Wie man sich richtig entschuldigt

Das Beispiel Andreas Glarner zeigt: Die meisten Entschuldigungen sind nicht wirklich ernst gemeint.

SVP-Nationalrat Andreas Glarner entschuldigte sich bei der angeprangerten Lehrerin – und fügte ein «Aber» hinzu. Video: Tele Züri

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

«Ich möchte mich bei der Lehrerin entschuldigen in aller Form, ich möchte um Entschuldigung bitten. Das war nicht korrekt, und ich hoffe, dass es ihr wieder gut geht und dass sie wieder Schule geben kann. Es tut mir wirklich leid. Aber, und jetzt kommt halt der zweite Teil (…)» Mit diesen Worten bat SVP-Nationalrat Andreas Glarner unlängst eine Zürcher Lehrerin, die er zuvor diffamiert hatte, um Entschuldigung.

Frage: War dies eine ernst gemeinte Bitte um Entschuldigung? Sicher tat es Glarner leid. Es war ja auch dumm von ihm gewesen. Es hatte ihm einen Shitstorm eingebracht. Es hatte ihm einen derartigen Shitstorm eingebracht, dass er gezwungen war, sich öffentlich am Fernsehen zu entschuldigen. Gibt es eigentlich ein Fachwort für Entschuldigungen, um die man bittet, weil man muss? Nennen wir sie «Druckentschuldigungen». Dass Glarner sich also genötigt sah, eine solche Druckentschuldigung zu machen, ja, das bereute er sicher. Das tat ihm aufrichtig leid. Er tat sich selbst leid. Und die Frau? Sie tat ihm eher nicht leid.

Der Grund, warum man das mit ziemlich grosser Sicherheit sagen kann, ist das kleine Wort «aber». Sobald man «aber» sagt, ist es keine Entschuldigung mehr. Die Bitte um Verzeihung mündet mit einem «Aber» in eine Rechtfertigung, und es beginnt eine der unsympathischsten und aussichtslosesten zwischenmenschlichen Kommunikationsformen. Denn wir erkennen Rechtfertigungen schneller als Drogenhunde Marihuana. Wir spüren, dass es dem anderen nicht wirklich leidtut. Dass er sich rausreden will, schlimmer noch: dass er auf eine manipulative Art uns die Schuld dafür gibt, dass er sich bei uns entschuldigen muss.

Wir fürchten, dass ein Schuldeingeständnis uns als Schwäche ausgelegt wird. 

Ganz unabhängig von Andreas Glarner kann man festhalten: Offenbar ist es etwas vom Schwersten, ohne Wenn und Aber zu sagen: «Entschuldigung, ich habe einen Fehler gemacht.» Etwas, das kaum auszuhalten ist. Es ist so schwierig, weil es bedeutet, die volle Verantwortung für sein Tun zu übernehmen. Ohne Hintertür, ohne Gegenangriff, ohne Verweis darauf, dass man einfach nur fürchterlich missverstanden worden sei.

Die tiefer liegenden Gründe, warum wir uns nicht gern entschuldigen, sind komplex: Wir fürchten, dass ein Schuldeingeständnis uns als Schwäche ausgelegt wird. Also starten wir mit dem «Aber» einen Gegenangriff und glauben, dadurch Stärke zu signalisieren. Manche gehen noch weiter und geben Fehler erst gar nicht zu, sondern beharren trotzig auf ihrer Position, im Glauben, überzeugt und unangreifbar zu wirken.

Und tatsächlich wurde nachgewiesen, dass Menschen, die sich seltener entschuldigen, über ein höheres Selbstwertgefühl verfügen. Es fühlt sich anscheinend besser an auszublenden, dass wir jemanden verletzt haben, als die eigene Schuld einzugestehen und um Verzeihung zu bittet (kein Wunder, dies nur am Rande, dass Männer seltener als Frauen das Gefühl haben, sich entschuldigen zu müssen).

Aber was für eine Art von Selbstwertgefühl ist das, wenn man glaubt, sich nicht entschuldigen zu müssen? Wie gut geht es einem wirklich, wenn man es nicht für nötig hält, sich zu entschuldigen? Um es kurz zu machen: Was nützt ein grosses Selbstwertgefühl, wenn man ansonsten ein Arschloch ist? Und da ist noch mehr: Hat nicht jeder, der sich schon einmal aufrichtig entschuldigt hat, eine ganz andere Erfahrung gemacht? Nämlich die, dass etwas zu bedauern und sich dafür zu entschuldigen, nicht heisst, an Stolz zu verlieren, sondern an Grösse zu gewinnen.

Aber wie soll man sich nun entschuldigen? Zunächst mal kann man sich nicht selber entschuldigen, man kann nur um Entschuldigung bitten. Der Duden schreibt zum Verb «sich entschuldigen»: «jemanden wegen eines falschen Verhaltens o. Ä. um Verständnis, Nachsicht, Verzeihung bitten». Im alltäglichen Sprachgebrauch allerdings benutzen wir das Wort umgekehrt. In «ent-schuldigen» steckt ja, «sich von einer Schuld lossagen», also sich selber aktiv von der eigenen Schuld und Verantwortung befreien. Wir glauben, dass wir unser Fehlverhalten durch ein simples «Entschuldigung» selber wiedergutmachen können. Und wenn das Gegenüber nicht darauf eingeht, die Entschuldigung nicht annimmt, dann glauben wir uns plötzlich im Recht und sagen Sachen wie: «Ich habe mich doch schon entschuldigt!»

Im Grunde genommen sollten wir nicht sagen: «ich ent-schuldige mich», sondern: «ich ver-schuldige mich», also keine Bitte um Entschuldigung vorbringen, sondern ein ehrliches Bekenntnis der eigenen Schuld. Ohne Einschränkung, ohne Erklärung und vor allem ohne Rechtfertigung. Danach liegt es am anderen. Denn uns entschuldigen, also uns vergeben oder sogar unsere Tat verzeihen, das kann nur der andere. Obwohl es befreiend und oft auch hilfreich für eine Beziehung sein kann, vom anderen Verzeihung zu erlangen, ist die Bitte «Kannst du mir verzeihen?» nicht unbedingt der richtige Weg.

Denn wer um Vergebung bittet, denkt an sich, der will sein eigenes Gewissen erleichtern. Menschen sind aber keine Beichtstühle. Wenn Sie jemanden verletzt haben, geht es nicht um Sie und Ihr Gewissen, sondern um die andere Person und ihren Schmerz. Was man sonst tun kann? Sagen, dass man sein eigenes Verhalten bedauert: «Es tut mir leid.» Aber wie sagt man das richtig?

Sagen Sie nicht: «Es tut mir leid, dass deine Gefühle verletzt wurden.» Denn das heisst so viel wie: Ich habe daran keinen Anteil. Sagen Sie auch nicht: «Es tut mir leid, falls ich deine Gefühle verletzt haben sollte.» Denn das heisst: Eigentlich kann ich mir nicht vorstellen, dass deine Gefühle verletzt wurden, und wenn doch, bist du überempfindlich.

«Am Abgrund der deutschen Geschichte und unter der Last der Millionen Ermordeten tat ich, was Menschen tun, wenn die Sprache versagt.» Willy Brandt über seinen Kniefall von Warschau 1970. Foto: Keystone

Sagen Sie, wie es ist: «Es tut mir leid, dass ich deine Gefühle verletzt habe.» Betonen Sie, dass Sie die Sache verursacht haben, und sagen Sie auch, was genau Sie falsch gemacht haben, damit das Gegenüber versteht, dass Sie verstanden haben. Der kurze Satz: «Es tut mir leid» ist gut. Wenn Sie aber die Tendenz haben, sich ständig und für alles zu entschuldigen, hat das den gleichen Effekt wie übertriebene Komplimente: Sie verlieren ihre Wirkung. Wir alle kennen jemanden, der ständig um Entschuldigung bittet, weil er Dissonanzen nicht aushält. Und auch mindestens einen, der gelernt hat, dass man ihm alles durchgehen lässt, wenn er sich bloss entschuldigt.

Wichtiger als Worte, Sie werden es ahnen, sind deshalb Taten. Die bereits erwähnten Forscher der University of Ohio untersuchten die entscheidenden Faktoren einer erfolgreichen Entschuldigung. Die wichtigsten: Eingeständnis der eigenen Schuld und Angebot einer Wiedergutmachung. Wenn Ihnen also die Heckenschere, die Sie von Ihrem Nachbarn geborgt haben, kaputtgeht, sagen Sie nicht nichts – in der Hoffnung, dass er den Schaden nicht bemerken wird. Sagen Sie: «Es tut mir leid, dass ich deine Heckenschere kaputt gemacht habe.» Und dann kaufen Sie ihm eine neue.

Willy Brandts Kniefall 1970 in Warschau ging wohl auch deshalb in die Geschichte ein als eine der ganz wenigen glaubwürdigen politischen Entschuldigungen, weil es nicht bei einer Geste blieb, sondern diese mit einer Handlung einherging: der Unterzeichnung des Warschauer Vertrags.

Fassen wir zusammen:«Es tut mir leid»: gut.«Es tut mir leid, dass ich mich über dich lustig gemacht habe»: besser.«Es tut mir leid, dass ich dich verletzt habe, und ich möchte es wiedergutmachen»: am besten.

Und, bitte, machen Sie sich die Mühe, es der Person persönlich zu sagen. Schauen Sie ihr dabei in die Augen. Vor allem aber: Meinen Sie, was Sie sagen.In Zeiten, in denen besonders online mit grosser Häme und Härte ausgeteilt wird und Entschuldigungen oft zu reinen PR-Manövern verkommen, wäre es essenziell wichtig für uns alle, dass wir lernen zu sagen: «Ich habe etwas falsch gemacht.» Punkt.

Erstellt: 13.07.2019, 19:22 Uhr

Artikel zum Thema

«Ich bitte die Lehrerin in aller Form um Entschuldigung»

Video Fünf Tage nachdem SVP-Nationalrat Andreas Glarner das Handy einer Lehrerin Sturm läuten liess, hat er sich entschuldigt. Mehr...

Sorry, das ist keine Entschuldigung

SonntagsZeitung Für verbale Entgleisungen Abbitte zu leisten, liegt im Trend. Um Anstand geht es dabei aber nicht. Mehr...

Sorry, Tschuldigung, oder doch Exgüsi?

Video «Ich bitte um Entschuldigung»: Es geht auch einfacher und weniger gestelzt. Martin Ebel nennt Beispiele. Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Kommentare

Weiterbildung

Gamen in der Schule

Die Schule bereitet Kinder auf die Arbeitswelt vor. Das Rüstzeug soll auch spielerisch vermittelt werden.

Die Welt in Bildern

Gross-Demo: Mit Schutzmaske und Schwimmbrille schützt sich ein Demonstrant vor einem Tränengas-Angriff der Polizei in Hong Kong am Sonntagabend. (21. Juli 2019)
(Bild: Getty Images / Ivan Abreu) Mehr...