Wieso nerven Handy-Monologe so sehr?

Die Antwort auf eine Leserfrage zur Toleranzgrenze von Mithörern.

Das Handy und die Klagen über das Handy gehören zusammen wie katholische Schwulität und Priesterseminar.

Das Handy und die Klagen über das Handy gehören zusammen wie katholische Schwulität und Priesterseminar. Bild: Freestocks.org/Pexels

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Gestern fuhr der ICN Bern-Zürich mal wieder ohne Ruhewagen, und ich wurde unfreiwilliger Zeuge trivialer und dümmlicher Handy-Monologe: «Wo bist?» – «Wie gehts?» – «Was machst?» – «Bin grad im Tunnel!» – «Jetzt kommt dann gleich Aarau.» Frage: Warum rege ich mich über diese einseitigen «Gespräche» stets so auf? Wenn sich zwei oder auch mehr Personen mir gegenüber von Angesicht zu Angesicht unterhalten, kann ich seelenruhig den Tagi lesen und werfe niemandem bitterböse Blicke zu. Ist meine diesbezügliche Nulltoleranz altersbedingt (74 Jahre), oder bin ich eine hoffnungslose moderne Kulturpessimistin? C.W.

Liebe Frau W.

Wie Hobbes sagen würde: Der Mensch ist des Menschen Nervensäge. Übrigens auch im Ruhewagen, wo man auf das leiseste Getuschel und die gefühlt siebensprachigen Anpreisungen der köstlichen Snacks, die einen im Speisewagen erwarten, besonders allergisch reagiert. So viel zur allgemeinen Anthropologie. Nun zum Spezifischeren.

«Hoffnungslose Kulturpessimistin» scheint mir eine etwas harte Diagnose zu sein; aber die Richtung Ihrer Selbsteinschätzung stimmt durchaus. Aber ich kann Sie zugleich auch entlasten. Ihre Genervtheit ist nicht lediglich ein persönlicher Makel (allerdings auch kein Symptom Ihrer leider altmodisch gewordenen Kultiviertheit), sondern mindestens zu einem grossen Teil Ausdruck einer nicht aufzuhebenden gesellschaftlichen Ambivalenz.

Es ist fast so, als ob die Klage dazu dient, das Beklagte in Gang zu halten.

Will sagen: Das Handy und die Klagen über das Handy gehören zusammen wie katholische Schwulität und Priesterseminar. Wie Sünde und Beichte, Yin und Yang, Ping und Pong, Dick und Doof, Plisch und Plumm – ja, ja, ich höre schon auf – und Kliby und Caroline. Die unzähligen Glossen, Kolumnen, Artikel und Studien über die Dumpfheit des Handytelefonierens und die Weiterentwicklung des einfachen Handys zum raffinierten Smartphone marschieren Hand in Hand im Gleichschritt. So wie die Moderne und der anklagende Diskurs darüber, was diese Moderne uns abverlangt. Es ist fast so, als ob die Klage dazu dient, das Beklagte in Gang zu halten, indem wir uns aktiv kritisch zu etwas verhalten, dem wir tatsächlich passiv unterworfen sind.

Zum Schluss noch eine weitere, einfache, geradezu handfeste psychologische Erklärung: Gespräche, bei denen man nur die eine Seite hört, lassen sich weniger gut ausblenden, weil sie uns beständig zur inhaltlichen Ergänzung auffordern und damit eine kognitive Leistung erzwingen, die wir angesichts der doofen Inhalte eigentlich gar nicht leisten möchten.


Der Psychoanalytiker Peter Schneider beantwortet jeden Mittwoch Fragen zur Philosophie des Alltagslebens. Senden Sie uns Ihre Fragen an gesellschaft@tagesanzeiger.ch

(Redaktion Tamedia)

Erstellt: 05.11.2018, 11:05 Uhr

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