Wie man IKRK-Delegierter wird

Die Delegierten-Stellen des IKRK sind begehrt – und schwer zu bekommen. Die besten Chancen auf die gefährlichen Jobs in den Krisengebieten der Welt haben Sprachtalente.

IKRK-Delegierte müssen in schwierigen Situationen kühlen Kopf bewahren wie hier im Südlibanon 2006.

IKRK-Delegierte müssen in schwierigen Situationen kühlen Kopf bewahren wie hier im Südlibanon 2006. Bild: Ben Curtis (AP Photo)

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Durchschnittlich 80 neue Delegierte sucht das Internationale Komitee vom Roten Kreuz (IKRK) jedes Jahr. Sie werden vor allem in Krisenregionen geschickt, setzen sich dort für den Schutz der Zivilbevölkerung ein, organisieren Lebensmittel- und Gesundheitsversorgung, kümmern sich um Familien, deren Angehörige vermisst werden, besuchen Kriegs- und politische Gefangene. Eine fordernde und für viele psychisch und physisch aufreibende Arbeit.

Der Minimallohn für neue Delegierte liegt bei 5500 Franken. Welcher Krisenregion sie zugeteilt werden, darauf haben sie keinen Einfluss. Dennoch übersteigen die Bewerbungen die Anzahl Stellen bei weitem. «Menschen helfen zu können, ist sicher ein Bestandteil der Anziehungskraft, die der Job ausübt», erklärt Florence Sechaud, die beim IKRK die Rekrutierung leitet.

Als Konvoi-Fahrer begonnen

Doch der Wunsch zu helfen allein bringt einen nicht durch das mehrstufige Bewerbungsverfahren. Ebenso wenig die Faszination für fremde Länder und Kulturen. Die Liste der Voraussetzungen für Delegierte ist lang: Mindestalter 25, Universitätsabschluss oder gleichwertige Ausbildung, zwei Jahre Berufserfahrung, Fahrausweis, drei Sprachen. Ausserdem sollte man offen sein, schwierige Situationen meistern können und, und, und.

Entsprechend gelten die Delegierten-Jobs als kaum erreichbar. Doch auch wenn der typische erfolgreiche Bewerber einen Masterabschluss (meist in Politikwissenschaften oder Internationalen Beziehungen) und bereits Arbeitserfahrung im Ausland hat, relativiert Sechaud: «Einer unserer Delegationsleiter hat als Konvoi-Fahrer begonnen. Wer sich mit unserer Arbeit auseinandersetzt und sich als Delegierter sieht, sollte sich bewerben.» Manche schafften es nicht im ersten, aber im zweiten Versuch. Ziel des IKRK sei es, jungen Leuten langfristig interne Karrieremöglichkeiten zu bieten.

Drei Sprachen sind ein Muss

Nach der Onlineregistrierung, die laut Sechaud manchmal «etwas schwierig ist, weil technische Fehler auftreten können», wird entschieden, ob der Bewerber grundsätzlich infrage kommt. Hier gebe es Spielraum: «Wenn jemandem die zwei Jahre Berufserfahrung fehlen oder er noch nicht ganz 25 ist, aber ein Sprachtalent, kommt er vielleicht trotzdem eine Runde weiter.»

Sprachen sind elementar. «Die Leute müssen sich im Einsatzland schnell zurechtfinden, Dynamiken erfassen, sich mit Parteien, Traditionen und Kulturen auseinandersetzen. Dazu ist es zwingend, die Sprache gut zu beherrschen», erklärt Sechaud. Damit die Delegierten möglichst flexibel einsetzbar sind, verlangt das IKRK ein Minimum von drei Sprachen. Sie werden in diversen Tests geprüft. Wer diese besteht, wird in einem einstündigen Interview nach der genauen Motivation und den Interessen gefragt, nach bisherigen Erfahrungen und Vorstellungen, etwa zum Thema Neutralität.

Mittagessen unter Beobachtung

Die verbleibenden Kandidaten werden in Achtergruppen zu einer eintägigen Beurteilung eingeladen. Unter der Beobachtung von fünf IKRK-Leuten lösen sie allein und in Gruppen mündliche und schriftliche Aufgaben, werden in Rollenspielen in Situationen «im Feld» versetzt – und selbst während des Mittagessens nicht aus den Augen gelassen. Ein anstrengender Tag fast ohne Verschnaufpause. «Stress ist ein Bestandteil des Delegierten-Jobs», erklärt Sechaud den Druck. Die Bewerber unterschreiben auch, dass sie die Gefahren ihres «Traumjobs» kennen: So könnten sie bei Einsätzen verletzt, gar getötet werden.

An diesem Tag spielen Teamwork, Durchsetzungsvermögen und Lösungsorientiertheit eine Rolle. Unter anderem. Worauf genau die Beobachter ein Auge haben, will Sechaud nicht preisgeben. «Ob wir jemanden für geeignet halten, entscheiden wir zu fünft, wobei persönliche Eindrücke, Einschätzungen und Beobachtungen ausschlaggebend sind.» Manchmal schaffen es alle – manchmal keiner. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 27.08.2012, 11:53 Uhr

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