Wie wird man fremdenfeindlich?

Die Antwort auf eine Leserfrage zu einem hochaktuellen gesellschaftlichen Thema.

«Fremdheit» ist keine stabile, absolute Kategorie, sondern höchst relativ: Menschen am Zürcher Hauptbahnhof. Foto: Reto Oeschger

«Fremdheit» ist keine stabile, absolute Kategorie, sondern höchst relativ: Menschen am Zürcher Hauptbahnhof. Foto: Reto Oeschger

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Gibt es «typische» Bedingungen zur Entstehung von Fremdenfeindlichkeit? Welche gesellschaftspolitischen Bedingungen begünstigen das Ausleben xenophober Gewalt, welche dämmen sie eher ein?
M. E.

Liebe Frau E.

Der Begriff der «Fremdenfeindlichkeit» scheint mir heikel. Denn er setzt allzu selbstverständlich voraus, dass die Feindseligkeit gegenüber bestimmten Gruppen von Menschen aus deren Fremdartigkeit resultiert. Der jugoslawische Bürgerkrieg und der Völkermord der Hutu an den Tutsi hingegen sprechen dagegen, dass Menschen vor allem das Fremde am anderen fürchten oder hassen. «Fremdheit» ist keine stabile, absolute Kategorie, sondern höchst relativ. Die Suche nach den Ursachen von Fremdenfeindlichkeit mündet leicht in einer vorderhand handfest erscheinenden Anthropologie: Der Bauer isst bekanntlich nicht, was er nicht kennt; und für den Höhlenbewohner war es über­lebenswichtig, den Mitgliedern einer fremden Sippe zu misstrauen.

Solche Geschichten erklären nichts. Schlechte Bildung, eine prekäre ökonomische Situation, wenig reale Kontakte zu Ausländern sind Faktoren, die sich als statistisch relevante Grössen im Hinblick auf eine feindliche Einstellung gegenüber anderen Ethnien, Kulturen oder Nationalitäten herausgestellt haben. Doch auch bei diesen Faktoren gibt es Ausnahmen und erstaunliche Unterschiede im nationalen Vergleich.

Einheimische Scheininvalide

Der deutsche Antisemitismus in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts war auch eine Angelegenheit der Gebildeten. Thilo Sarrazin hat keinen ökonomischen Grund, sich vor der Konkurrenz der türkischen «Kopftuchmädchen» zu fürchten – und die vor ein paar Jahren in Zürich grassierenden Ressentiments gegen deutsche Professoren waren in der Studentenschaft entstanden, bevor sie von der SVP aufgegriffen wurden.

Die enormen Sozialhilfekosten, die eine kleine Gemeinde für eine eritreische Familie aufbringen muss, sind ­gewiss ein Ärgernis – aber eins unter ­vielen, wozu auch einheimische Sozialschmarotzer, Scheininvalide und Burn-out-Lehrer fallen könnten.

«Fremde sind wir uns selbst»

Der Witz an der Fremdenfeindlichkeit scheint zu sein, dass das «Fremde» so wenig zu seiner Erklärung taugt, dass man fast erleichtert scheint, wenn mit den syrischen Flüchtlingen für einmal echte Fremde aus der wirklichen Fremde kommen, die uns überfremden.

Was wir über so viel Fremdheit vergessen können: «Fremde sind wir uns selbst» (Julia Kristeva). Etwas weniger gebüldet hat Karl Valentin dieselbe ­Tatsache so formuliert: «Manchem Münchner zum Beispiel ist das Hofbräuhaus nicht fremd, während ihm in der gleichen Stadt das deutsche Museum, die Glyptothek, die Pinakothek und so weiter fremd sind.»


Der Psychoanalytiker Peter Schneider beantwortet jeden Mittwoch Fragen zur Philosophie des Alltagslebens. Senden Sie uns Ihre Fragen an gesellschaft@tagesanzeiger.ch.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 25.10.2016, 19:01 Uhr

Peter Schneider

Der Psychoanalytiker beantwortet jeden Mittwoch Fragen zur Philosophie des Alltagslebens.

Das Buch

Peter Schneiders gesammelte Kolumnen

Peter Schneider: Identität und solche Sachen. Kolumnen. Zytglogge-Verlag, Basel 2016. 260 Seiten, ca. 32 Franken.

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