Wie lebt man ohne Geld?

Bruder Mathias Müller hat sich ganz der Armut verschrieben. «Kein Geld zu haben, macht mich reich», sagt der Franziskaner.

«Die Versuchung ist ja immer da»: Bruder Mathias Müller gehört seit elf Jahren dem Franziskaner-Orden an. Foto: Dominique Meienberg

«Die Versuchung ist ja immer da»: Bruder Mathias Müller gehört seit elf Jahren dem Franziskaner-Orden an. Foto: Dominique Meienberg

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Bruder Mathias, als Franziskaner haben Sie kein Konto und kein Geld. Wenn Sie Lust auf eine Glace haben, können Sie sich nicht einfach eine kaufen.
Na ja, ganz ohne Geld, das würde zwar unserem Ideal entsprechen, aber so streng leben wir dem doch nicht nach. Ich habe heute einem Mitbruder aus dem Ausland das Grossmünster gezeigt. Da habe ich sicherheitshalber etwas Geld in die Stadt mitgenommen, weil ich dachte, für den Turm muss man Eintritt bezahlen. Das ist ja aber nicht so.

Aber sonst haben Sie kein Geld im Sack.
Wirklich nur ausnahmsweise.

Wenn ich Ihnen für dieses Interview hundert Franken bezahlen würde …
… dann würde ich es dankbar annehmen und in unsere Kasse für die Mission in Afrika legen. Schon vor meinem Eintritt in den Orden hat Geld für mich immer weniger eine Rolle gespielt. Ich konnte ohne Portemonnaie in ein Warenhaus gehen, mir all die Dinge anschauen, und ich kam dann, ohne etwas zu kaufen, wieder heraus. Ich brauche kein Geld, und ich brauche auch gar nichts zu konsumieren. Das macht einen Ladenbesuch viel unbeschwerter. Für mich ist das eine unglaubliche Freiheit.

Von Dostojewski stammt das Zitat: «Geld ist geprägte Freiheit».
Das stimmt schon auch. Und es macht natürlich einen grossen Unterschied, ob ich freiwillig auf Geld verzichte oder ob ich arm geboren bin. Es wäre auch sehr gefährlich, die Armut zu romantisieren.

Bei Ihnen ist es freiwilliger Verzicht. Wie leben Sie im Alltag?
Ich weiss ja, für mich ist gesorgt. Hier in der Gemeinschaft bekomme ich zu essen, im Chrischtehüsli, einer Anlaufstelle für Randständige, wo ich arbeite, gibt es warme Mahlzeiten. Die Miete und die Krankenkasse werden für mich bezahlt, für alle Grundbedürfnisse kommt der Orden auf. Lust auf eine Glace? Ich verzichte eben.

Fällt Ihnen das leicht?
Das Schöne ist ja: Immer wieder wird einem etwas geschenkt. Da gibt es Werbeaktionen, bei denen Warenmuster ausgegeben werden, oder jemand gibt mir spontan einen Apfel. Wenn du dir selber nicht einfach kaufen kannst, worauf du Lust hast, bist du auch viel offener für Geschenke von anderen.

Damit kommt man durchs Leben?
Kürzlich war ich in Assisi. Ein Mitbruder und ich beschlossen, ganz ohne Geld in die Schweiz zurückzureisen. Wir sagten uns: Wir vertrauen auf Gott, er wird uns geben, was wir brauchen. Und tatsächlich: Leute haben uns mitgenommen und uns extra in ein Kloster gebracht, sie haben uns Geld in die Hand gedrückt oder zu einer Pizza eingeladen. Sicher, manchmal standen wir stundenlang am Strassenrand, niemand hielt an, dunkle Wolken zogen auf, und wir wussten nicht, ob wir nächste Nacht irgendwo unterkommen werden. Da kommt man dann doch ins Grübeln.

«Eine Lebensweise, die ganz auf Verzicht und auf Einfachheit ausgerichtet ist, tut sicher uns allen gut.»Bruder Mathias Müller

Aber es hat geklappt.
Ja. Und es war schliesslich eine schöne Erfahrung. Wie gesagt, ganz so radikal wie Ordensgründer Franziskus kann ich nicht leben. Aber ich versuche immer wieder, mich dem Ideal anzunähern.

Gab es Momente in Ihrem Leben, in denen Sie froh waren, Geld zu besitzen?
Ich bin in einer Bauernfamilie im Luzernischen aufgewachsen. Da war es so: Wenn wir drei Kinder auf dem Hof und im Haushalt mitgeholfen haben, und nur dann, bekamen wir Sackgeld. Mir damit einen Wunsch zu erfüllen, das hat Freude gemacht. Und ja: Das Geld gab mir Unabhängigkeit.

Sie haben dann Politologie studiert …
… und immer war es mir wichtig, finanziell unabhängig zu sein. Ich habe neben dem Studium immer etwas dazuverdient, habe Zeitungen ausgetragen, im McDonald’s gearbeitet und in einem Callcenter.

Dann sind Sie nach Russland gegangen. Sie waren ein Expat.
Ja, aber ich habe nicht gelebt wie ein klassischer Expat, mit grossem Lohn und abgeschottet. Wenig Geld zu haben, habe ich schon damals als Vorteil empfunden. So habe ich gelebt wie die anderen Russen auch, habe in billigen Beizen verkehrt, im Zug bin ich in der billigsten Klasse gereist, im grossen Gemeinschaftsschlafwagen. Der Kontakt zu den Menschen war so viel enger, und ich bin froh darum.

Fühlen Sie sich in Ihrer Freiheit vom Materiellen dem Fotografen und mir überlegen? Wir brauchen ja das Einkommen aus unseren Jobs.
Hmmm. Überlegen ist das falsche Wort, aber ich bin dankbar, dass ich da bin, wo ich heute bin. Und ich muss zugeben: Ich bin privilegiert, weil ich durch den Orden abgesichert bin. Darum kann ich nicht vom hohen Ross herunter über andere urteilen, die ihre Familie durchbringen müssen und deshalb auf Arbeit, auf Geld angewiesen sind.

Franziskus hat gespürt, dass Geld eine Bedrohung für uns ist. Er hat gesagt, Geld sei wie Pferdemist.Bruder Matthias Müller

Wäre Ihre Lebensart für uns alle gut?
Eine Lebensweise, die auf Verzicht und auf Einfachheit ausgerichtet ist, tutsicher uns allen gut. Nicht immer die neuesten Kleider kaufen, nicht an den exotischsten Orten Ferien machen …

Das sind persönliche Entscheide.
Ja, aufzwingen kann man das niemandem. Gut ist es, wenn man die Erfahrung machen durfte, dass etwas, was zuerst als Verzicht erscheint, einem die Augen öffnet dafür, was uns jeden Tag geschenkt ist.

Für Sie ist also die selbst gewählte Armut kein Verzicht; Sie haben sich dich dazu hingezogen gefühlt.
Genau. Ich empfinde den Verzicht als Bereicherung, und kein Geld zu haben, macht mich reich.

Aber Sie und der ganze Orden sind abhängig von den Spenden derjenigen, die Geld verdienen.
Nun, es gibt in jeder Gemeinschaft auch immer Brüder, die für einen Lohn arbeiten oder eine AHV beziehen. Ihre Einkünfte fliessen dann in die Gemeinschaftskasse. Aber es stimmt, dass die Franziskaner versuchen, davon zu leben, was uns die Leute geben – und selbst möglichst arm und besitzlos zu sein. Wobei das natürlich ein Ideal ist, das wir nie ganz erreichen. Aber es ist wichtig, nicht zu vergessen, dass wir abhängig sind.

Warum?
Da käme die Tendenz auf, uns als erhaben zu fühlen über die anderen, die uns das Leben in Armut ermöglichen.

Franziskus lebte im 12. Jahrhundert, als die Geldwirtschaft aufkam.
Ich denke, das ist kein Zufall. Franziskus hat gespürt, dass Geld eine Bedrohung für uns ist. In den Ordensregeln legte er fest, dass wir alles annehmen dürfen, aber ja kein Geld. Er hat gesagt, Geld sei wie Pferdemist.

Da war er radikal.
Ja, das war regelrecht anstössig, damals, als die Kirche so mächtig und reich war. Franziskus galt als Spinner. Aber er muss einen Nerv getroffen haben. Viele fühlten sich von der Idee der Armut angezogen, gerade Menschen aus reichen Kreisen. Aber nach dem Tod von Franziskus gab es oft Streit, ob wir dem Ideal so radikal nachleben sollen, ob wir Geld annehmen sollen oder nicht.

Alle sind dazu aufgerufen, einen Beitrag zu leisten.Bruder Matthias Müller

Verdirbt Geld den Charakter?
Der Einfluss des Geldes auf unser Leben ist nicht zu unterschätzen. Auch wir Franziskaner sind nur Menschen. Die Versuchung ist ja immer da – etwa wenn ein Bruder eine reichere Verwandtschaft hat als andere und hin und wieder etwas zugesteckt erhält, das er dann nicht abgibt. Und schon entwickelt sich eine Hierarchie von solchen, die mehr haben, und solchen, die weniger haben.

Spüren Sie die Versuchung?
Es kommt schon vor, dass ich etwas Schönes zugesteckt erhalte und denke: Könnte ich das nicht für mich behalten? Das beginnt im Kleinen. Ich bin mir dessen bewusst und gebe alles ab, was ich erhalte. Wenn ich etwas brauche, gehe ich zum Ökonomen unserer Gemeinschaft, er verwaltet die Kasse.

Wir haben über das Grundeinkommen abgestimmt, eine Rente für jedermann, die allen ein bescheidenes Leben ermöglichen würde. Ist das ein denkbares Gesellschaftsmodell?
Oh, das ist schwierig! Dafür spricht sicher, dass es die ganze Bürokratie, die mit unserem Sozialsystem verbunden ist, nicht mehr brauchen würde. Andererseits denke ich, die Leute wären sich dann gar nicht mehr bewusst, woher das Geld eigentlich kommt. Ich glaube, das würde eine gewisse Trägheit fördern.

Was wäre, wenn die Abhängigkeit, von der Sie gesprochen haben, wegfiele?
Das könnte dazu führen, dass man sich nicht mehr überlegt, woher das Geld eigentlich kommt, und dass es Leute gibt, die es zuerst verdienen müssen. Alle von uns sind schliesslich dazu aufgerufen, unseren Beitrag zu leisten.

Erstellt: 29.07.2019, 18:07 Uhr

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Im Bettelorden

Mathias Müller hat sich nach dem Studium und einem Aufenthalt in Russland mit 30 Jahren zum Eintritt in den Franziskaner­orden entschieden. Er ist heute 41-jährig und lebt in einer Franziskanergemeinschaft in der Zürcher Innenstadt. Er arbeitet in einer christlichen Anlaufstelle für Randständige und leitet den Missionsverein der Schweizer Franziskaner. (ese)

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