Wieso Burn-out keine Berufskrankheit sein soll

Soll Burn-out als Berufskrankheit anerkannt werden? Nein, findet der Bundesrat. Er befürchtet eine «unabsehbare» Erhöhung der Fälle. Ein Arbeitsmediziner gibt ihm recht.

Stressiger moderner Arbeitsplatz: Knapp 20 Prozent der Erwerbstätigen in der Schweiz fühlen sich bei der Arbeit emotional ausgebrannt.

Stressiger moderner Arbeitsplatz: Knapp 20 Prozent der Erwerbstätigen in der Schweiz fühlen sich bei der Arbeit emotional ausgebrannt. Bild: Reuters

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Burn-out – das Wort hat seit einigen Jahren Hochkunjunktur. Es wird immer dann benutzt, wenn Menschen nicht mehr können. Wenn sie nur noch erschöpft sind. Wenn ihnen die Kraft zum Arbeiten fehlt. Bevor es zu dieser akuten Erkrankung kommt, machen sich häufig deutliche Anzeichen bemerkbar – und die sind bei Schweizer Arbeitnehmern weit verbreitet: Knapp 20 Prozent der Erwerbstätigen fühlen sich bei der Arbeit emotional ausgebrannt. Fast jede fünfte erwerbstätige Person ist am Arbeitsplatz ständig oder häufig gestresst. Zudem sind in der Schweiz Depressionen, Angstzustände und Schlafstörungen deutlich verbreiteter als in den EU-Ländern. Das zeigen mehrere Studien des Bundes.

Diese Entwicklung bereitet dem Neuenburger SP-Ständerat Didier Berberat Sorgen: In einem parlamentarischen Vorstoss regte er an, die Burn-out-Prävention zu verstärken und das Erschöpfungssyndrom in den Katalog der Berufskrankheiten im Unfallversicherungsgesetz (UVG) aufzunehmen. Heute gehören stressbedingte Erkrankungen nicht dazu, weil keine klar definierte Berufsgruppe besonders gefährdet ist. Zum Vergleich: Erkrankt ein Bauarbeiter an Krebs, weil er früher Asbest ausgesetzt war, liegt eine Berufskrankheit vor.

Auch arbeitsfremde Faktoren spielen eine Rolle

Der Bundesrat beurteilt die Situation allerdings komplett anders als Berberat, wie er in der Antwort auf dessen Vorstoss festhält: Präventiv werde bereits ausreichend getan. Zudem sei Burn-out «ein multifaktorielles Krankheitsbild, bei dem auch arbeitsfremde Faktoren wie familiäre, finanzielle und kulturelle Umstände mitspielen.» Die Regierung befürchtet eine «unabsehbare» Erhöhung der Fallzahlen, wenn Burn-out als Berufskrankheit gelten würde, weil das Syndrom wissenschaftlich nicht definiert sei – und weil Stress subjektiv unterschiedlich empfunden werde.

Dieter Kissling, Leiter des Instituts für Arbeitsmedizin in Baden, gibt dem Bundesrat recht: «Der Arbeitsplatz ist zwar ein wichtiger, aber eben nur einer der Faktoren, die zu einem Burn-out führen können. Entscheidend ist vielmehr die Persönlichkeitsstruktur: Überengagierte, perfektionistische Arbeitnehmer sind besonders gefährdet.» Zudem sei ein Burn-out gar nicht die Krankheit, sondern der Prozess der zunehmenden Erschöpfung. An dessen Ende stehe die eigentliche Erkrankung: eine Depression.

Ausweg aus der beruflichen Einbahnstrasse

Der Burn-out-Experte hält die bundesrätliche Angst vor einer starken Zunahme der Fallzahlen für begründet. «Wie eine Krankheit versicherungsrechtlich abgegolten wird, kann massive Folgen für deren Verbreitung haben.» So habe etwa die Suva-Praxis, medizinische Leistungen bei Schleudertraumata restriktiver zu bezahlen, zu einer deutlichen Reduktion der Fallzahlen geführt.

Würde Burn-out in die Liste der Berufskrankheiten aufgenommen, könnte dies gemäss Kissling zur Folge haben, dass manche Arbeitnehmer darin einen Ausweg aus einer beruflichen Einbahnstrasse sähen: «Die Arbeitswelt wandelt sich rasant. Wer bei diesem Tempo nicht mehr mithalten kann, könnte bei einer entsprechenden rechtlichen Absicherung eher zu einem Burn-out neigen. Die finanziellen Folgen für die Allgemeinheit wären enorm.»

Begründete Skepsis?

Ist die weit verbreitete Skepsis gegenüber der unscharf definierten Krankheit also gerechtfertigt? «Jein», sagt Kissling. «Ein Burn-out ist eine Depressionsform – aber gesellschaftlich besser akzeptiert als eine klassische psychische Erkrankung. Daher bevorzugen es viele Patienten, von einem Burn-out zu sprechen.»

Trotz der Unterstützung der bundesrätlichen Linie: In einem Punkt teilt Kissling die Meinung der Regierung nicht. «Für die Burn-out-Prävention wird längst nicht genug getan. Dafür braucht es aber keine Gesetzesänderungen, sondern eine Sensibilisierung der Firmen.» Den Führungskräften käme dabei eine Schlüsselrolle zu: «Sie müssen in der Früherkennung eines Burn-outs geschult werden. Dieses Wissen fehlt in vielen Unternehmen.» Durch den technologischen Wandel und die ständige Erreichbarkeit seien die Grundlagen für die Erkrankung an vielen Arbeitsplätzen gegeben. Die Prävention sei daher ganz im Interesse der Unternehmen, sagt Kissling: «Wegen des langen Krankheitsverlaufs ist ein Burn-out ein enormer Kostentreiber.»

Erstellt: 19.05.2015, 19:09 Uhr

Artikel zum Thema

«Der Reformdruck an den Schulen führt öfter zu Burn-outs»

Interview Streit zwischen Lehrern und Schulleitern: Bildungsexperte Stephan Huber sagt, warum die Pädagogen vielerorts Mühe mit ihren neuen Chefs haben. Mehr...

Das Geschäft mit den Burn-out-Patienten

«Ambulant vor stationär»: Dieser Grundsatz ist in der Psychiatrie etabliert. Für Burn-out-Patienten mit einer Zusatzversicherung gilt er aber immer weniger. Denn mit ihnen können Kliniken Geld verdienen. Mehr...

«Burn-out-Patienten sind oft ADHS-Betroffene»

Interview Jedes Jahr erhalten viele junge Erwachsene eine IV-Rente wegen ADHS. Lisbeth Furrer-Bircher leitet eine Beratungsstelle für Betroffene und erklärt, warum ihnen das Arbeiten so schwerfällt. Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Kommentare

Abo

Abo Digital - 26 CHF im Monat

Den Tages-Anzeiger unbeschränkt digital lesen, inkl. ePaper. Flexibel und jederzeit kündbar.
Jetzt abonnieren!

Die Welt in Bildern

Ganz schön angeknipst: Ein Mitglied des Bingo Zirkus Theater steht anlässlich des 44. internationalen Zirkusfestivals in Monte Carlo auf der Bühne. (16. Januar 2020)
(Bild: Daniel Cole ) Mehr...