Wie sich Schweizer Mundart verändert

Englisch wirkt auf den Dialekt ein, Hochdeutsch und der Balkanslang der Jugendlichen. Chas gits.

Auch in der Schule vermischen sich verschiedene Sprachen und Dialekte.

Auch in der Schule vermischen sich verschiedene Sprachen und Dialekte. Bild: Keystone

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Elvira Glaser, Deutsches Seminar der Uni Zürich: eine gute Anlaufstelle für alle, die sich für die hiesigen Dialekte und ihren Zustand interessieren. Beim Begrüssungsschwatz zeigt sich: Das Schweizerdeutsch der Professorin, einer renommierten Sprachforscherin, ist grammatikalisch perfekt. Nur an ein paar Endungen («aber» tendiert zu «aba») hört man fein, dass sie Deutsche ist: eine Pfälzerin, seit 22 Jahren im Land, zu Hause am Seerhein, Kanton Thurgau.

Dass man sich mit der Dialektforscherin gleich als Erstes über ihren Dialekt unterhält – es weist auf etwas Grundsätzliches: Die Mundart ist unser nationales Dauerthema. «Die Sensibilität der Schweizer dafür ist ausgeprägt», sagt Elvira Glaser. Ein amerikanischer Germanist habe einst geschwärmt: «Die Schweiz ist ein Linguistenparadies.» Tatsächlich tummeln sich bei uns auf kleinstem Raum eine Vielzahl von Dialekten. Sie erfreuen. Sie faszinieren. Und sie belustigen: Ein Büstenhalter heisst im Wallis «Buttitschifra».

Sind Sie Luzerner?

Fast jeder Schweizer, fast jede Schweizerin scheint einen Dialektsensor eingebaut zu haben. Lernt man im Kunstmuseum eine Frau kennen, die die Gemälde «schöa» findet, also schön, ruft man freudig: «Sie sind sicher aus dem St. Galler Rheintal, heieiei!» Und wenn man daraufhin so laut gsprächlet, dass eine andere Person in der Nähe ruft: «Möchid nid so ne rüdige Lärm!» – dann sagt man: «Sorry!» Und schiebt nach: Exgüsi, darf ich fragen, sind Sie Luzerner?»

Sags auf Halbenglisch
Foode
Essen
Beams mir übere
Schicks/mails mir rüber
S neu Game isch im Fall voll de Burner
Das neue Spiel ist toll
Öises Steaik chunt mit Nüdeli
Von: Our steak comes with noodles – Spruch des Kellners im Restaurant
Dr Fium isch scho no spooky
Der Film ist ziemlich unheimlich
Möchted Sie no ein Tee? Nei danke, ich bin guet
Von: Thanks, I'm good
Oh mein Goooooooott!
Drei Mädchen über einen Spruch ihres Lehrers:
Oh my God!
Danke – käis Problem
Thanks - no problem
Ich liebs
Von: I love it

Illustration: Leandro Alzate

So verbreitet wie beliebt sind Dialektwitze. Etwa der vom Glarner Ferientouristen, der in der Stadtberner Beiz über seine Frau sagt: «Ietz will die moorä its Ämmital.» Worauf es totenstill wird. «Moorä» heisst im Glarnerland «morgen». Bei den Bernern ist die «More» eine Sau.

Und stets ist Bewegung in den Dialekten, sie sind allen möglichen Einflüssen unterworfen: Das Englische und das Hochdeutsche wirken auf sie, aber auch die Muttersprachen junger Secondos. Alles ist im Fluss. Der Wandel zeigt sich schon bei den einzelnen Wörtern. Eines der Beispiele, die Elvira Glaser nennt: «Schmalz».

Praktisch nur noch die Appenzeller – und längst nicht mehr alle – sagen «Schmalz» für «Butter». Vormals aber zog sich das Reich des Schmalzes von Schaffhausen bis ins Bündnerland. Das Wort «Butter», das sich an seiner Stelle ausbreitet, bedrängt auch den «Anke»: Das belegen die Forscher mit Karten, die aufgrund von Befragungen von Dialektsprechern einst und heute entstanden sind.

Der «Summervogel» hat im Mittelland mehr oder minder ausgeflattert, der «Schmetterling» obsiegt.

Elvira Glasers Deutung zum Siegeszug der «Butter»: Als man noch zu Hause Rahm schlug, bis er Butter wurde, bekam diese einen regionalen Namen. Dann kamen die Grossverteiler. In den Regalen stand nun von St. Gallen bis Brig auf der Packung einheitlich: «Butter».

Aufsteiger und Absteiger der letzten Jahre und Jahrzehnte: Der «Summervogel» hat im Mittelland mehr oder minder ausgeflattert, der «Schmetterling» obsiegt. Dem «Stägetritt» setzt die «Träppestuefe» zu. Und statt «Ross» hört man seit einiger Zeit ab und zu «Pferd».

Eingeschweizertes Hochdeutsch

Da chasch was mache demit
Da kannst du was machen damit
Ich wirde morn abreise
Eigentlich hat Schweizerdeutsch keine Zukunftsform mit dem Hilfsverb «werden»
Passt
Deutsch/österreichisch: okay, gern, gut so
Ich bechume es Schwarztee
Oder:
Ich kriege n'es Schwarztee
Statt: «überchume». Die Wendung ist übrigens als Ganzes Hochdeutsch: Ich kriege einen Schwarztee
Danke (Restaurantgast)
Gern! (Serviererin)

Verkürzte Formulierung für «gern geschehen»
Ig wohne in Bärn
Statt: Ig wohne z'Bärn
Mir händ wele go bade, doch d'Badi am See isch leider zue gsi
«Doch» statt «aber»
Wiehnachtsbaum
Statt: Chrischtbaum
Wiehnachtsmaa
Statt: Samichlaus
Schmetterling
Statt: Summervogel
Pferd
Statt: Ross
Früestücke
Statt: Zmorgenesse
Träppestufe
Statt: Stägetritt

Illustration: Leandro Alzate

Das Hochdeutsche wirkt in diesen Fällen ganz direkt. Zwar kam im Zweiten Weltkrieg mit der «Geistigen Landesverteidigung» eine Dialektwelle auf, man grenzte sich so von Nazideutschland ab. Später entdeckten die Medien die Mundart und gaben sich dank ihr volksnah. Das Radio-SRF-Infomagazin «Rendez-vous», das eben seinen 50. Geburtstag feierte, startete – eine Pioniertat – im Dialekt, weshalb sich wichtige Politiker vorerst fernhielten. Bis sie merkten, dass die Sendung ankam.

Trotz alledem: Hochdeutsch prägt den Dialekt. So mancher Lokalradio-Beitrag kommt in Mundart daher, doch ist das zugehörige Manuskript hochdeutsch. Und also spricht der Moderator: «Es sind erheblichi Niederschläg z erwarte. Am Namittag wirds dänn intensiv rägne.» Das klingt künstlich, und die Zukunftsform mit «werden» gibt es im Dialekt nicht.

Die Jungen lieben es, Eltern und Ältere mit frischen Redensarten zu irritieren.

Ebenfalls weiterhin stark: der Druck des Englischen. «Öises Steak chunt mit Nüdeli», sagt der Kellner. Das ist eins zu eins englisch: «Our steak comes with noodles.» Die SMS Jugendlicher wimmeln von englischen Wörtern: «Du bisch die beschtischti Sister vo der ganze Welt, hey, happy B-Day», schreibt Lina. Geburtstagskind Seraina retourniert: «Suppppppercoool, thx, Sweetie, kissyou, muah!»

Gerade in der Jugendsprache tritt der Dialektwandel deutlich zutage. Die Jungen lieben es, Eltern und Ältere mit frischen Redensarten zu irritieren. «Hüt Obet tömmer eskaliere», sagt das Ostschweizer Meitli und muss das der Grossmutter übersetzen: Sie will mit ihren Freundinnen festen. Apropos alt: «Wie isch s Wuchenend gsi, Alte», fragt der eine Zehnjährige heutzutage den anderen.

Das Forsche finden nicht alle cool

Nicht alle Leute mögen diese forsche Art von Dialekt. Besonders gilt dies für das sogenannte Balkandeutsch, das unter Secondos entstand und längst auf viele andere Junge übergeschwappt ist; manche Eltern und Lehrer ärgern sich. Doch genau genommen handelt es sich um einen witzigen Slang. Charmant ist der unfreiwillige Humor in Sprüchen wie «Ich weiss im Fall, wo dis Huus wohnt» («Ich weiss, wo du wohnst») oder «Tue mi nöd produziere!» («Provozier mich nicht»).

Dass Balkandeutsch salonfähig geworden ist, zeigt die Episode des Jugendlichen, der sich im Internet über das teure Zugbillett Zürich–Genf ärgerte. Er rechnete falsch. Die SBB konterten auf der Plattform Instagram in der Sprache, die ihnen entgegengeschlagen war: «Wenn ims krasse Sparbillett nimsch, kostet (...) nur 53.40. Verstehe dise?»

Erfinderische Jugendsprache
Im Take-away:
Isch de Kafi zom Mitneh? – Nei, zom da.
Nein, ich trinke ihn hier
Schliifts?
Hast du sie nicht alle?
Hüt Obet tömmer eskaliere
Heute abend feiern/festen wir
Chill dini Läbe! Chill dini Basis/Base!
Reg dich ab! Nimms ruhig!
Dasch vou chillig
Das ist total angenehm/locker
Hängs!
Nimm es locker
Ich fühls nöd
Es gefällt mir nicht
Hey, bisch krass hübsch, Monn!
Junger Mann zu junger Frau: «Du bist total hübsch»
Wo läbsch du?
Du benimmst dich daneben
Chas gits
Kann es halt mal geben
I crack ab
Ich bin fix und fertig. «Abcracken» gleich «sterben»
Du Lurch!
Du Depp!
Lauch
Einer ohne Muskeln
Wohn ich Schliere
Ich wohne in Schlieren
E gmüetligs Bike
Ein super Velo
Voll abshoppe
Shoppen wie wahnsinnig
Verstehe dise?
Verstehst du das?
Gömmer Migros? Ja, Alte
Dialog unter 13-Jährigen
Hey Missgeburt, was lauft?
Freundliche, keineswegs verächtlich gemeinte Begrüssung unter Jugendlichen

Illustration: Leandro Alzate

Dialektforscherin Elvira Glaser sieht beim Dialektwandel einen Megatrend: In der Deutschschweiz bilden sich zwei sprachliche Grosszentren, die deutlich dominieren. Man spricht von «Regiolekten». Zürich ist das eine Zentrum, Bern das andere, und beide entfalten sie über ihr angestammtes Terrain hinaus Einfluss. Markant zum Beispiel, wie das berndeutsche «fouge» statt «folge» mittlerweile bis in die Innerschweiz zu hören ist.

Kleine Dialekte hingegen seien akut bedroht, berichten Sprachbeobachter. Der Kurzenberger Dialekt etwa im Appenzeller Vorderland. Wo andere Appenzeller «Gäässe» sagen für «Geissen», hört man dort «Gaasse»: die Leute schwatzen auffallend «braat», breit.

Ein Kommen und Gehen

Beispiel aus einem anderen Landesteil für einen bedrängten Dialekt: Jaundeutsch im Freiburgischen, das auf ein paar Talkilometern in den Dörfern Jaun sowie Im Fang noch gesprochen wird. Für diese und andere Kleindialekte gilt, dass die Mobilität der Leute ihnen zu schaffen macht. Einer, der in Jaun zugezogen ist, sagt kaum für die Spielpuppe «Muusa».

Trösten mag, dass es den Dialektwandel schon immer gab. Leicht fremd kommt uns heute vor, wie drei abgerissene Gestalten im Film «Bäckerei Zürrer» von 1957 in der Wirtschaft reden: «Häsch du no Chlütter?» – «Nüt meh.» Der Ausdruck «Chlütter» für Geld ist am Verblassen, ein heutiger Zwanzigjähriger braucht ihn kaum noch aktiv. Doch eben – während die einen Wörter verschwinden, werden andere geboren. Wo Secondos leben, hört man seit einiger Zeit die Wendung: «Er isch min Brat.» Brat ist Serbisch für «Bruder». Ob sich das Wort einbürgert? In ein paar Jahrzehnten wissen wir mehr.


«Falsche Mundart gibt es nicht»

Bänz Friedli, Kolumnist und Kabarettist, über spielerische Wortschöpfungen, tonangebende Jugendliche und die zweisprachige Erziehung seiner Kinder.

Herr Friedli, welcher Dialektausdruck hat Sie kürzlich überrascht oder amüsiert?
«Du bisch so en verbiepste Bieps!» So parodieren Jugendliche amerikanische Medien, wo jedes Schimpfwort mit einem Piepston übertönt wird. Täglich höre ich solch spielerische Wortschöpfungen.

Sie und Ihre Frau sind Berner in Zürich, die Kinder zürchern. Geht das?
Das geht wunderbar. Sie switchen auch sehr behände zwischen den Dialekten, wir haben sie «bilingue» erzogen.

Der Sprachakrobat
Bänz Friedli, 53, ist Autor, Kabarettist und künstlerischer Leiter des Mundartfestivals Arosa/Lenzerheide. 2015 wurde der Berner Sprachkünstler mit dem Salzburger Stier ausgezeichnet. Friedli lebt mit seiner Frau und den zwei gemeinsamen Kindern in Zürich. Foto: Walter Bieri (Keystone)

Der Gegensatz Berndeutsch–Zürichdeutsch in je einem Wort?
«Warum?», fragten mich Berner, als ich mit 48 Jahren noch auf Kabarett umsattelte. In Zürich sagte man: «Werum nöd?» Die Haltungen sind unterschiedlich.

«Gömmer Starbucks?» hiess Ihr erfolgreiches Comedy-Programm. Es gibt Leute, die sich über das sogenannte Balkandeutsch der Jungen ärgern. Sie offenbar nicht.
Mich amüsierte, dass die oft gescholtene Minderheit unter hiesigen Jugendlichen den Ton angab. Die Aussenseiter- wurde zur Leitkultur. Halb aus Spott, halb aus Ehrfurcht übernahmen Deutschschweizer Jugendliche den «Ey, wassisch los, Monn?»-Tonfall. So, wie wir uns seinerzeit an den coolen Italos orientierten.

Sie lebten lange in Schlieren im Limmattal, wo es viele Secondos hat. Stammt Ihre Secondo-Sprachkompetenz von dort?
Für «Gömmer Starbucks?» hörte ich mich im ganzen Land um, weil der «Jugoslang» in Pratteln anders klingt als im Rheintal. Aber sensibilisiert fürs Thema wurde ich schon im Schmelztiegel Schlieren.

Regt es Sie nicht auf, wenn jemand «Pferd» statt «Ross» sagt?
Ich habe Gelassenheit gelernt. In den Worten meiner Tochter: «Chill diini Basis!» Sprache ist nun mal lebendig, «richtige» oder «falsche» Mundart gibt es nicht. Auch dies ist Mundart, weil ich es vor der Post Albisrieden in Zürich so aufgeschnappt habe: «Ey, schriibsch mich Föteli mit Handy, wänn gohsch Ferie imm Serbiä?»

Das Mundartfestival Arosa/Lenzerheide fand kürzlich zum ersten Mal statt. Welches war Ihre schönste Trouvaille im Programm?
Wunderschön war die Vielfalt, das Aufeinandertreffen von Walter Liethas alten Bündner Liedern mit der Sprache der «Generation Tinder», über die uns TV-Moderatorin Gülsha Adilji aufklärte. Fazit nach der ersten Festival-Ausgabe: Wir diskutieren und streiten so gern über unsere Dialekte, weil wir sie so gern haben. Das werden wir weiter mit Lust tun.

(Schweizer Familie)

Erstellt: 26.02.2018, 08:29 Uhr

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