Corona, Beck's.

Riesige Nachfrage nach neuen Biersorten

Aber es gibt einen – ironischerweise weltweiten – Gegentrend, der die Bierkultur wiederbeleben könnte: die Zunahme der Zahl von Gasthausbrauereien. Neben Dworp liegt Buizingen, wo Kloris Deville und sein Vater Bart aus «Den Herberg» innerhalb von sechs Jahren eine vor allem an den Wochenenden florierende Kneipe gemacht haben. Zum Teil liegt das an der angegliederten Lokalbrauerei, die sie aufgebaut haben. Bis zu einem Dutzend neuer Biere habe er gebraut, sagt Bart Deville, und die Nachfrage sei riesig.

Auch Gert Christiaens liess sich von der belgischen Biertradition leiten. Er gab seine Karriere bei einem Telekomdienstleister auf und wurde Brauer. Vor zwölf Jahren, im Alter von 25, reagierte er entsetzt, als ihm ein Wirt erzählte, dass es seine Lieblingsbiersorte bald nicht mehr geben werde, weil die Brauerei dicht gemacht habe.

«Ein paar Tage danach rief ich die Brauerei an», erzählt er. Und jetzt braut Christiaens das «Geuze Oud Beersel» selbst, hat damit schon internationale Preise gewonnen und baut sein Geschäft aus, damit es überlebensfähig bleibt. «Ich wollte nicht, dass dieses belgische Erbe verschwindet», sagt er.

Erstellt: 21.04.2014, 15:55 Uhr

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