Wie soll ein Anarchist sein Kind erziehen?

Die Antwort auf eine Leserfrage zur Freiheit des Individuums.

Welche Freiheit kann man schon ausüben, ohne dass die Freiheit eines anderen tangiert wird? Foto: Josh Willink (Pexels)

Welche Freiheit kann man schon ausüben, ohne dass die Freiheit eines anderen tangiert wird? Foto: Josh Willink (Pexels)

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Ich bin Anarchist. Auf welche Grundlage stelle ich da etwa mein Verdikt, dass meine zweieinhalbjährige Tochter um 10.30 Uhr in der Badi keine Glace bekommt? Kann ich meine fiskalische Hoheit ausspielen? Darf ich, wenn auch nicht vollständig kohärent, auf gesundheitliche Gründe ausweichen? Und wie soll ich, wenn alle Argumente nichts fruchten, meine körperliche Überlegenheit ausüben, ohne ihren – oder, noch schlimmer, meinen! – revolutionären Geist zu brechen? Kurzum: Wie kann ich, als Anarchist, in einer realen Demokratie und Familie leben, wachsen, sterben?
M. S.

Lieber Herr S.
Lassen wir mal das Wachsen und das Sterben beiseite – bleiben wir beim Leben als Anarchist. Als Richtschnur nehmen wir den klassischen Text von Michail Bakunin zum Thema, den «Katechismus der revolutionären Gesellschaft» von 1865. Dort heisst es: «Die Freiheit ist das absolute Recht aller erwachsenen Männer und Frauen ...» Ebenfalls einschlägig ist folgende Stelle: «Die Kinder gehören weder ihren Eltern noch der Gesellschaft, sie gehören sich selbst und ihrer künftigen Freiheit. Als Kinder, bis zum Alter ihres Freiwerdens, sind sie nur im möglichen Zustand der Freiheit und müssen sich daher unter dem Regime der Autorität befinden. Die Eltern sind ihre natürlichen Vormünder ...» Nehmen wir das Manifest als Richtlinie, so spricht nichts dagegen, ihrer Tochter eine morgendliche Glace zu verweigern.

Aber sooo ernst haben Sie Ihre Frage auch wieder nicht gemeint, gell. Wir sind wohl einer Meinung, dass eine anarchistische Verfassung wenig als Grundlage für das Zusammenleben mit einer Zweieinhalbjährigen taugt. Und trotzdem wollen wir nicht in das wohlfeile Anarchismus- und Antiautoritarismus-Dissen verfallen, das die vereinten Grenzensetzer, Tyrannenkinder-Bekämpfer und Anti-Kuschelpädagogen aller Nationen so gerne mit leuchtenden Augen betreiben.

Als ich nämlich im revolutionären Katechismus herumgestöbert habe, ist mir ein anderer Satz aufgestossen, der tatsächlich sowohl für die Erziehung als auch die Ordnung des erwachsenen Zusammenlebens eine bedenkenswerte Perspektive liefert: «Es ist nicht wahr, dass die Freiheit eines Individuums durch die Freiheit aller anderen begrenzt wird.» Bakunin widerspricht hier dem beliebten Diktum, dass die Freiheit eines jeden dort endet, wo die des anderen beginnt.

Unter den Bedingungen einer Massengesellschaft bedeutet dieser Satz, den alle so plausibel finden, im Grunde nichts anderes, als dass erst mal alles verboten sein muss. Denn welche Freiheit kann man schon ausüben, ohne dass die Freiheit eines anderen tangiert wird? Wahrscheinlich bleibt da nicht mal das heimliche Rauchen auf dem Klo als freiheitlicher Akt übrig. Das heisst: Man sollte die eigene Freiheit nicht dazu missbrauchen, erst mal jede andere Freiheit runterzubügeln. Nicht die von Erwachsenen, nicht die von Kindern.


Der Psychoanalytiker Peter Schneider beantwortet jeden Mittwoch Fragen zur Philosophie des Alltagslebens. Senden Sie uns Ihre Fragen an gesellschaft@tagesanzeiger.ch.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 24.01.2018, 09:17 Uhr

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