Interview

«Wie wenn man beim Fussball einen Schuss zwischen die Beine bekommt»

Andreas Senn*, Vater von zwei Kindern, hat sich mit 35 unterbinden lassen. Er fand das keine grosse Sache. Und würde es jedem Mann empfehlen. Teil 2 unserer Serie zum Thema unfreiwillige Vaterschaft.

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Sie haben sich vor einem Jahr unterbinden lassen. Erinnern Sie sich noch an das Gefühl danach?
Ja, sehr gut sogar, weil es ein grauer, nasser, trüber Novembertag war, absolut deprimierend. Die Operation war um den Mittag herum fertig, und weil sie ja ambulant durchgeführt wird, ging ich zu meinem Auto, während gerade alle anderen irgendwo essen gingen. Da kam ich mir etwas komisch vor, so allein, mit meinen durchtrennten Samenleitern. Ich fand es ein wenig dramatisch.

Aber Sie empfanden keine Reue?
Nein, keine Sekunde. Es wurde mir nur so richtig bewusst. Es ist ja eine Zäsur: Man weiss, dass das Fortpflanzungskapitel unwiederbringlich abgeschlossen ist, weil man sich aktiv seiner Wahlmöglichkeit beraubt hat.

Sie waren 35, als Sie sich unterbinden liessen. Weshalb unterzogen Sie sich dem Eingriff?
Weil meine Frau und ich uns einig waren, dass wir nach zwei Kindern keinen weiteren Nachwuchs möchten. Und weil meine Frau keine Lust mehr hatte zu verhüten. Ich gebe offen zu, dass ich den Vorschlag mit dem Schnippschnapp, wie ich die Unterbindung jeweils nenne, von mir aus nicht gemacht hätte. Aber als sie es ansprach, war ich sofort einverstanden, mal mit einem Arzt zu reden.

Sie hatten keine Einwände? Viele Männer reagieren nur schon, wenn sie den Begriff «Vasektomie» hören, leicht verstört.
Es stimmt, was man oft liest: dass für Männer ihr Geschlechtsorgan ein viel heikleres Thema ist als für Frauen. Und es hat nicht nur mit Machotum zu tun, sondern auch mit Scham. Zum Beispiel mit der Angst, der Penis könnte sich bei der Untersuchung selbstständig machen.

Sie hatten keinerlei solche Bedenken?
Nein. Mich dünkte das Ganze ehrlich gesagt keine grosse Sache. Ich sah das ganz pragmatisch. Ich machte einen Termin bei einem Chirurgen aus, der wollte allerhand wissen, wie alt ich bin, ob ich bereits Kinder habe, ob ich sicher bin, und dann musste ich unterschreiben und, was ich sehr erstaunlich fand, meine Frau ebenfalls. Aber ich gebe zu: Ich fand es auch unangenehm, als der Arzt dann meinen Penis untersuchte. Wir Männer sind uns im Unterschied zu Frauen nicht gewohnt, regelmässig im Intimbereich untersucht zu werden, entsprechend tun wir uns damit schwerer.

Das ist das eine. Das andere, dass viele Männer offenbar immer noch befürchten, ihre Potenz oder ihr Sexualleben würde Schaden nehmen.
Die alten Ammenmärchen, ich weiss. Es wird befürchtet, dass das Stehvermögen leide oder dass kein Sperma mehr vorhanden sei, beides ist völliger Quatsch.

Und, wie war sie denn nun, die Operation?
Sie dauerte knapp 40 Minuten, dann war die Sache erledigt. Es gibt eine örtliche Betäubung in die Hoden, weil dort ein kleiner Schnitt gemacht wird. Weh tut es nicht, es ist bloss etwas unangenehm, wenn der Samenleiter gesucht werden muss, dann spürt man ein Ziehen. Und im Nachhinein fühlt es sich in den ersten ein, zwei Tagen an, wie wenn man beim Fussballspielen einen Schuss zwischen die Beine bekommen hätte. Man kann nicht so lange und so problemlos sitzen wie sonst, aber damit hat es sich auch schon. Danach ist alles wie früher. Gekostet hat das Ganze übrigens um die 700 Franken.

Mit einer Vasektomie übernimmt ein Mann ja auch Verantwortung. War Ihnen das wichtig?
Tatsächlich wird einem als Mann immer nur in jenen Momenten, in denen man hofft, dass die Partnerin eben gerade nicht schwanger ist, bewusst, wie sehr man eigentlich davon ausgeht, dass sie schon weiss, was sie tut. Das vergisst man dann aber schnell wieder und denkt nicht mehr weiter darüber nach. In langfristigen Beziehungen tragen deshalb klar die Frauen die ganze Verantwortung in Sachen Verhütung. Es schien mir deshalb nur fair, meinen Teil dazu beizutragen. Obschon ich die Unterbindung keineswegs als uneigennützig bezeichnen würde.

Weil Sie nun mehr Kontrolle haben?
Genau. Es ist ein gutes Gefühl zu wissen, dass es nun ganz sicher keinen Nachwuchs mehr geben kann. Selbst wenn ich irgendwann nicht mehr mit meiner Frau zusammen sein sollte, wird sich die Kinderfrage in einer neuen Partnerschaft nie mehr stellen, weil es einfach nicht mehr geht. Diese Diskussion nicht mehr führen zu müssen, empfinde ich als genauso befreiend wie das Wissen, dass da keine Gefahr mehr droht, wenn man das überspitzt so nennen will.

Es könnte aber auch sein, dass Sie es bereuen.
Nein. Zum einen kann man es ja rückgängig machen, obschon mir mein Arzt erklärte, dass das ziemlich mühsam sei. Zum anderen habe ich mich dafür entschieden, weil ich bereits zwei Kinder habe und weiss, dass für mich trotz aller Liebe zu ihnen dieses Kapitel abgeschlossen ist.

Wie hat Ihr Umfeld reagiert?
Lustigerweise sagen fast alle Männer, denen ich es erzähle, das Gleiche. Nämlich, dass das in ihren Beziehungen auch schon ein Thema war, wobei es immer die Frauen waren, die es ansprachen. Es gibt ein paar wenige, die sagen sofort, das würden sie nie im Leben machen lassen, die meisten aber beteuern, das sei auf jeden Fall eine Überlegung wert – gemacht hat es bis jetzt keiner. Immerhin einer hat ein paar Monate später mal nach der Adresse meines Arztes gefragt.

*Name geändert

Erstellt: 15.10.2013, 11:04 Uhr

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