Wieso sind Expats keine Flüchtlinge?

Beide Gruppen verlassen ihre Heimat wegen der Arbeit – und doch sind sie komplett verschieden.

Google ist eine der Firmen, die weltweit Expats anzieht: Vor dem Firmensitz in Dublin. Foto: Reuters

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Worin unterscheiden sich Ihrer Meinung nach Expats von Wirtschaftsflüchtlingen? Da die Willkommenskultur eine wesentlich verschiedene ist, muss es ja einen Unterschied geben.
E. D.

Liebe Frau D.

Expatriates in der klassischen Definition des Begriffs sind (in der Regel hoch dotierte und qualifizierte) Fachkräfte, die für mehrere Jahre in einer ausländischen Filiale eines internationalen Konzerns arbeiten. Meistens ist die in einem anderen Land domizilierte Arbeitgeberin dafür besorgt, den Expats während deren Auslandsaufenthalt das Leben durch die Vermittlung einer Wohnung, einer internationalen Privatschule für deren Kinder, allenfalls auch eine Beschäftigungsmöglichkeit für den/die Partner/in zu erleichtern. Ein in der Schweiz arbeitender Krankenpfleger wäre dieser Definition nach kein Expat, sondern ein Arbeitsmigrant, wie es sie auch im inländischen Rahmen gibt, wenn etwa eine Tessiner Lehrerin nach Zürich zieht, um dort zu unterrichten.

Wirtschaftsflüchtlinge wiederum sind genau das, was der Name sagt: Menschen, die aus ihrem Land flüchten, weil sie dort kein genügendes Auskommen haben, keine Chancen sehen, ihren Kindern eine akzeptable Bildung zu ermöglichen, weil die Rechtsverhältnisse in ihrem Land es unmöglich machen, sich eine sichere Existenz aufzubauen. Die Gründe sind sehr zahlreich und unterliegen auch den subjektiven Einschätzungen der Flüchtenden; zudem hängen politische und wirtschaftliche Motive eng miteinander zusammen.


Es ist der Unterschied zwischen einer kleinen kosmopolitischen Oberschicht und einer grossen Anzahl von proletarisierten Menschen.

Das Problem dieser Gruppe von Emigranten bzw. Immigranten liegt darin, dass sie sich für ihre Migration auf keinen Rechtstitel berufen können – ausser auf das Recht auf Asyl, das aber für ihre Kategorie von Fällen eigentlich nicht gemacht ist. Dass jemand kein richtiger Asylsuchender ist, sagt darum nichts über die Legitimität seiner Fluchtgründe aus, sondern nur, dass die Kategorie «Asyl» nicht zu seinen Fluchtmotiven passt.

Der Unterschied zwischen Expats und Wirtschaftsflüchtlingen ist der zwischen einer kleinen kosmopolitischen Oberschicht, deren internationale Fluktuation nicht infrage gestellt ist, und der grossen Anzahl von proletarisierten Menschen, deren Aufenthaltsstatus nicht nur in ihrem Herkunfts-, sondern auch in ihrem Fluchtland prekär ist. Jene bildet die Gruppe der auch international Inkludierten, diese die Gruppe der Exkludierten, der «Überflüssigen», um es mit einem Begriff des Soziologen Heinz Bude zu formulieren. Was sie verbindet, ist die Eigenschaft, «ein Problem zu sein», ein Problem, das sich in Zukunft noch vergrössern wird.

Es ist eine Rhetorik voller Gehässigkeiten, in der das Thema der Wirtschaftsflüchtlinge verhandelt wird. Aber ihr Problem, ein Problem zu sein, lässt sich nicht durch eine andere Rhetorik – die Expats seien doch auch bloss Wirtschaftsflüchtlinge – lösen.


Der Psychoanalytiker Peter Schneider beantwortet jeden Mittwoch Fragen zur Philosophie des Alltagslebens. Senden Sie uns Ihre Fragen an gesellschaft@tagesanzeiger.ch

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 27.09.2017, 11:13 Uhr

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