Wie man Kinder vom Naschen abhält

Zucker birgt ein hohes Suchtpotenzial. Kinder sollten deshalb früh einen massvollen Umgang mit Süssem lernen. So gehts.

Weniger als zehn Prozent des täglichen Energiebedarfs sollte in Form von Zucker aufgenommen werden, empfiehlt die WHO: Ein Mädchen geniesst ein Glace. Foto: Getty Images

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Ob Gummibärchen, Schokoladeneis oder Kuchen: Die meisten Kinder können von Süssigkeiten nicht genug bekommen. Die Vorliebe dafür ist angeboren und macht evolutionsbiologisch durchaus Sinn. Unseren Vorfahren, den Jägern und Sammlern, signalisierte der süsse Geschmack, dass es sich um eine ungiftige und energiereiche Nahrung handelt. Letzteres war in Zeiten von Nahrungsknappheit ein Segen.

So sehr Kinder Süssigkeiten lieben – Eltern sind davon weniger angetan. Sie fürchten, zu viel Zucker schade ihrem Sprössling. Kein Wunder, sind Süssigkeiten oft ein Streitthema in der Familie. Das Argument, zu viel Zucker sei ungesund, leuchtet Kleinkindern nicht ein. «Kinder interessieren sich nicht dafür, ob etwas gesund ist oder nicht», sagt Nicole Meybohm vom Berufsverband Ernährungs-Psychologische Beratung Schweiz. «Wichtig ist ihnen nur, obs schmeckt.»

Dazu kommt, dass nicht mal die Experten genau wissen, ab welchen Mengen Süsses zur Gesundheitsgefahr wird. Es gibt jedoch grobe Richtlinien, die Ernährungsfachleute aufgestellt haben. Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) empfiehlt, nicht mehr als zehn Prozent des täglichen Energiebedarfs in Form von Zucker aufzunehmen. Das wären bei einem fünfjährigen Kindergartenkind rund 150 Kalorien, also zum Beispiel etwa fünf Stückchen Vollmilchschokolade oder drei Teelöffel Nuss-Nougat-Creme. Nicht mitgezählt ist dabei der versteckte Zucker, der im täglichen Essen steckt (siehe Text rechts). «Vor allem Fertigprodukte sind versteckte Zuckerfallen», sagt Nicole Meybohm.

Für manche Eltern mag die 10-Prozent-Vorgabe der WHO übertrieben sein, zumal viele Erwachsene sich selbst nicht daran halten. Sicher ist: Zucker sollte massvoll genossen werden.

Enthält viel versteckten Zucker: Ein Mädchen füllt ihr Glas mit Fruchtsaft. Foto: Getty Images

Den Kindern das Schleckzeug einfach zu verbieten, halten Experten für keine gute Idee. «Das oberste Ziel muss sein, Süssigkeiten nicht zu einem dominierenden Thema zu machen», sagt Dagmar Pauli von der Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie der Psychiatrischen Universitätsklinik Zürich. «Ein absolutes Verbot wirkt dem entgegen, indem es Süssigkeiten noch interessanter macht und die Lust danach steigert.» Manche Eltern umgehen ein Verbot, indem sie keine Süssigkeiten vorrätig haben. Auch das findet die Ärztin Dagmar Pauli nicht ideal. «Hier besteht die Gefahr, dass sich die Kinder auf das Schleckzeug stürzen, sobald sie mal woanders sind.»

Wie kontraproduktiv Verbote sind, zeigt auch eine Studie der Maastrichter Universität in den Niederlanden. 70 Kinder im Alter von fünf bis sieben Jahren bekamen Ananasstücke, Bananenstücke, Schokolade und Fruchtgummi vorgesetzt. Ein Drittel der Kinder durfte von allem naschen, ein Drittel nur vom Obst und ein Drittel nur von den Süssigkeiten. In einer zweiten Phase konnte jedes Kind konsumieren, was es wollte. Kinder, die anfangs nur Früchte nehmen durften, griffen vermehrt nach den Süssigkeiten – und Kinder, die im ersten Teil nur Süssigkeiten bekamen, stürzten sich vorwiegend aufs Obst. Diejenigen Kinder aber, die von Beginn weg alles essen konnten, naschten insgesamt am wenigsten.

«Eine gute Idee ist es, dem Kind ein Kontingent an Süssigkeiten zu geben, über das es frei verfügen kann.»Nicole Meybohm, Ernährungs-Psychologische Beraterin

Sollten Eltern also den Kindern am besten gar nichts vorschreiben, wenn es um Süssigkeiten geht? Das komme aufs Kind an, sagt Nicole Meybohm. «Es gibt Kinder, die keinen grossen Drang nach Süssem haben. Andere wiederum lechzen danach.» Grundsätzlich sei es sinnvoll, das Schleckzeug so aufzubewahren, dass die Kinder es nicht ständig vor der Nase hätten. Ansonsten empfiehlt sie, den Süssigkeitenkonsum des Nachwuchses nur wenig zu regulieren, damit das Kind in einem festgesteckten Rahmen selbst Verantwortung übernehmen kann. «Eine gute Idee ist es, dem Kind ein definiertes Kontingent an Süssigkeiten zu geben, über das es frei verfügen kann.» Das könne bei einem Schulkind heissen, dass es jede Woche z. B. fünf Portionen aus seiner eigenen Süssigkeitenschüssel nehmen dürfe. «Ob es das Schleckzeug auf einmal isst oder über die Woche verteilt, wird dem Kind überlassen.» Nicole Meybohm, selbst Mutter von zwei Kindern, macht mit dieser Regelung seit einigen Jahren gute Erfahrungen.

Süssigkeiten als Tröster

Wichtig ist auch, Süssigkeiten nicht als Belohnung einzusetzen. «Wenn Eltern ihrem Kind ein Bonbon geben, weil es sein Zimmer aufgeräumt hat, verstärken sie damit seine Vorliebe für Süsses», erklärt die Kinderpsychiaterin Dagmar Pauli. Das Kind lerne, sich auch später als Erwachsener mit Süssigkeiten zu belohnen. Ebenso sollte den Kindern nicht gesagt werden, dass es das Dessert nur gebe, wenn das Gemüse aufgegessen werde. «Denn so wird das Gemüse zur Strafe und das Dessert zur Belohnung.»

«Setzen Eltern oft Süssigkeiten als Trostpflaster ein, fördern sie beim Kind das sogenannte Frustessen.»Dagmar Pauli, Kinderpsychiaterin

Auch als Tröster eignet sich Süsses nicht: «Schlägt sich ein Kind das Knie auf und weint, braucht es kein Bonbon, sondern eine Umarmung oder tröstende Worte seiner Bezugsperson», sagt Dagmar Pauli, die auf die Behandlung von Essstörungen spezialisiert ist. «Setzen Eltern oft Süssigkeiten als Trostpflaster ein, fördern sie beim Kind das sogenannte Frustessen, um sich zu beruhigen und Spannungen zu lösen.»

Manchmal kann auch Langeweile der Grund sein, weshalb Kinder nach Süssem verlangen. «Kinder müssen nicht nonstop beschäftigt sein, Langeweile zu erleben und auszuhalten, ist eine sinnvolle Erfahrung», sagt Nicole Meybohm. «Hier sollten Eltern ihrem Nachwuchs helfen, mit der Langeweile umzugehen.» Möglich sei auch, dass Kinder die Aufmerksamkeit ihrer Eltern wollen, wenn sie ein Theater um Süssigkeiten machen. «Dann hilft es, sich dem Kind zuzuwenden.»

Vorbildfunktion der Eltern

Wie ein Kind mit Süssigkeiten umgeht, hängt auch stark von den Eltern ab. «Die Haltung, dass Süssigkeiten nur eine nette Kleinigkeit nebenbei sind, können Eltern vorleben», sagt die Ärztin Dagmar Pauli. Auch Nicole Meybohm findet die Vorbildfunktion der Eltern wichtig, «wenn ich als Mutter ständig Süssigkeiten esse, ist es wenig glaubwürdig, wenn ich meinen Kindern dazu Vorschriften mache». Genauso problematisch sei es, wenn eine Mutter ständig Kalorien zähle, täglich auf die Waage stehe und sich und ihren Kindern keinerlei Süssigkeiten gönne. Oder wenn der Vater immer zu Süssigkeiten greife, sobald Stress oder Langeweile aufkomme. «Es besteht die Gefahr, dass die Kinder dieses Verhalten nachahmen.»

Süsse Alternative: Ein Kind beisst in einen Apfel. Foto: Getty Images

Fragen Kinder nach Süssigkeiten, kann es sich lohnen, Alternativen wie Früchte oder geschnittenes Gemüse anzubieten. «Peperoni und Rüebli sind ziemlich süss, manchmal reicht das aus, um süsse Gelüste zu stillen», sagt Nicole Meybohm. Sie empfiehlt zudem, auf einen guten Essensrhythmus zu achten, also genügend regelmässige Mahlzeiten am Familientisch einzuplanen. Entscheidend sei zudem eine ausgewogene Zusammensetzung des Essens. Ein Znüni oder Zvieri enthält idealerweise auch langsame Kohlenhydrate aus Vollkorngetreide und Eiweisse, die lange satt machen. Als Beispiel nennt die Ernährungs-Psychologische Beraterin eine Scheibe Vollkornbrot mit Käse oder ein Glas Milch. «Damit lässt sich der Heisshunger auf Süsses oft etwas abfedern.»

* Dieser Artikel erschien erstmals im Juni 2018 in der Schweizer Familie. Zum Start des neuen Jahres publizieren wir ausgewählte Texte nochmals. (Schweizer Familie)

Erstellt: 03.01.2019, 18:30 Uhr

Das sind die Zuckerfallen

Eltern unterschätzen den Zuckergehalt von Lebensmitteln wie Cola, Joghurt, Müesli oder Pizza oft massiv. Das hat eine deutsche Studie, an der das Max-Planck-Institut beteiligt war, ergeben. Wer auf Nummer sicher gehen will, wirft am besten einen Blick auf die Nährwerttabelle der Verpackung, um zu erfahren, wie viel Zucker im Lebensmittel steckt. Nachfolgend ein Überblick über häufige Zuckerfallen.

Müesli und Müesliriegel
Viele Eltern meinen, ein Müesli sei ein gesundes Frühstück. Doch Müeslimischungen sind oft Zuckerbomben. Viele enthalten 20 oder mehr Gramm Zucker pro 100 Gramm. Deshalb lohnt es sich, Müesli selbst zuzubereiten. Dazu braucht es lediglich einige Löffel ungezuckerte Getreideflocken, Nature-joghurt oder Milch und etwas frisches Obst.

Getrocknete Früchte und Dosenobst
Bananen gelten als Zuckerfallen. Doch verglichen mit Dörrfrüchten enthalten sie gar nicht so viel Zucker. Eine Banane (ca. 120 Gramm) hat etwa 20 Gramm Zucker, in Dörrobst hingegen können bis zu 70 Gramm pro 100 Gramm Zucker stecken. Bei Dosenobst wie Ananas oder Pfirsichen kommen auf 100 Gramm etwa 15 Gramm Zucker.

Fertigsaucen
Fertigsaucen wie Tomaten- oder Barbecuesauce oder Salatdressings sind oft stark gesüsst. Manche Barbecuesaucen zum Beispiel bestehen zu einem Drittel aus Zucker.

Fruchtsäfte und Smoothies
Ein Orangensaft zum Frühstück gehört für viele dazu. Die wenigsten wissen, dass sich in manchen Orangensäften fast gleich viel Zucker verstecken kann wie in Cola. Auch andere Fruchtsäfte und Smoothies sind Zuckerbomben.

Fruchtjoghurt
Auch Fruchtjoghurts gehören eher in die Süssigkeitenabteilung. Bis zu acht Stück Würfelzucker können in einem Becher Himbeer-, Vanille- oder Schoggijoghurt stecken. Eine bessere Wahl sind Naturejoghurts, diese enthalten meist nur wenige Gramm Zucker pro 100 Gramm.

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