Wie erklärt ihrs euren Enkeln?

Viele Anhänger des Klima-Schulstreiks haben kein Interesse an Greta Thunberg als Heldin. Sie wollen Antworten.

Ihr Protest schwappte auf halb Europa über: Greta Thunberg demonstriert am WEF.

Ihr Protest schwappte auf halb Europa über: Greta Thunberg demonstriert am WEF. Bild: Keystone

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Was musste diese Greta in den letzten Wochen nicht alles über sich ergehen lassen. Als «Öko-Pippi» («Bild)» bezeichneten sie die einen, als neue «Galionsfigur der Klimabewegung» («Der Bund») die anderen. Gleichzeitig argwöhnte man, das arme Kind werde von dieser Bewegung als eine «Marionette der Umweltlobby» («Weltwoche») instrumentalisiert.

Der Vorwurf der Instrumentalisierung traf auch Greta Thunbergs Eltern. Sie scheinen ihre Karrieren als Opernsängerin und Schauspieler zwar ganz den Zielen der Tochter unterzuordnen – aber sonnen sie sich nicht auch in deren Glanz? Mit ihren 16 Jahren sei Greta selber in der Lage, zu entscheiden, vor welchen Karren sie sich spannen lasse, konterten darauf die einen. Mit wilden Mutmassungen über den Gesundheitszustand der jungen Aktivistin argumentierten andere, das Mädchen brauche keine Bühne, sondern Schutz.

Und wenn alles durcheinanderschreit, sehen die Medien ihre Stunde gekommen, für Hintergrundrecherchen vor Ort zu gehen. Mit dem Effekt, dass, wo immer Greta im Rahmen ihres Besuches am WEF in Davos auftauchte, die Mikrofonstangen aus dem Boden schossen.

Und Greta? Die nahm eine 30 Stunden lange Zugreise von Stockholm nach Davos auf sich, um den Mächtigen der Welt ihre Botschaft mitzuteilen: Ihr tut nicht zu wenig, ihr tut nichts. Das Haus, in dem wir sitzen, brennt längst lichterloh. Und deshalb sollten wir nicht sorgenvoll abwägen, sondern «in Panik geraten». Das tat am WEF aber keiner. Dass sich die Weltelite von Thunberg die Leviten lesen lässt – davor bereits am UNO-Klimagipfel –, hat nicht den hehren Grund, dass es ihr wichtig wäre, mit jungen Menschen über die Zukunft unserer Lebensgrundlagen zu sprechen.

Anders als Pippi hat Greta keine Superkräfte.

Die Wahrheit ist, dass sich die Eliten so den Nimbus geben, der jungen Aktivistin zuzuhören, ohne dass sie ihnen gefährlich werden könnte. Denn anders als die richtige Pippi hat Greta keine Superkräfte. Greta hat vielmehr den Jö-Effekt. Dass sich Greta gemäss eigenen Angaben seit vielen Jahren mit dem Klimawandel auseinandersetzt und kein kleines Mädchen mehr ist, sondern mit ihren 16 Jahren eine Jugendliche, interessiert wenig. Interessieren tut hingegen Gretas Making-of vom depressiven Kind mit Asperger-Syndrom zum unerschrockenen Weltstar.

Greta Thunberg wird damit zur Heldin stilisiert – ihre Anliegen aber werden diskreditiert. Denn Helden hatten immer schon eine zwielichtige Funktion: Einerseits ist der Held attraktiv. Er vertritt eine Sache, die grösser ist als er selbst. In seinem Kampf ist er opferbereit und kompromisslos. In einer Zeit, in der alles nach mehr Haltung lechzt, sich aber in erster Linie in Anpassung und Geschmeidigkeit üben muss, um im Dauerwettbewerb mithalten zu können, ist die Kompromisslosigkeit des Helden erst recht bewundernswert.

Anderseits scheinen uns Heldenfiguren gerade darin unerreichbar. Und weil wir immer schon wissen, dass wir nie tun werden, was sie fordern, nutzen wir sie für Externalisierungsmanöver des schlechten Gewissens. Wir zelebrieren Martin Luther King, aber der Rassismus in den eigenen Reihen interessiert uns nicht. Wir feiern Mutter Teresa, aber den eigenen Reichtum möchten wir gern behalten. Wir jubeln Greta zu und gehen zur Tagesordnung über.

Freilich nicht alle. Gretas Schulstreik schwappte auf halb Europa über, erreichte Australien, Kanada und die USA. Auch in der Schweiz blieben Kinder und Jugendliche an den «Fridays for Future» der Schule fern und mobilisierten am Samstag allein in Zürich weit über 10000 Demonstrierende. Viele unter ihnen haben kein Interesse an Greta als Heldin, sondern wollen Antworten auf Fragen wie diese: «Wie erklärt ihrs euren Enkeln?»

Sich diese Frage zu stellen, hat nichts Heldenhaftes, sondern ist schlicht und einfach unsere Pflicht. Vielleicht reagieren einige so empört auf Greta, weil sie uns schonungslos daran erinnert.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 05.02.2019, 13:31 Uhr

Barbara Bleisch

Dienstagskolumne

Die Philosophin Barbara Bleisch schreibt abwechselnd mit Laura de Weck, Michael Hermann und Rudolf Strahm.

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